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Die Wahrheit · 1908-07-24 · Heft 29 (24.7.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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OeKerr.-imgar. Kantoren-Zeitung. Kemerkungen ans der Ferne. Bon B Singer. Der Jubiläums-Kantorentag ist vorüber, vorüber die Zusammenkunft der bei ernster Arbeit und gemütlicher Geselligkeit einander nähergerückten Fachgenossen, deren Strebeil es war. Verbesserungen nach jeder Richtung hin vorzuschlagen, und Mittel und Wege anzugeben, wie den mannigfachen Schäden, 'an denen unser Stand leidet, abgeholfen werden kann. Ans der schönen und großen Arbeit, die da geleistet wurde, scheint mir nun ein Hauptpunkt hervorznlenchten, und dieser lautet: „Das Bildungsniveau der Kantoren muß gehoben werden." Meines Erachtens ist dies der Kardinalpnnkt eines jeden Standes. Wir haben dies ja bei der Massenvereinigung der Sozialdemokraten gesehen, welche sich zn einem politischen Faktor par excellence emporgeschwuugen haben, weil sie von einer strammen Organisation geleitet werden, und ihre Führer darauf geachtet haben, daß selbst der geringste Arbeiter nach Bildung strebe und seiner Zeitung nicht entbehre, in welcher er über seine Interessen Belehrung und Aufklärung sindet. Um wie viel mehr ist es für uns Religionsdiener eine Sache des Herzens und der Ehre, daß wir mit unserem Bildungsgrade in keiner Weise zurückstehen. Und um in den Schoß unserer Gemeinden zurückznkehren, fragen wir: wie groß ist die Zahl der Vorstände tlnd Gemeindemitglieder, die gerne ihren Funktionär zn ihren Füßen sehen möchten, ilm ihn die Macht — des Geldes wirren zu lassen. Ueber dieses Uebel hilft einzig und allein nur die Macht der Bildung hinweg. Und daß es in unserem Stande Männer von Bildung gibt, darüber herrscht gar kein Zweifel, das zeigte uits der Kantorentag, das zeigte uns das anerkennenswerte Streben des Kantorenvereines in den verflossenen Jnbiläitmstagen und will es Gott — ich spreche hier hie Worte einer unserer Heimgegangenen Koryphäen aus: ..Das Kantorentum hat eine Zukunft." Der erste Schritt wird in Bälde getan sein. Schon wurde am letzten Gemeindetag in Wien die Notwendigkeit der Kantorenausbildnng anerkannt, und zwar anerkannt von jenen Männern, die noch im Jahre 1890 bei Abfassung des Kultusgesetzes die Kantoren vollställdig ignorieren wollten. Man denke nur an die Antworten der Knltusvorstäude von Prag, Floridsdorf rc. und auf die Anfragen der Regierung, in welche Kategorie die Kantoren einzureihen sind. Ein Herr Wimmer traute sich damals zu sagen, daß dieser Stand ganz überflüssig sei, und heute geht diesen Herren die Erleuchtung auf und sie geben zu, daß dieses Fach rationell gelehrt werden muß. Allerdings als Nebenfach, indem sie es mit dem Sekretariat in einen Sack zusammenwerfen, aber das schadet nichts. Mit der Zeit wird sich schon die Notwendigkeit einer selbständigen Kantorenschule von selbst einstellen und je weniger Leute sich aus leicht begreiflichen Gründen dem Kantorenwesen widmen, desto größer wird das Verlangen der Gemeinden sein, gute Chasonim zu erhalten. Was unsere jetzigen Kantoren-Privatanstalten betrifft, so haben dieselben bisher auch anerkennenswerte Arbeit geleistet und gutes Material geliefert und die Leiter derselben werden kraft ihrer Lehrbefähigung gewiß auch der öffentlichen Anstalt mit ihrem Rate und ihrer reichen Erfahrung zur Seite stehe. Mit der Installierung einer öffentlichen Kantorenschule ist aber der Gipfelpunkt der Wünsche betreffs- Verall- -gemeinerung der Bildung noch nicht Erreicht, wenn nicht die .Kollegen ihre geistige Kraft in den Dienst des Vereines und der-Gesamtheit stellen, und unser Fachblatt muß wieder, wie zur Zeit seines Entstehens, der Mittelpunkt unseres Gedankenaustausches werden. Der Kantorentag zu Wien, der über die Tätigkeit der Fachgenossen Heerschau