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Die Wahrheit · 1908-08-07 · Heft 31 (7.8.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 31 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ans der Woche.; Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand hat! vor wenigen Tagen in Kremsier anläßlich des Besuches der; Ausstellung eine Aeußerung getan, die sich auf die Zukunft des! Gewerbestandesbezog, der aber zugleich ein großer politischer j Charakter nicht abzufprechen ist. Erzherzog Franz Ferdinand! sagte: „Dem G e w e r b e st a n d blüht die Z u k u n f t, i w e n n er l e rnt u n d l e r u t und noch m a l lern t."! Dieser, eine tiefe und wichtige Mahnung enthalteilde Ausspruch! des Erzherzogs atmet einen modernen Geist der Bildung und! Aufklärung, der von der Ueberzeugnng ausgeht, daß das Ge-! werbe nur in den Wegen des Fortschrittes wandeln dürfe, wenn es blühen und gedeihen und ein mächtiger Grundpfeiler des bürgerlichen Gemeinwesens und des Staates werden soll. Wer die rückschrittliche, von gewissenlosen Agitatoren beeinflußte innerösterreichische Politik mit Bezug aus die Gewerbefrage im j Geiste ein wenig Revue passieren läßt, wird nicht verkennen,! daß die Aufforderung an den Gewerbestand, er möge in Zukunft! sein Heil im Lernen, Lernen und abermals Lernen finden, schnür- 1 stracks jenen verderblichen, volksverheerenden Doktrinen wider-! spricht, deren charlatanhafte Heilkünstler dem Gewerbestand ein ganz anderes Rezept vorschrieben. Die Dunkelmänner in Oesterreich, die geschworenen Feinde der Bildung und der Wissenschaft, haben dem Gewerbestaude wohl Utopien vorgegaukelt, aber zur Erreichung derselben haben sie alles andere als — Lernen empfohlen. Jedem Einsichtigen, jedem wahren Bolkssreunde war es klar, daß dem Gewerbestaude in Oesterreich — wie allüberall : in der Welt — die Zukunft nur dann Heil und Gedeihen j bringen könne, wenn er sich die Errungenschaften der modernen, j fortschreitenden Zeit dienstbar macht, aber es hat einen ungemein i hohen Wert zu wissen, daß gerade der Thronfolger, an dessen j Rockschöße sich die Lichtseinde und Dunkelmänner mit widerj wärtiger Aufdringlichkeit zu hängen suchen, dieser Ueberzeuguug j in so energischer rücksichtsloser Weise Ausdruck verliehen hat.! Die Bedeutung dieser Aeußerung erstreckt sich daher weit über das Gebiet gewerblicher Fragen. Sie berührt nicht nur die Zukunft des Gewerbestandes, sondern vielleicht die Zukunft ganz Oesterreichs. * „Der kleine Mann", der durch die betörende und verdummende Lektüre antisemitischer Zeitungen nicht um den letzten Rest von Urteilskraft gekommen ist, wird vielleicht nur mit Staunen und Schrecken den Ausspruch des Thronfolgers vernommen haben. Die hetzerischen Agitationen, die die Rettung des Gewerbestandes in erster Reihe von einem kräftigen „Hepp-Hepp"- Rufen abhängig machten, haben den „kleinen Mann" sorgfältig gerade von den Bahnen abzuhalten verstanden, die zum Lernen führen. Jetzt tönt ihm von so hoher Seite der Ruf entgegen, welcher zwar in den bösen „Judenblättern" immer wieder erhoben, aber von den Hetzern als Teuselslockung stigmatisiert wurde. Wenn die Mahnung des Thronfolgers, wie zu wünschen wäre, im Gewerbestaude allgemein Verständnis und Beherzigung fände, dann hätten die bildungsfeindlichen Volksverderber vielleicht doch endlich ausgespielt. * * Freilich, der Optimismus hat, wenn es sich um Fragen handelt, bei denen das Judentum und die Juden beteiligt sind, wenig Berechtigung. Und nicht nur in Oesterreich. Erfahren wir es denn nicht immer wieder, daß, sobald es sich um die Juden handelt, die primitivsten Anforderungen des Rechtes und der Wahrheit ins Wanken kommen, das Einfachste verwirrt, das Selbstverständliche wieder zweifelhaft wird? Könnte es denn in den sogenannten „Rechtsstaaten" überhaupt noch eine Judenfrage geben, wenn deren fundamentaler Grundsatz der Gleichheit Aller respektiert würde. Au dem Tage, au welchem die Staatsanwälte in Oesterreich die Achtung vor dem noch immer nicht aufgehobenen Paragraph 302 des Strafgesetzes erzwingen würden, wäre die hetzerische antisemitische Presse für immer verstummt und kein Jude würde mehr im Kampfe um das Dasein wegen seiner Konfession znm Märtyrer werden, wenn die Staatsgrundgesetze, die die Gleichheit aller proklamieren, nicht bloß ein papierenes Dasein fristen, sondern zur lebendigen Wirklichkeit würden. Die Juden leiden aber heute noch wie früher unter dem Fluche von — Ausnahmsgesetzeu. Auch heute noch werden ihnen die Rechte, die ihnen das Gesetz, das geheiligte und von den Hütern der Gesetze beschworene Recht znerkeunt, nicht immer, sondern nur in mehr oder minder häufigen — Ausnahmsfällen zuerkanut. Und in diesem Punkte können wir, wenn wir nach auswärts blicken, leider mit nur zu viel Grund sagen: Tout comme chez nous. -r- * * Wird es in dem jüngsten der modernen „Rechtsstaaten" - zu dem die Türkei sozusagen über Nacht geworden, anders,! besser werden? Welch liebliche Töne aus einer besseren, gerechteren Welt scheinen uns aus dem Hati humajun des Sultans zu strömen, mit welchem die neue Aera inauguriert wird. Da heißt es z. B.: „Es ist notwendig, daß alle Bürger, aus denen unser Staat zusammengesetzt ist, sich des vollen Rechtsschutzes

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