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Die Wahrheit · 1908-05-22 · Heft 20 (22.5.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nc. 20. Die Wahrheit Leite 9. ^,der Sitz des Propheten Elijahn", der andere der Sitz des -Gevatters genannt wurde, vor die heilige Lade gestellt. Hier gab der Beschneider dem Einen der Anwesenden das Beschneidnngsmesfer und dem Andern das Pulver, ein Schutzmittel gegen Verblutung, zum Halten, während der Gevatter durch den Synagogenbiener einem Dritten den „Becher des Aussaugens", „Lärm sckel Meziza“, und dem Vierten den ..Kelch des Segens", „Kaus sckel Beracka“, zum Halten überreichen ließ. Sobald die Gevatterin in Begleitung mehrerer Frauen bei der Synagogeutüre mit dem neugeborenen Knaben angelangt war, ries der Synagogendiener oder der Vorbeter mit lauter Stimme: Baruck kaba, Gevatter! Diesem Ruse zufolge verfügte sich der Gevatter zur Synagogentüre, um das Kind aus den Händen der Gevatterin zu tiehmen und es zum Beschneidungssessel zu tragen. Hier sprach der Mohel vorerst die üblichen Segeits- und Gebetformel, bann legte er das Kind den Gevatter ans den Schoß, um die Operation vorzunehmen.*) Unmittelbar nach der Beschneidnng nahm der Rabbiner, wenn er zufällig kein Mohel war, bas Knäblein aus seine Arme und trat mit demselben vor die heilige Lade, wo der Mohel, den Kelch des Segens in der Hand haltend, den Segen sprach und dem Kinde den Namen erteilte. Während des Beschneidnngsaktes pflegten die bei der Synagogentür wartenden Frauen im allgemeinen und die Gevatterin insbesondere, den anwesenden Knaben Nüsse und Backwerk anfzuwerfen, ein Akt, der der munteren Jugend gar oft zu Balgereien Veranlassung gegeben. Nachdem die Namenserteilung stattgefunden, nahm der Gevatter das nunmehr in den Blind Abrahams ansgenommene Kind ans den Händen des Rabbiners und übergab es der bei der Synagogentnr seiner harrenden Gevatterin, die es nach Hanse trug. Sobald die Frauen die Synagogenpsorte verlassen hatten, lud der Synagogendiener die Anwesenden im Namen des „Sandeks“ oder „Baal Beris“ znm Beschneidnngsmahl „Seocda“ ein. War der „Baal Beris“ ein wohlhabender Mann, so ließ er außer dem üblichen Frühstück, das zumeist der „Sandek“ ans seine Kosten zum Besten gab, auch zu Mittag ein reiches Mahl für die Verwandten und sonstigen Gäste veranstalten. _ Die Erforschung der Falaschas. (Fortsetzung.) Addis-Abeba, 20. März 1908. Am Sonntag, 15. März, begaben wir uns ans die gnädige -Einladung Sr. Majestät in das Palais, wo Ato Haile Mariam Pascha uns mit gewohnter Liebenswürdigkeit in dem für Fremde von Auszeichnung bestimmten Spezialpavillon empfing. Er ließ uns einige Minuten ausruhen und führte uns dann in den großen Thronsaal (Adrasch), der zeitweilig auch als Speisesaal dient. Bevor ich Ihnen über die ganz ausnahmsweisen Ehrungen berichte, die uns zuteil wurden, muß ich Ihnen einige Einzelheiten über den Thronsaal geben. Dieser, vor zehn oder zwölf Jahren erbaut, ist 80 Meter lang, 50 Meter breit, 25 Meterhoch. Trotz seiner harmonischen Architektur macht er durch die zahlreichen Balken, die seine Mauern, dnrchschneiden, und durch die Eisensänleu, die das dreieckige Dach tragen, den Eindruck einer Maschinenhalle. Das außenmit Eisenblech bekleidete Dach' ist sehr geschickt, ich möchte sagen, sogar künstlerisch gearbeitet. Die Bambnsstanden, ans denen es zusammengesetzt ist, sind symmetrisch geordnet und durch gelbe, grüne und rote — die äthiopischen Farben — Bänder zusammengehalten, was einen reizenden Eindruck macht. Wände und Front sind mit kleinen blauen und roten Blumen mosaikartig bemalt. Im Hintergründe des Saales, dem großen Portal gegenüber, erhebt sich eine Estrade von 24 Meter Breite und 12 Nieter Tiefe auf vier Stufen bis zu einer Höhe von 70 Centimeter. In der Mitte dieser Estrade steht der angeblich von David herrührende Thron *) Bei Gelegenheit sei bemerkt, daß in früheren Zeiten die Juden eine Patenstelle bereitwilligst annahmen, weil nach Ansicht der Alten das ..Raudekaot" den Reichtum wesentlich fördert. unter einem prächtigen, von einer Krone überragten, von vier vergoldeten Säulen getragenen Thronhimmel. Estrade und Saal sind mit reichen