Zehalten hat und dessen Teilnehmer sich mit Aufopferung von Zeit und Geld znsammenschaarten, ..er-ist und 'soll ja von neuem den Ansporn geben, die Mittel und Wege zu erschließen, wie unserem Stande gehoffen werden kann, damit er achtunggebietend die ihm gebührende Stellung in der Gesellschaft einnehme. Obwohl es dem Schreiber dieses zn seinem großen Leidwesen nicht möglich war, am letzten Jnbiläums-Kantorentage persönlich teilzunehmen, so hat er in ihm doch Gefühle ansgelöst, die zur Zufriedenheit und Genugtuung berechtigen, und als er das schöne Werk der Jnbüänmsbroschüre zur Hand nahm, konnte er sich sagen: Du hast nicht umsonst gearbeitet! Möge es uns älteren Mitarbeitern vergönn! sein, einen Nachwuchs zu erziehen, der einstens das Heft nicht ans der Hand geben wird, um die Interessen unseres Standes weiter zu verteidigen, jene Interessen, die so tief in der Tradition des Judentums wurzeln, aber durch den Jndifferentismns des Judentums selbst sehr viel gelitten haben. Es kann und wird hoffentlich möglich sein, daß jene Ziele, welche beim Kanlorentag als heiße Wünsche ausgesprochen wurden, sich verwirklichen, wenn der Staat sich der Knltnsbeamten durch das Pensions-Versicherungsgesetz und andere Mittel annehmen wird. Mil einem Worte: wenn unsere Existenz unter den Schutz des Staates gestellt ist, dann können wir uns materiell, künstlerisch und geistig voll entwickeln. Unter dem Damoklesschwert regierender Knlrnrhänpter, welche nur fortwährend befehlen und ihr bischen Amt dazu ansnützen. um den Angestellten ihre Abhängigkeit z'n zeigen, kann niemals ein Beamtentum sich zufrieden und glücklich suhlen. (Zchluß folgt.) 8 ingesendet. Löbliche Redaktion! Ausgemnntert durch den Namen, den Ihre Zeitung führt, und durch das Molto, das ganz vorn am Titelblatte so vielverheißend prangt, erlaube ich mir. ans einen Bericht aus Kremsier zurückzukommen, der in der vorigen Nummer Ihres geschätzten Blattes Ausnahme fand. Es scheint, als ob es Mode geworden wäre. daß man in Berichterstatterkreisen selbst die geschätztesten und tüchtigsten Kantoren als eine quantite negligeable betrachtet, die man mit einer einfachen Haudbeivegung für abgetan erachtet, während die geringsten Nebensächlichkeiten ausführlich wiedergegeben und in den Vordergrund geschoben werden. So lasen wir auch in einer der letzten Nummern mit Freude die aus dem Innersten kommende, unseren Gefühlen so recht entsprechende scharfe Zurechtweisung, die Herr Oberkantor Löwinger in Keszthely einem Berichterstatter zuteil werden ließ, indem er einen Bericht tadelte, wo eine Kapazität wie Oberkantor K a r t s ch m a r o f f mit den Worten „nach der musikalischen Einleitung" kritisch gewürdigt wurde! Aehnlich erging es nuferem geschätzteri Oberkantor 1 Reichard in der erwähnten Notiz ans Kremsier, die über seine Leistung mit den Worten: „die kantorale Funktion versah Herr Oberkantor Reichard" hinweggieng. Die Objektivität dieser Berichterstattung zeigt sich am besten, wenn man dieselbe mit dem Berichte des hier in Kremsier erscheinenden czechischen Blattes vergleicht, dessen Redakteur ein geschulter Sänger und absolvierter Konservatorist ist und der nicht getlng Worte des Lobes für den schönen Vortrag und die prachtvolle Stimme des Herrn Oberkantor Reichard findet und auch nicht verschweigt, daß der Bürgermeister und viele Gemeindemitglieder demselben ihre Bewunderung anssprachen. Ich sehe mich zur Konstatierung dieser Tatsache umso mehr veranlaßt, als die ..Jüd. Volksstimme" in Brünn — ein Blatt allerdings, das sich zum Prinzip gemacht zu haben scheint, die jüdischen Kantoren zu verletzen — die wahrscheinlich ans derselben Berichterftatterquelle bedient wurde, den Namen des fungierenden Kantors ganz verschwiegen hat. Mit ausgezeichneter Hochachtung Ein Freund des jüdischen Gesanges.

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