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Die Wahrheit · 1908-06-19 · Heft 24 (19.6.1908) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Serie 8. Die Wahrheit Nr. 24. Die Zahl der im abgelaufenen Schuljahre abgehaltenen Abendkurse betrug 19, dieselben wurden von 880 Schülern besucht und von 51 Lehrern geleitet. In diesen Abendkursen wurden einerseits Analphabeten, die das schulpflichtige Alter weit überschritten hatten, in den Volksschulgegenständen unterwiesen, andererseits wurden Knaben, die vor Erreichung des vollständigen Lehrzieles die Schule verlassen hatten und bei Handwerkern oder Geschäftsleuten untergebracht waren, weiter unterrichtet. Auch Knaben und Männer, die die Kenntnis der Volksschulgegenstände hatten, wurden speziell in Gegenständen unterrichtet, die ihnen bei Ausübung ihres Berufes besonders von Wert waren, wie z. B. Schlosser, Drechsler, Tischler im Zeichnen, Kommis im Rechnen u. f. w. Handwerk. Im Laufe des Jahres wurden auf Kosten der Stiftung 97 Lehrlinge freigefprochen, 115 neu ausgenommen, so das; nach Berücksichtigung einzelner Abgänge am Ende des Schuljahres 1906/1907 im Status der Stiftung 245 Lehrlinge verzeichnet tvaren. Die Bekleidung der Knaben, welche unsere Abendschulen besuchten, erfolgte aus den Mitteln der Baronin Clara von Hirsch Kaiser-Jubiläums-Stiftung. Die in Wien untergebrachteu Lehrlinge stehen unter Obhut des Vereines zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten. Für 10 wurden die von dem Vorstande ermäßigten Kosten seitens des Kuratoriums bestritten. Für 30 kam der Hilssverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien ans. 9 Lehrlingen wurde von dem Vorstande des Vereines zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten die unentgeltliche Aufnahme bewilligt. Seitens der Gutsverwaltung in Slobödka leäna wurden 30Absoloenten der Baron Hirsch-Stislutigschnlen in die dort errichtete Ackerbauschule ausgenommen, um sie zu Landwirten heranznbilden. Das Kuratorium spricht allen diesen genannten Korporationen den verbindlichsten Dank für die Unterstützung aus, die sie demselben in seiner Tätigkeit zuwendeten. In einzelnen Orten, wo die Stiftung größere Gärten und Felder besitzt, wurden unsere Schüler von den Schulleitern in Gartenarbeit unterwiesen. Außer den Ausgaben für die aus Kosten der Stiftung untergebrachten Lehrlinge wurden an 20 Zöglinge des Brodyer Waisenhauses behufs Zuführung zum Handwerke und an 20 Handwerkslehrlinge in der Bukowina Stipendien gewährt. Aie atte Weöezin. Von Ernestine Strelisky-Hamburg. An Adel der Gesinnung, an Reinheit des Charakters von keinem Geschlecht so leicht übertroffen. Von Generation zu Generation seit Menschenaltern hohe Gelehrsamkeit und reiches talmudisches Wissen mit der einzig hierdurch zu erwerbenden Anwartschaft aus das köstliche Gut Iichus fort und fort vererbend. Aus dem Stamme derer, die gelitten und leiden und dennoch unentwegt mit fester Hand die Fahne hoch halten, die in des Glaubens heiliges Panier auch als Schutz und Schirm gegen weltliches Ungemach sich hüllen, solchem Stamme war die alte Rebezin entsprossen. Dem Iichus ihrer Ahnen, diesem einzigen ihr noch verbliebenen Gute würdig nachzuleben, hatte sie sich zur Richtschnur ihres Lebens gemacht. Ihr Jichusbrief sollte der Leitstern durch des Lebens Fährnisse ihr sein. Ihr Gesicht trug auch unverkennbar den Adelsstempel einer höheren Bildung. Gleichsam wie ein helles Licht aus einerschön durchglühten Seele, so leuchtete es aus ihren Augen heraus. In einer anderen Sphäre, einer Weltstadtsphäre, wäre sie wahrscheinlich . ein Stern der sogenannten Gesellschaft gewesen. In dem kleinen Städtchen, wohin das Geschick sie verschlagen hatte, stand die alte Rebezin — alt war sie eigentlich gar nicht, es war, als hätte man ihr das „alt" nur angedichtet, wie um damit ihre Ehrwürdigkeit besser zu bezeichnen — so hoch in der Schätzung der Leute, wie keine der Rebezins je vor ihr gestanden. Alle in der ganzen Stadt, die hellen Köpfe, die sonst als die alleinigen Vertreter derer von Helligkeit sich dünkten mitein gerechnet, gaben zu, ob der Rebezins Klugheit, ihres Erfassens einer vorkommenden