Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-06-26 · Heft 25 (26.6.1908) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063443--05529-3072458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12. Die Wahrheit Nr. 25. Auf die Details übergehend, hebt derselbe hervor, daß der Lehrplan für Volks- und Bürgerschulen, welcher auf Grund des Plenarbeschlusses vom 2. Juli 1900 derzeit in Geltung besteht, von der I. Klasse ab das Uebersetzen und Memorieren wichtiger Sätze, Responsorien und Beuediktiouen fordert. Er stellt nicht den Uebergang ans dem Kompertschen Lehrplane, sondern die Abänderung des Lehrplanes von 1894 dar. In diesem letzterwähnten Lehrplane wurde die Kenntnis der wichtigsten Stellen des Pentateuch neben der biblischen Geschichte und „Religionslehre" als Lehrstoff festgestellt. Obwohl kaum der zwölfte Teil aller Verse des Pentateuch für sämtliche Volks- und Bürgerschulklassen vorgeschrieben waren, wurde das Lehrziel nicht erreicht. Die Aeuderungen, welche der neue Lehrplan (1900) aufwies, bezogen sich aus folgende Punkte: 1. Der früher vorgeschriebene Lehrstoff aus dem Pentateuch wird nach der Richtung hin gesichtet, daß alle schwer zu übersetzenden Stellen wegfallen, daß im Gebetbuche vorkommende Stellen, und zwar aus dem Gebetbuche genommen werden, daß letzteres etwas mehr in ben Vordergrund gerückt werde, tun eine verständnisvolle Teilnahme am Gottesdienste zu ermöglichen. 2. Die Zweistufigkeit der biblischen Geschichte entfällt; in der Volksschule wird diese nur bis zum Tode Moses genommen, damit der Stoff so gründlich behandelt werden könne, daß in der Bürgerschule eine kurze Wiederholung genügt. 3. Die systematische Religionslehre entfällt; dagegen werden auf jeder Stufe die Lehren unserer Religion im Anschluß an den Text oder in möglichst wörtlicher Uebersetzung in entsprechender Verteilung gelehrt und dem Gedächtnisse eingeprägt. Nachdem sich bei Durchführung des Lehrplanes vom Jahre 1900 herausgestellt hatte, daß der beabsichtigte Zweck, die Kinder zur Teilnahme am Gottesdienste, namentlich am Jugend-Gottesdienste, herauzubilden, nicht erreicht werden könne, wurde im Jahre 1907 der Lehrerkonferenz der Auftrag erteilt, einen neuen Lehrplan vorzulegen, in welchem bezüglich der biblischen Geschichte größere Konzentrationen und Vereinfachungen und bezüglich des hebräischen Lehrstoffes besonders die Fertigkeit im hebräischen Lesen und die Kenntnis der Liturgie behufs Teilnahme der Jugend am Gottesdienste anznstrebeu. . Der nunmehr vorgelegte Lehrplan will den angestrebten Zweck erreichen, zunächst durch Einführung von Geschichtsbildern an Stelle der vollständigen biblischen Geschichte, durch Eliminierung des Pentateuchs als speziellen Lehrgegenstand in der Volksschule und durch Einführung, von Memorierübungen bezüglich der im Gottesdienste häufig vorkommenden Responsen. Auch hebräische Grammatik als selbständiger Gegenstand wurde in der Volksschule eliminiert. In dieser Form erscheint der Religionsunterricht in der Volksschule als unmittelbare Vorbereitung des Religionsunterrichtes nicht bloß der Bürgerschule, sondern auch der Mittelschule; während aber in der Bürgerschule bereits von der ersten Klaffe Pentateuch, wenn auch in sehr mäßigem Umfange, als Lehrgegenftand eingeführt erscheint, werden in dem in Aussicht genommenen neuen Lehrplan für Mittelschulen die beiden ersten Jahre ausschließlich zum Unterricht im Siddur verwendet. Der Referent erklärt, daß er sich mit dieser Abättderrnlg des Lehrplanes für Mittelschulen, der in einem späteren Zeitpunkte den Vorstand beschäftigen wird, nicht befreunden könne und dies zur Vermeidung von Mißverständnissen schon jetzt betone. Mit welcher Gründlichkeit der neue Lehrplan seitens der maßgebenden Faktoren behandelt wurde, erhellen die folgenden Tatsachen: Das Komitee, welches ans der Mitte des ständigen Ausschusses der Religionslehrer gewählt wurde, hat in etwa fünfzehn Sitzungen den Lehrplan-Entwurf behandelt, welcher dann im ständigen Ausschuß an vier Sitzungstagen, sohin in drei Vollkonferenzen der Religionslehrer und schließlich in fünf Sitzungen der Kommission für Unterrichtsangelegenheiten den Gegenstand eingehender Beratungen bildete. Darauf wurde im Mai. d. I. über Vorstandsbeschlnß die Veröffentlichung des neuen Entwurfes durchgeführt, um über denselben Stimmen aus dem Publikum und aus Fachkreisen zit