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Die Wahrheit · 1908-06-26 · Heft 25 (26.6.1908) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 25. Die Wahrhell Leite 15. Aie alle Aebezin. Bou Ernestine Strelisky-Hamburg. (Fortsetzung.) Zwar waren deutsches Wissen und deutsche Bildung in diesem Nest, in dieser Gemeinde keineswegs so verfehmt. wie es in manchen kleinen Orten unter den Inden noch der Fall war. Aber die Rebezin war doch nicht sicher, wie man gerade ihre Vorliebe für die deutschen Bücher hier aufnehmen würde, und die Meinung der Leute heransznfordern — mochte sie auch günstig sein — ging nicht nach ihrem Sinn. Ihr genügte ihre innerste Ueberzengnng, daß ihr Rav gegen diese Bücher nichts einlveuden würde, wußte er ja auch, welche moderne Erziehung sie genossen. Die Ehe der Gatten war mit einer Anzahl Töchter gesegnet. Kein Sohn! Ob der Rav es als Mißgeschick empfand? Doch nein — „was Gott tut, ist wohlgetan." Seine kleinen Mädchen schien der Rav übrigens kaum zu kennen. Die Sorge für das geistige Wohl war ebenso vollständig der Mutter überlassen, wie die selbstverständliche Sorge um das körperliche Wohl dieser Kinder. Die Rebezin wußte aber auch, daß die schwerer lastende Sorge für die Zllknnst dieser lieblichen Geschöpft auch ihr allein zu tragen Vorbehalten war. Mit allem und jedem wandte sich die Schar der kleinen Mädchen stets, wie sie es gewohnt war. bloß an die Mutter. Hieß es deshalb, wenn von diesen Kindern die Rede war, bloß Rebezins Mirjam, Rebezins Hadassah u. s w.? In zwei, dllrch einen engen Flur getrennten Stuben lebten die Gatten jeder für sich und gleichsam wie in zwei verschiedenen Welten. Die Mutter lehrte die Mädchen, was sie selber wußte, las täglich ein Stück ans der Bibel mit ihnen. Naomi und Ruth, Chane und Esther, Deborah und Juel waren ihnen vertraute Gestalten. Auch die Apokryphen blieben ihnen nicht fremd. Es pochten höher die jungen Herzen, es glühten die Wangen in tieferem Rot und in die Äugen trat ein intensiver Glanz, wenn von Judiths Heldentaten gelesen wurde. Kein Wunder, wenn die Phantasie dieser Kinder allmählich reich bevölkert wurde von lichten und eigenartigen Gestalten, daß die Eindrücke, die die jungen Seelen in sich ansnahmen, sestgeprägt und unerlöschlich wurden. Auch in die verborgen gehaltenen fremden Bücher wurden die Heranwachsenden Töchter von der Mutter eingeweiht. Nur plauderten sie nie über.diesen Teil ihres Wissens: alle hatten strahlende verständige Angen in ihren jungen hübschen Köpfen. Sie sahen, wie diese Bücher sorgsam unter Schloß und Riegel gehalten wurden, daß nie eines offen liegen durste, wußten sie, und sie verstanden zu schweigen, ohne daß die Mutter nötig gehabt hatte, es ihnen zu gebieten. Auch bei allen wirtschaftlichen Verrichtungen in Haus und Küche mußten diese Kinder die Hände fleißig regen, und ihre Tüchtigkeit war allgemein bekannt. Das geringe Einkommen des Vaters machte es tlicht gut möglich, bezahlte Hilft halten zu können. Jetzt war Mirjam, die Aelteste, sechzehn Jahre jung. Die Rebezin aber dachte und wiederholte es sich täglich unzählige Male: „sechzehn Jahre alt" und gedachte dabei mit Trauer in ihrem Herzen des alten jüdischen Sprichwortes, von dem sie meinte, daß es von allen andern Sprichwörtern bis aus den heutigen Tag noch wahrheitsgiltig sei — des Sprichwortes : Wo kein Nadann (Mitgift) ist, ist auch kein Chussim (Bräutigam). Und derjenige, der dazu berufen gewesen wäre, das Lebensschifflein der Familie mit kundiger, sicher geübter Hand zu steuerw: er saß eingeengt in seiner Klause,'weltentsremdet und weltentrückt hinter einer Mauer dicker Folianten, die er täglich aufs neue wieder frisch vor sich aufbaute, jeder Allssicht ins Leben hinein sich verschließend. Dieser Jünger der Gottesgelahrtheit, der so wohl ausgerüstet war, große Strecken seiner Wissenschaft zu beherrschen, auf diesem weiten Felde dort, wo es nötig war, kampfgeübt, von edlem Feuereifer beseelt, seine Sache kühn und mutig zu verfechten; er war draußen auf einer kurzen Weges- und Lebensstrecke, auf einem kleinen engen Gebiete praktischer Tätigkeit schmählich unterlegen. Seitdem kümmerte er sich nicht im mindesten um