orientalischen Teppichen bedeckt. Der Kaiser gibt in diesem Saal seine feierlichen Audienzen und an Sonntagen und hohen Feiertagen allen seinen Großwürdenträgern. Ministern, Heerführern und den Soldaten der Hauptstadt, zusammen etwa 15.000—16.000 Mann, eine Mahlzeit, die Gebör genannt wird. Für diese Mahlzeit werden in der Regel etwa 100 Rinder geschlachtet. Die Mahlzeit bietet eines der interessantesten Schauspiele, denen man in Abessinien beiwohnen kann. Man sieht alle diese Soldaten mit einem Stück rohen Fleisches in der Hand, das mit Salz und Pfeffer beftreut ist, und in das die Soldateit mit festen Zähnen hineiubeißen. Das ist das vornehmste Nationalgericht, der Dergo. Wir haben einer solchen merkwürdigen Szene nicht beiwohnen können, denn gegenwärtig ist Fastenzeit. Ans dem Gemach, in dem wir uns anfänglich befunden hatten, führte man uns durch einen Gang ans die Estrade selbst. Nachdem mir uns die Hände nach abessinischem Brauch in einer Schüssel gewaschen hatten, die drei Gardesoldaten uns vor der Tür präsentierten, begrüßten wir den Kaiser und nahmen an dem Tisch Platz, der uns zu seiner Linken reserviert worden war. Hinter Menelik standen 20 Militärführer in zwei Reihen, mit Schilden, Krnmmsübelu und Gewehren; ihnen gegenüber der Kriegminister mit gezogenem Säbel, zu seiner Rechten der Afa Negns (buchstäblich: Mund des Kaisers, denn durch ihn gibt er alle seine Befehle kund) und zu seiner Linken der Nagadi Ras (Handelsminister und Minister der auslvärtigen Angelegenheiten) - alle stehend. Auf dem Boden der Estrade saßen alle Großwürdenträger, Provinzgonverneure, die sich gerade in Addis Abeba befinden, etwa hundert an der Zahl. Sie halten vor sich auf sehr niedrigen Tischen ihre Ration Brot, Sardinen und Beißbeerensalat — das ist das Fasten-Menü für den Kaiser und alle seine Untertanen. Wir, die israelitischen Delegierten der Alliance Jsraelite Universelle, saßen auf goldenen Stühlen vor einem königlich geschmückten Tisch. Tischtuch und Servietten waren mit dem kaiserlichen Wappen, die silbernen Gefäße mit verschiedenfarbigen Nelken geschmückt. Mächtige sammetene Vorhänge mit großen Schnüren trennten die Estrade von dem übrigen Saal während des Frühstückes. Die Abbessimer glauben, daß während der niedrigen physischen Betätigung das „böse Auge" zu fürchten sei. Darum bedecken auch die Pagen, die den Kaiser umgeben, diesen mit ihren Schammas, wenn er sich schneuzt, hustet, gähnt oder niest. Während der Mahlzeit ist er nur von der Menge, nicht von den Großen des Hofes gesondert. Große siebenarmige Leuchter auf vergoldeten Sockeln erhellten die Estrade, während die Vorhänge herabgelassen waren. Nach beendetem Frühstück öffnete man die Vorhänge und die Türen des Saales. Die Tausende Soldaten, die im Hofe gestanden hatten, traten, ihre Führer an der Spitze, unter dem Geschmetter der Trompeten, die an die von Jericho erinnern, ein, und nahmen ihren Platz auf der Erde ein, zur Seite ihrer von den Schangallasklaven bedienten Tische. Beim Nachtisch ließ mich der Kaiser durch Ato Halle Mariam. der zwischen ihm und uns aufrecht stand, fragend ob ich einen Trinkspruch ausbringen wollte. Ich beeiferte mich, zu bejahen. Man brachte Champagner, und wie auf ein zauberisches Zeichen standen plötzlich die 5000 Kiefernpaare still. Ich erhob mich, das Glas in der Hand, und hielt unter tiefer Stille eine kleine Ansprache im Namen meiner Vorgesetzten. Ich ließ die weitherzige Duldsamkeit Ihrer Majestäten, ihre Liebe zum Fortschritt hell erglänzen und schloß mit dem Wunsche für das Gedeihen der Herrschaft Ihrer Majestäten und für die Verlängerung ihrer Tage. — Die kleine Ansprache wurde durch den ersten Dolmetsch Ato Haile Mariam Wort für Wort übersetzt, und Seine Majestät erwiderte, daß er von meinen Worten sehr bewegt sei und lebhaft dafür danke. Einige Minuten später setzte sich ein kleiner kraushaariger Mann, mit einem bis zu den Knien reichenden Hemde bekleidet, an der Taille von einem grünen Gürtel eingeschnürt, dem Kaiser gegenüber auf die Estrade. Er hielt ein kleines dreiseitiges Instrument in der Hand. Es war das einer der Asmaris oder

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