Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Die Wahrheit Seite 9. Ausruf! P. T. Der hiesige Verein zur Unterstützung armer jüdischer Mittelschüler hat die Gründung eines Schülerheimes nach dem Muster der zahlreichen, schon bestehenden, jüdische Bewerber von der Aufnahme ansschließenden Anstalten dieser Art beschlossen. Durch die Gründung dieser Institution soll, eines der dringendsten Angenblicksbedürfnisse, auf das von maßgebender pädagogischer Seite seit langem hingewieseu wird, befriedigt werden. Der der. jüdischen Bevölkerung mnewohneude Bildnngsdrang bringt es mit sich, daß sich sehr viele begabte und fleißige Jünglinge aus den ärmsten Volksschichten dem Sludinm widmen, dabei jedoch mangels entsprechender häuslicher Fürsorge vhysisch und moralisch verkümmern. Ein jüdisches S ch ü l e r h e i in soll den ärmsten und hoffnungsvollsten jüd. Studenten Obdach, Verpflegung und gewissenhafte nioralifche Fürsorge bieten. Die bisher zu diesem Zwecke veranstalteten Sammlungen haben ein Erträgnis von ca. 17.000 X geliefert, außerdem stehen einige Subventionen in Aussicht. Da jedoch unsere Gemeinde leider nicht über die Mittel verfügt, um die bedeutenden Errichtnngs- und Erhalrnngskosten einer solchen Institution aus Eigenem aufzubriugen, sehen ivir uns genötigt, an die jüdische Allgemeinheit um Förderung dieses Unternehmens zu appellieren. Die Verwaltung des zugunsten des Schülerheimes anfznbringenden Fondes und die Aufsicht über die Leitung der zukünftigen Anstalt ist einem Kuratorium überantwortet, dem angehören: a) zwei von, der isr. Kultusrepräsentanz in Lemberg zu delegierende Mitglieder: b) die Geineiliderabbiner fortschrittlicher Richtung; o) das Präsidium und die Ansschnßmitglieder des Vereines zur Unterstützung armer jüdischer Mittelschüler; d) je ein Vertreter derjenigen öffentlichen Korporationen, die das Schülerheim mit einer jährlichen Subvention von mindestens 200 X beteilen; e) Personen, die zugunsten desselben eine einmalige Spende von mindestens 5000 X zu widmen geneigt sind. Wer zugunsten des Baufondes einen einmaligen Beitrag von mindestens 100 X leistet, wird gründendes Mitglied des Unterstützungsvereines. Jusolange nicht das zum Baue eines eigenen Hauses erforderliche Kapital aufgebracht ist. soll nach Möglichkeit durch Miete entsprechender Räume die provisorische Realisierung der so dringlichen Angelegenheit angestrebt werden. Augenblickliche Zusammensetzung des Kuratoriums: „Außer des kranken Soldaten da drinnen-habe ich erraten, Dora?" Errötend nickte sie mit dem Kopfe. „Sei glücklich, meine Dora," sagte Ludwig herzlich. „Wenn auch das Band der Liebe sich gelöst, ebenso wie das der Verwandtschaft, das uns unserer Meinung nach bisher verband, das Band der treuen Freundschaft soll uns ferner desto fester und unauflösbarer verbinden, und niemals und durch nichts gelockert werben. Und wills Gott, wenn alles gut geht, dann sollen sich wieder neue Verwandtschastsbande um uns schlingen." Verwundert, nach Aufklärung forschend, blickte Dora ihren Jugendfreund an. „Laß die Zukunft noch vorläufig ruhen. Dora, und rate mir lieber, was mit dem armen Kerl anznfaugen, damit er doch endlich geheilt werde. Er setzte ihr nun seinen Plan auseinander, der ihren vollsten Beifall fand. Zehntes Kapitel. Den mit Empfehlungen von höchster Seite versehenen Dr. Goldenkron wurde nach kurzer Zeit die Uebersnhrnng des Gefangenen behufs häilslicher Pflege gestaltet, und Tante Hannas stilles Hans beherbergte alsbald die so schmerzlich vermißte Nichte, den als Sohn des Hauses betrachteten Doktor, und noch einen Gast, nebst einem geübten Krankenpfleger. Die Heilung der Wunde, und somit Besserung des Allgemeinbefindens, schritt unter diesen veränderten Verhältnissen rasch vorwärts. Gute Luft, gnre Pflege, liebevoller Zuspruch und vor allem das öftere Zusammensein mit dem angebetelen Mädchen übten eine ans Wunderbare streifende Wirkung auf den Kranken ans. Ans einer Tragbahre war der bleiche, abgezehrte Soldat ins Hans gebracht worden, und nach kurzer Zeit schon konnte er das Bett verlassen und stundenlang im Lehnstuhl sitzen, in warme weiche Decken eingehülll. Denn der Winter halte in- Vorsitzendcr: Emil Edl. v. Mise s, Inspektor der k. k. Sraatsbahuen. Stellvertreter des Borsitzenden: Dr. Salomou Bund, Advokat, und Dr. Jech. Caro, Gemeinderabbiuer. Schriftführer: Dr. Abr. K o r k i s, Vizesekretär der Handelskammer, und Ingenieur Max F i s ch l e r. Kassier : Jakob B o d e k, k. k. Postosfizial. Mitglieder: Dr. Samuel G n t t m a n n, Rabbiner; Med.