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Die Wahrheit · 1908-08-07 · Heft 31 (7.8.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 31 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 31. erfreuen, sowohl hinsichtlich der .Vorschriften der natürlichen > Gesetze als der in Kraft stehenden St a a 1 s g es etze. Es gibt keinen Unterschied zwischen Person nnd' Person und zwischen Angehörigen der eisten und anderen Klassesondern es sollen alle aus dem Boden vollständiger Gleichheit der. Gerechtigkeit teilhaftig werden." Und noch melodischer ertönest die Heilsrufe der erlösenden Gerechtigkeit aus dem folgenden Passus: „Alle unsere Untertanen, glerchgiltig welcher Rasse und welcher Religion sie an gehören, besitzen persönliche Freiheit und sind gleich in ihren Rechten und Pflichten an das Reich." Wie bewundernd und neidvoll würden wir auf die aus den Tiefen der unkonstitutionellen Barbarei urplötzlich zur Höhe moderner Verfassungstheorien emporgestiegen Türkei emporblicken, wenn wir uns nicht traurig und beklommen sagen müßten: Auf dem Papier haben auch wir all diese schönen Lehren der Gleichheit, auch bei uns ist es angeblich „gleichgiltig", welcher Rasse nnd welcher Religion ein Bürger des Staates angehört. Auch wir haben einen herrlichen Hati humajun, wenn er auch bei uns anders heißt. Aber er heißt — soweit er die Juden berührt — nirgends allzuviel. * * * Wenn unser Hati Kumajun die volle Beachtung fände die. ihm in Oesterreich von Gott und Rechtswegen gebührt, dann würde Se. Exzellenz der Herr Arbeitsminister Geßmann die „Informationsreise", die er angeblich durch Tirol machte, nicht so ohneweiters zu einer agitatorischen Hetzreise umwandeln dürfen. Daß ein Minister Sr. Majestät, der kein „Landsmann- Minister" sondern der Vertreter eines alle Völker nnd Klassen berührenden Ressorts ist, sich plötzlich auf einer offiziellen Dienstreise so ungeniert als Parteimann deklariert, daß er seinen Dank Gemeinden ausspricht, „die so zahlreiche Hilfstruppen der christlichsozialen Partei gesandt", ist ein Novum, welches zu sehr trüben Besorgnissen Anlaß gebeil muß. Herr Dr. Geßmann hat, als er sein Amt antrat, Erklärungen abgegeben, die im schärfsten Widerspruch zu seiner gegenwärtigen Haltung stehen. Die verantwortungsvollen Ratgeber des Monarchen sollten, so möchte man denken, es doch genauer mit ihren Worten nehmen, als die unverantwortlichen Parteimänner. * * Traurig ist das Los der Juden, was Wunder, daß es den jüdischen Dichtern schlecht ergeht. Einen herzzerreißenden Eindruck übt der Bericht über die Lage des genialen M o r r i s R o f e n f e l d, den ein ungarischer Journalist dieser Tage in seinem Blatte veröffentlichte. Aus seiner Besprechung mit dem Dichter teilt er u. a. folgende Aeußernngen Rosenfelds mit: „Lieber Freund, ich bin ein armer, sehr armer Mann. Meine Gedichte wurden in alle Sprachen der Welt übersetzt, aber außer den englischen Verlegern zahlt niemand. Israel Zangwill ist mir mir eng befreundet und er vermittelte es, daß ich Honorare erhalte." Und die reichen amerikanischen Inden, die Millionäre? „Diese wollen von mir nichts wissen, weil ich Sozialist bin, weil ich für die Armen kämpfe. Als vor Jahresfrist das Gerücht verbreitet war, daß ich gestorben fei, wurde eine Sammlung eingeleitet. Mit Mühe und Not brachte man 3000 Dollar zusammen. Hievon bestritt ich meinen Lebensunterhalt, während ich vollständig erblindet war. Denn ich tvar blind nnd glaubte, niemals wieder meine Sehkraft zu erlangen. Ich konnte nicht arbeiten, und nur selten diktierte ich meiner Frau ein Gedicht. ... Ich legte meine Seele in meine Verse, während aus meinen Augen Stunden hindurch die Träne quoll. . .. Jetzt aber sehe ich ein wenig, und die Aerzte sagen, daß mein Augenleiden vollständig geheilt werden wird. Ich kann mich aber nicht schonen, sondern muß arbeiten, nm leben zu können." Was verdienen Sie denn? „25 