Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 30 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wohin die antisemitische Bewegung führt, die in Oesterreich von den Klerikalen so glänzend für ihre Zwecke ausgenützt wird, kann man ans einer Tatsache erkennen, welche gegenwärtig aus die innerösterreichische Politik ihre Wirkung übt. Tie rumänischen Politiker, welche bekanntlich in der letzten Zeit ganz im Schlepptau der christlichsozialen Parteihänptlinge sich befanden, haben plötzlich eine Schwenkung gemacht. Sie erkannten tlämlich die Gefahr, die der einheitlichen griechisch-katholischen Kirche von den Christlichsozialen droht, die g a n z u n d g a r s i ch a l s dieSöldlinge des k a t h o l i s ch e n K l e r u s fühlen. Die Rumänen mußten erfahren, daß einer der namhaftesten Führer der christlichsozialen Partei dem Herrenhausmitgliede Erzbischof Dr. v. R e p t a den Gruß nicht erwiderte, mit der Motivierung: „Ein Mitglied jeder anderen Kirche als der katholischen sei minderwertig!" Das ist nicht etwa eine zeitgemäß adaptierte Anekdote aus dem 17. Jahrhundert Oesterreichs, sondern eine vollkommen verbürgte, von ernsten Politikern erzählte und kolportierte Mitteilung, die neuerdings beweist, wie die katholische Kirche in Oesterreich das Prinzip der Gleichberechtigung ausfaßt und wie sie dasselbe, wenn sie die Macht dazu hätte, in die Praxis nmsetzen würde. Man sieht es wieder einmal klar, nicht die Inden allein sind es in Oesterreich, die durch die verheerende Wirksamkeit der Christlichsozialen, dieser Pioniere des Klerikalismus, an ihren Lebensinteressen bedroht sind. Mau glaubt zu schieben und wird geschoben — in diesem Worte ist die Erklärung für die rätselhaft scheinende Tatsache gegeben, daß Doktor Lueger, der Chef der christlichsozialen Partei, von den'Römlingenauch dann die mächtigste Unterstützung erfuhr, wenn man ihn auf Wegen sah, die ihm eigentlich die schärfste Gegnerschaft der wahrhaft patriotisch und wahrhaft christlich fühlenden Oesterreicher hätte sichern müssen. Luegers Leute schrieen, gewiß nicht ohne der Zustimmung ihres Führers gewiß zu sein, als ihm der Kaiser die Bestätigung als Bürgermeister vorenthielt, drohend: „Auf, zur Hofburg!" und gar mancher an die Macht der Religion und nicht an die Religion der Macht glaubende Kirchenfürst mußte sich die hochmütige, mißachtungsvolle Behandlung seitens der Christlichsozialen gefallen lassen. Aber die echten Römlinge, denen die Religion immer nur als Deckmantel für die Herrschbegierde diente, hielten immer schützend und schirmend die Hand über Lueger, der, wenn er sich auch darüber täuschen mochte, doch nur das dienende Werkzeug war, welches in letzter Linie nur die Zwecke und Ziele Roms förderte. & 2 * Die wahren Christen, denen das Evangelium der Liebe höher als das Programm des Pogroms gegen Andersgläubige gilt, werden von den Antisemiten nicht glimpflicher behandelt als die Juden. Davon wußte auch der kürzlich in Baden verstorbene Gymnasialprofessor Dr. Franz Süß ein Lied zu singen. Der von den humansten und ethischesten Gesinnungen erfüllte Mann hatte den Mut, sich den Christlichsozialen in Baden entgegenzustellen und ihnen die Berechtigung abzusprechen, sich als Vertreter des christlichen und des sozialen Geistes zu gerieren. Er erntete dafür die schlimmsten Verfolgungen, den wütendsten Haß, der — so wurde von ihm nahestehender Seite versichert — mit zu seinem frühzeitigen Tode beitrug. Das Schlimmste, was die Gegner dem edlen Manne nachsagen zu können glaubten, war allerdings: daß er von jüdischen Ahnen abstamme. Professor Süß wies wohl seine echt arische Abstammung nach, erklärte aber zugleich, daß es ihn sicherlich nicht erniedrigt hätte, wenn seine Ur-Urahnen aus dem Volke hervorgegangen wären, dem auch der Begründer des Christentums und die Apostel angegehörten. Das Testament des edlen Mannes, welches dieser Tage bekannt wurde, beweist neuerdings, daß er der Verfolgung seitens der Antisemiten wert war. Dr. S ü ß hat eine Anzahl von Legaten testiert, die seine „verwerfliche" Gesinnung kennzeichnen. Man bedenke doch, er bestimmte insbesondere Legate für arme Schüler ohne Unterschied des Volksstammes und des Glaubensbekenntnisses! Ja, noch mehr. Er bedachte den Deutschen Schulverein in Wien nur für den Fall mit einem Betrage, wenn er noch auf nichtantisemitischem Boden b e st e h e, d. h. Deutschen mosaischen Glaubens den Beitritt gestattet! Kurzum, der Mann anerkannte bei seiner unendlich humanen Gesinnung beim Wohltun überhaupt keinen Unterschied der Konfession. Die Antisemiten werden wohl jetzt erst recht triumphierend ausrufen: „Wir sagten es ja immer, der Mann war jüdischer Abstammung!" Ein — Ausnahmsmensch war er allerdings. * * Welchen Nachruf hätte in Wien ein Christ von dieser Gesinnung von dem Wiener Bürgermeister zu erwarten gehabt, wenn man sich erinnert, wie kühl, beinahe verletzend, er kürzlich der hochherzigen Jüdin, der Baronin W e r t h e i m st e i n, gedachte, die bei ihrer munifizenten Spende auch den Unterschied der Konfession ignorierte? * *