das-» jenige, was außer seiner Klause vorging, kümmerte sich am allerwenigsten darum, was in seinem eigenen Hanse geschah oder geschehen sollte. Er würde es noch kaum begriffen haben, wenn er gebeten worden wäre, über seine Mauer hinwegznseheu — wozu? Zu welchem Zweck und Ende? So kam denn eines Tages Frau Sorge ins enge Stübchen der Rebezin, einzig von ihrem klugen Blick bemerkt, und ließ sich hier heimisch nieder. Wohin die alte Rebezin sich auch wenden mochte, sie sah Frau Sorge, in graue dichte Schleier gehüllt, vor sich. Ueberall verfolgte Frau Sorge sie mit dem düstern fahlen Blick und ließ sich nicht bannen. Frau Sorge vergällte ihr jeden Bissen und raubte ihr den Schlaf ihrer Nächte. „Wie dunkel, wie traurig mußte sich Mirjams Zicknnft gestalten unter den bestehenden Verhältnissen," war der Gedanke, der sie Tag und Nacht beherrschte. Wohl war Mirjams Gesicht zart und fein, wohl schlangen blonde Flechten wie eine Strahlenkrone sich um ihr Haupt und die Mürchenangen, das Erbe der Mutter, die auch eben so klug mit) praktisch um sich zu blicken gelernt hatten, machten sie lieblich anzuschanen. Aber arm wie eine Schulmans blieb ihr jede Chance für eine günstige Partie ausgeschlossen. Und an einen Berus für dieses Kind zu denken, fiel der sonst so verständigen, modernen Anschauungen huldigenden Rebezin nicht einmal im Traum ein. Der Beruf der Frau sollte einzig in der Ehe sich erfüllen, das Weib, als Gehilfin des Mannes war dessen Bestimmung vom Uranfang der Schöpfung gewesen, darum ward Eva gleich erschaffen, und fürwitzige Menschen sollten es sich nicht herausnehmen, an dieser weisen Weltordnung rütteln zu wollen; Gott habe es so eingesetzt und bis in alle Ewigkeit sollte es auch so bleiben, argumentierte die Rebezin eben so oft still in ihren Gedanken, als sie auch laut diese ihre Ansicht in gegebenen Fällen zu verfechten, sich angelegen sein ließ. Ach, wie wenig Aussicht hatte ihr armes Kind auf das glückliche Los, von einem ehrenwerten Mann aus edlem Stamme als Gehilfin anserkoren zu werden! Vielerlei Pläne, vielerlei Projekte, die sie geschmiedet, Partien, die seit Jahr und Tag in Vorschlag gebracht waren — alles, alles war leider geicheitert an dem einzigen, großen unüberwindlichen Hindernis: der fehlendest Mitgift. Nichts — absolut nichts an.Vermögen — unseliges, trauriges „Nichts" mtd fiel so schwer in die Wagschale, wenn es gewogen zu werden galt! Eines Abends wars, als Frau Sorge die arme Rebezin auch wieder nicht einschlafen ließ, fiel es plötzlich in ihre Seele wie eine Erleuchtung: wie wärs, dachte sie. wenn sie sich dem reichen Stahlberg anvertrauen würde? Ihm. nächst Gott, auch einmal das große Leid ihrer eigenen Seele klagte? Stahlberg war der einzige Großhändler des Ortes. Sein schmuckes, bequemes Hans stand abseits von der Straße, die etwa ans zweihundert mehr oder weniger schmutzig grau anssehender Häuser bestand, die, wie die Leute sagten, „wie die Reihen des al Chet" zu beiden Seiten hinliesen und die verkehrsreichste des an Verkehr armen kleinen Städtchens war. In dieser Straße wohnten fast sämtliche Inden des Ortes. Stahlbergs Hans, von großen Speichern umgeben, bildete für sich allein einen Komplex. Stahlbergs Geschäfte umfaßten die verschiedenartigsten Gebiete und Getriebe. Seine Reisen nach fremden Ländern brachten ihn mit dem Pnlsschlag der Welt in Verbindung. Und diese Geschäfte hatten von Jahr zu Jahr einen höheren Aufschwung genommen. Jetzt reichten seine Verbindungen bis in die entlegensten Weltteile. Ans das Getriebe in dem kleinen Nest, das sein Wohnsitz war, auf diese Menschen hier, mit ihrem engbegrenzten Gesichtskreis, sah er beinahe feindselig herab. Und das hatte seinen Grund. Vor Jahren, als sich Stahlberg im Städtchen niedergelassen, verfügte er, wie man wußte, über fehr bescheidene Mittel nur. Hier hatte er durch die den Ort umgebenden reichen Güter, deren Erträgnisse viel gerühmt waren, durch die vielen Spiritnsbrennereieu in der Umgegend, die nach Abnehmer suchten, günstigen Boden für die Realisierung seiner Pläne und Bestrebungen zu finden gehofft — und er hatte sich nicht getäuscht. (Forschung folgt.)

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