-Dr. Jonas Reinhold: Knltusrat Dr. Bernh. Hausner, k. k. Gpmn.-Prvfeffor; Marcell Schaff, Privat; Dr. Martin v. H o r o w i tz, Industrieller; Dr. Adolf Segal, Advokat; Med.-Dr. Jakob M a h l, Gemeinderat; Karl Stand, Privat. Eventuelle Spenden sind an den Kassier Jakob B o d e k, Lemberg, Hauptpostamt, zu senden. Mersöönte Je in de. Von Babette Fried. (Forrsetznug. Daß Ludwig nur um dessentwillen hierhergekommen, das konnte Dora nicht wissen, da sie keine Ahnung von den Beziehungen hatte, welche zwischen diesen beiden Männern bestanden. Gut gelaunt, wie der Doktor über das Anffinden des so lange gesuchten Brnders seiner Geliebten geworden, machte es ihm Spaß, Dora gegenüber das Lesen ihres Tagebuches und die innere Befriedigung, welche ihm der Inhalt desselben verursachte, zu verschweigen, und sich ihr gegenüber als der erklärte, verliebte Bräutigam aufznspielen. Ganz straflos sollte sie nicht davon kommen, die ihn so ohne.weiteres verschmäht hatte, ihn, der von den schönen Frauen vergötterte Ludwig Goldenkron. Aber Deborah war keines jener gewöhnlichen Mädchen, bei denen ein solches Verfahren angebracht war. Ihr war jeder Hinterweg fremd, sie kannte keine Schliche; ihr Charakter war ein gerader, und sie verschmähte es, ihn nur eine Stunde laug zu täuschen. „Ludwig," sagte sie sanft, „hat Dir die Tante denn nicht gesagt, daß ich auf Deine Hand verzichten muß, weil ich Dir nicht diejenige Liebe entgegenbringen kann, die Du von Deiner Lebensgefährtin zu fordern berechtigt bist?" „Freilich sagte sie es mir, doch ich glaube es ihr einfach nicht!" „O glaube es ihr doch, lieber Ludwig," sagte sie ruhig, ..und glaube es mir, daß ich niemals die Deine werden kann, niemals, auch nicht die eines anderen Mannes!" zwischen mit aller Macht seine Herrschaft angetreten, und der Wind rüttelte oft ganz nngeberdig an den Fenstern des Erdgeschosses, worin das Zimmer für den Kranken hergerichtet war, Wenn draußen der Sturm heulte und tobte, dann schob Dora den Lehnsessel des Krauken näher zum warmen Ofen, sie selbst nahm ihre Stickerei zur Hand, die Tante ihren unvermeidlichen Strickstrnmpf, und wenn es seine Zeit erlaubte, gesellte sich auch Ludwig zu ihnen, wo dann der Abend im trautesten Gespräch angenehm verging. Eines Tages wurde Karl anfgefordert, auch etwas aus seinem Leben und seinem Valerhause zu erzählen. Gerne rar er dies, und er entrollte vor den aufmerksamen Zuhörern solch ein köstliches Bild eines glücklichen Familienlebens, daß den beiden Damen Tränen der Rührung in die Angen traten. Mit besonderer Begeisterung schilderte Karl die körperlichen und geistigen Vorzüge seines Schwesterchens, erzählte, wie er ein Jahr vor Ausbruch des Krieges mit ihr nach Wien zum Besuche von Verwandten gereist war. Bei dieser Gelegenheit habe er sie überredet, sich in Miniatitr für ihn malen zu lassen, und dann ließ er das kunstvoll gelungene Bild in eine goldene medaillonartige Kapsel entsetzen, welche er als Anhängsel an seine Uhrkette befestigte. Als er von der Schwester Abschied nahm, sprach er in seiner Aufregung die unbedachten Worte: „Wenn Dir dieses Bild von fremder Hand zurückgestellt wird, dann kannst Du mich getrost als tot beweinen, denn so lange ich lebe, trenne ich mich nicht von Deinem Bilde." Als er mit noch einigen Kameraden bei Skalttz auf Vorposten geschickt wurde und erkannte, welch ein gefährlicher Posten es sei, den er da bezog, nahm er seine Habseligkeiten, band sie in ein Papier zusainmen, worauf er die volle Adresse seines Vaters schrieb und steckte dasPackecchen zu sich, damit er in dem Falle, daß ihm etwas zustieße, es einem oder dem anderen Kameraden behufs Rückstellung übergeben könne. Als er ans das Bild der Schwester noch einen Blick werfen wollte, schien es ihm unmöglich, sich davon zu trennen; er entnahm es dem Medaillon und steckte es zu sich. Da kam die feindliche Kugel, die ihn niederstreckte. (Foctfetzuilg folgt.)