Sachlage, ihres Rates in schweren Fällen nicht selten staunen zu müssen. : Und die armen Frauen des Ortes erzählten geheimnisvoll von ihrem Verbote, ja nichts davon verlauten zu lassen, daß sie ihnen in schweren Stunden beistehe, in Krankheitsfällen trostspendend halbe Nächte an ihren Betteti säße, kräftige Brühen bringe sie mit, sie pflege und betreue auch die Gesunden und versorge Alles und Alle im Hanse. So kams, daß man wußte, welch großes Herz sie für die Armut auch hatte. Wenn von dieser Rebezin gesprochen wurde und die einen sagten, sie sei der Fels ihres Hanfes, setzten die anderen hinzu: „auch die Zier ihres Hauses". Wer da wußte, wie selten Einigkeit oder Uebereinstimmung über irgend etwas, ob Person oder Sache, unter den Leuten herrschte, bekam eine Ahnung von der Sonderheit dieser Frau, von der es so einstimmig galt, es sei für die Leute ans der Gemeinde ein Glück, daß diejenige, die alle andern Frauen des Ortes überrage, die Rebezin ist. Ob sie den Gatten, mit dem sie seit früher Jugend verbunden war, je geliebt? Sie wußte es nicht, noch hatte sie je darüber nachgedacht. Aber daß sie mit anbelenden Gefühlen zu ihm aufsah, das wußte sie. Nie hatte sie ein unlauteres Wort ans seinem Munde vernommen und daß auch kein unlauterer Gedanke je m seinem Hirn Raum gefunden, hätte sie mit tausend Eiden beschwören können. Ja, sie mußte es am besten, daß es für ihn überhaupt kein Mißtrauen gab, wußte, daß er nie an Arges, nie an Schlechtigkeit glaubte. Daß er mit großen verwunderten Augen, wie ein Kind, dem das allergewöhnlichste Ding als etwas Besonderes, oder gar als Wunder erscheint, ungläubig aufzuhorchen pflegte, wenn von Bosheit mid Niedertracht, als von menschlichen Fehlern, mit denen gerechnet werden müßte, einmal die Rede war. Wurde jemand einer Verleumdung beschuldigt, behauptete der Rav in der ihm eigenen unvergleichbaren Milde, es handle sich gewiß nur um einen Irrtum. Verleumdung sei ein Unding, das konnte es unter Juden überhaupt nicht geben, Eine Ehescheidung, wie sie in der kleinen Stadt nicht selten vorkam, wurden diese Ehen ja meist ohne daß die Hauptbeteiligteit einander vor der Trauung gesehen, hatten, zusammengeschmiedet, verursachte ihm bittere Tage. Wie konnte ein Manu das ihm vor Gott angetraute Weib von sich stoßen? Oderauch, ein Weib den Mann, dem es Treue angelobt, verlassen? Einmal, als dem Rav als Grund einer Ehescheidung die große Häßlichkeit der Frau war vordemonstriert worden, hatte eisekundenlang unter halbgeöffneten Liderit zu dem Weibe hingeblickt, aber er konnte es unmöglich begreifen, daß man ein Ebenbild Gottes häßlich zu finden imstande sei. Was in feilte stille Klause vom Leben draußen hereindrang, vermochte ihn weder in seinen Anschauungen noch in seinen Auffassungen irgendwie zu beirren. Eins in der Seele, eins in allem, was schön und groß und heilig, eins hauptsächlich in Frömmigkeit und Treue für die Vorschriften ihrer heiligen Religion waren die Gatten in vielen andern Dingen grundverschieden geartet. Nicht auch mit verbundeuen Augen, wie der Rav, ging die alte Rebezin durchs Leben und nicht allein, daß sie mit offenen Augen sah, verstand sie es. auch, die Vorgänge imd die Vorkommnisse um sich herum mit ihrem scharfen praktischen Sinn auf Gehalt, Bedeutung im Leben wie im Dasein des Einzelnen zu prüfen, verstand es meisterlich, die allmählich gewonnenen Erfahrungen zu verwerten und für sich und die Allgemeinheit zunutze zu machen. Ebensowenig war ihr deutsches Wissen so fremd geblieben, wie dem srommett Gatten. Ein kleiner Schrank zu Häupten ihres Bettes barg nicht allein Mendelsohn, nicht allein Disraelis „Romane" und L. A. Frankls „Jerusalem", auch Goethe, Schiller, Herder und viele noch, die sie als Große hatte preisen hören, waren da vertreten. Nur in verschwiegenen Nächten wagte sie es, diese Bücher hervorzuholen und beim schwachen Scheine einer Unschlittkerze zu lesen, mit brennenden Augen und unter Herzklopfen zu lesen, bei jedem Geräusch zusammenzuckend, wie etwa jemand bei Anfertigung falscher Banknoten in banger Furcht vor Entdeckung erzittern mag. (Forts, folgt.)

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