vernehmen. Kritiken des Lehrplanes sind vom Rabbiner Dr. Kurrein- Teplitz und Prof. Dr. G r ü n f e l d in Brünn publiziert worden, welche in sachlicher Beziehung eine Aenderung des Lehrplanes nicht herbeiführen können, weil der Lehrstoff, welcher für zwei Wochenstunden berechnet ist, eine Erweiterung, unter keinen Umständen verträgt. Dagegen sind die kritischen Bemängelungen, welche bezüglich der Mangelhaftigkeit der vorhandenen Lehrmittel vorgebracht wurden, beachtenswert, und wäre im besonderen darauf Hinzumeisen, daß die Lehrerschaft, wenn dieselbe den praktischen Zweck des neuen Lehrplanes, die Jugend zur aktiven Teilnahme am Gottesdienste heranziehen, erreichen will, die Verfassung einer guten, schulgemäßen Uebersetzung des Gebetbuches im Auge behaltet: muß. Referent gibt schließlich der UeberzeriHung Atlsdruck, daß es der Lehrerschaft, welche hingebungsvoll ihres Amtes waltet, gelingen wird, bei der Jugend religiöses Empfinden zu wecken und deren Interesse für die heiligen Lehren des Judentums für das Leben zu sichern. Herr Dr. Markus Spitzer führt unter anderem Folgendes ans: Der vorliegende Lehrplan für Volks- und Bürgerschulen bilde einen neuerlichen und gewiß nicht den letzten Versuch, den Religionsunterricht ersprießlicher zu gestalten, die mittlere Linie zwischen den in unserer Gemeinde herrschenden Strömungen zn finden, und scheint der richtige Weg eingeschlagen worden zu sein, nachdem die Veröffentlichung dieses Lehrplanes auch nicht eine einzige . oppositionelle Stimme im Gefolge hatte. Seitdem der jüdische Geist ans den Familienhäusern gewichen und die religiöse Erziehung durch das Gesetz mit 2 Wochenstunden kontingentiert wurde, hat sich die Erteilung des Religionsunterrichtes zu einenl höchst schwierigen, fast unlösbaren Problem gestaltet. Der ht Rede stehende Lehrplan weise einen bedeutenden Fortschritt auf, daß der Jugend die Möglichkeit geboten wird, dem Gottesdienste mit Verständnis und Andacht zn folgen, an heiliger Stätte jene Erhebung und Stärkung des jüdischen Bewußtseins zn finden, welche im täglichen Leben, im Kampfe ums Dasein segensreich nachwirkt. Besonders zn begrüßen ist es, daß die Grammatik nicht als selbstständige Disziplin behandelt, sondern vielmehr auf gelegentlichen Hinweis auf wichtige Formen beschränkt wird, daß der sogenannten systematischen, katechetisiereudeu Religionslehre nur ein bescheidenes Plätzchen gewährt und daß in dem so wichtigen Geschichtsunterrichte alle das Gedächtnis belastende Details, Nomenklaturen und Zahlen eliminiert und ausschließlich die hervorragenden Epochen ans dem politischen und geistigen Leben unseres Volkes in großen Zügen, in lebendigen Bildern dem empfänglichen, jugendlichen Geiste borgeführt werden. Das Ziel eines 2stündigen Religionsunterrichtes könne insbesondere bei dem vollständigen Mangel jeder Vorbildung und häuslichen Unterstützung unmöglich die Vermittlung eines auch nur halbwegs umfassenden oder auch nur nenneswerten positiven Wissens seiil, sondern einzig und allein die Durchdringung mit dem idealen, ethischen Gehalte des Judentums, die Einschärfung der wesentlichen Grundsätze des Glaubens, die Erweckung der Liebe und unverbrüchlichen Treue zu unserer angestammten Religion. Wer Lust und Freude zum Studium der herrlichen, zu neuer, ungeahnter Blüte erwachten hebräischen Sprache hat, wer sich Kenntnisse auf dem weiten Felde unseres unvergleichlichen, erhabenen Schrifttums erwerben will, der möge eine Bibelschnle oder eine andere gleichartige Lehranstalt besuchen, und dem Lernenden wird sich eineunversiegbare Quelle warmer, dauernder Begeisterung für unser Volk, der reinsten, geistigen Befriedigung erschließen. — Redner erklärt für die Vorlage zu stimmen und gibt dem lebhaften Wutlsche Ausdruck, daß der durch den neuen- Lehrplan geschaffene Rahmen von gewissenhaften, tüchtigen, berufsfreudigen Lehrern den kostbarsten Inhalt erhalte. Professor Dr. Ehr m a n n führt aus : Religion und Religiosität lassen sich nicht in der Schule lehren, sie sind Sache der Erziehung und des inneren Empfindens. Was gelehrt werde:! kann, ist nur der Lehrinhalt einer Konfession, und diesen sollen die Kinder lernen und sich und andere vor unwahren Deutungen und Unterschiebungen zn schützen,' den Wert und die Geistesarbeit ihrer Vorfahren schätzen zu lernen, sich au

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.