Dollar wöchentlich. Dafür schreibe ich dem „Vorwärts" zwei Beiträge in der Woche, Prosa oder Verse, nach Belieben. Dafür erhalle ich monatlich 100 Dollar nnd mehr kann ich nicht erwerben. Hievon muß ich meine Frau und die beiden Töchter erhalten. Ich habe auch einem Sohn gehabt. Das „Jingele". Er starb im zehnten Lebensjahre. Das war ein Genie; er wäre ein Dichter von der Größe eines Schiller geworden. Schon in seinem zehnten Lebensjahre schrieb er englische Gedichte^ Ich werde diese Verse in meinem neuesten Bande -veröffentlichen/- Er starb und ließ mich in tiefe Trauer zurück. Deshalb erkrankte ich." Das ist das Schicksal eines großen jüdischen Dichters! Fürwahr, Morris Rosenfeld mag sich trösten, daß sein „Jingele" dem er die Größe eines Schiller prognostiziert hätte, sich so frühzeitig aus dieser Welt flüchtete. Er wäre vielleicht sonst in späteren Jahren — verhungert.' Eine Psendoverrimgnng jüdischer Organisationen. Das Projekt einer Vereinigung der jüdischen Organisationen großen Stils war in der letzten Zeit mehrfach Gegenstand verschiedener offizieller und nicht offizieller Beratungen nnd Beschlüsse, welche die maßgebenden Kreise direkt oder indirekt veranlagten, dem wiederholt angeregten Gedanken der Zentralisation ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Es durfte konstatiert werden, daß dieser Gedanke in den meisten jüdischen Organisationen große Sympathien besitzt und bereits von einer als vorurteilslos bekannten jüdischen Körperschaft in mehreren vorbereitenden Aktionen bedeutend gefördert wurde. . ' . Leider begegnete er dem hartnäckigen Widerstande gewisser finanziell mächtiger Institute, die mit den nationalen Organisationen der Judenheit auf keinem Gebiete eine Verbindung eingehen zu wollen erklärten. Vor kurzem aber haben sie, durch die zugunsten des besagten Projektes immer zunehmende Stimmung gedrängt, ihre Stellungnahme geändert, indem sie die Gründung eines „Internationalen jüdischen Komitees" beschlossen haben. Erfährt man aber, wie sich dieses Komitee konstitniert und welchen Charakter es hat, so sieht man bald ein, daß mit dieser partiellen Koalition nur der Zweck verfolgt werden kann, der so sehr b efürchte t e n R e a l i s i e r u n g des g e p l a n t e n Z u s a m m e ns ch l n s s e s der jüdischen Organisationen durch e i n e P s e u d o v e r e i n i g u n g rechtzeitig vorzubeugen. So werden aus dem „Komitee" sämtliche nationale Organisationen ausgeschlossen (dagegen hat die Alliance eine doppelte Vertretung; Paris und Berlin je zwei Delegierte). Der der geplanten Vereinigung zugrunde liegende Gedanke wurde ferner durch den Beschluß illusorisch gemacht, wonach ihr jeder Inhalt einer Betätigung versagt bleibt, solange keine außergewöhnlichen Katastrophen in der jüdischen Welt sich ereignen. Dieses so geartete „internationale jüdische Komitee" bedeutet daher: a) eine Ignorierung und mithin eine Schmähung der nationalen Organisationen der Judenheit; d) eine Fiktion des jahrelang geplanten Verbandes, die sich unrechtmäßig den irritierenden Namen beilegte und den falschen Glauben zu erwecken geeignet ist, als sei sie eine Vertretung der jüdischen Organisationen. Als einer der Mitarbeiter an dem Projekte einer „Vereinigung der jüdischen Organisationen" erlaube ich mir, die jüdische Oeffentlichkeit auf die Illegitimität des unter Ausschluß der nationalen Organisationen der Judenheit begründeten sogenannten „internationalen jüdischen Komitees" aufmerksam zu machen)' und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die jüdischnationalen Körperschaften gegen die ihnen zugesügte Beleidigung gebührenden Protest erheben mögen. Ferner erlaube ich mir im Namen mehrerer Förderer des l Zentralifationsprojektes die Erklärung abzugeben, daß wir auch fortan bestrebt sind, eine berufene Vereinigung der jüdischen Organisationen zu schaffen.

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