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Die Wahrheit · 1908-05-01 · Heft 17 (1.5.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 17 Natur- und Heilkunde, die im November 1872 zu Bonn tagte, seine Lösung gefunden. „Herr Professor B i n g hat durch seine Berichte, die er über eine gemiste Art von Pilzen gab, Nona8 prodigiosa genannt, auch das Geheimnis dieser wundertätigen Hostien den unheiligen Augen der Welt enthüllt. Diese Pilze, welche sich häufig ans gekochten Mehlsnbstanzen. wenn sie feucht werden, zeigen, erscheinen als massenhafte rote Flecken, wie wenn man mit einem Pinsel Blut an jene Objekte getupft Hütte. Beim ersten Anblick scheinen die Flecken trocken, beim Berühren geben sie aber einen intensiv roten Saft; unter dem Mikroskope erscheinen sie als dicht aneinanderstehende runde Körnchen von pflanzlicher Natur rc. Also den wunderbaren Blutflüssen geweihter Hostien hat das Mikroskop, wie schon manch anderen Wundererscheinungen, glücklich für alle kommende Zeiten ein Ende gemacht! Zn bedauern ist nur, daß Herr Professor Bing nicht schon im 12. Jahrhundert gelebt hat, es wäre da viel gortseeliges Morden und Blutvergießen der Welt und der h. Mutterkirche erspart geblieben, das die blutenden Hostien auf dem Gewissen haben." Auch Ehrenberg inld Sette haben haarklein nachgewiesen, daß die Monas prodigiosa einzig und allein es war, um derentwillen so viel unschuldiges Blut vergossen wurde. Dies mögen die hochliberalen, human denkenden und human fühlenden Antisemitenhäuptlinge gefälligst zur Kenntnis nehmen. * ' rj: Der Abgeordnete N i s s e l o w i ts ch, welcher eine Gesetzvorlage über die Aufhebung der R e ch t s b e s ch r ä n k n n g e n der Juden in der Duma einbringen will, hat mit S t o l y p i n eine Unterredung über die Judenfrage gehabt. Stolypin erklärte zunächst, die Regierung habe schon alle Maßregeln getroffen, um die zu Ostern befürchteten Judenhetzen zu verhindern, bemerkte dann, der Ministerrat habe sich schon 1906 für die Aufhebung einiger Rechtsbeschränknngen der Juden ausgesprochen, eine darauf bezügliche Vorlage in der jetzigen Session dieser Duma einzubringen, habe er für verfrüht gehalten; die zweite Session werde sich besser dazu eignen. Wenn aber die Duma eine Spezialkommission für die Jndenfrage bilden wolle, so werde die Regierung der Duma in Bezug ans die Besserung der sozialen Lage der armen jüdischen Bevölkerung innerhalb und außerhalb des Ansässigkeitsrayons entgegenkommen. Vor der Unterredung mit Stolypin hatte Nisselowitsch mit den Führern der Majoritätsparteien Rücksprache genommen. Der Führer der äußersten Rechten, Alexei B o b r i n s k i, sagte, seine Fraktion sei nur für d i e A u f h e b u n g einiger Rechtsbeschränknngen; der Führer der gemäßigten Rechten, Wladimir B o b r i n s k i. bemerkte, er sei dafür, die von Nisselowitsch ausgearbeitete Vorlage einer Kommission zu überweisen; der Oktobrist Gutschkow gab Nisselowitsch den Rat, sich an Stolypin zu wenden. Anwachsen jüdischnalionaler Energien. Wer über die Auserlesenheit unseres Volkes geringschätzig den stab brechen wollte, müßte durch die neuzeitlichen Strömungen und Bestrebungen eines Besseren belehrt werden. Man kann wohl die Lehren der Menschheitsgeschichte ganz aus den Augen verlieren, so man sich über die Schicksale der einzelnen Nationen im Vergleiche zu der jüdischen feine Gedanken machen will. Ein Volk, welches über 1800 Jahre aus seiner nationalen Heimat herausgerissen, Allerweltsideale in sich aufnahm, ein Volk, welches in selbstmörderischer Weise das letzte nationale Refugium, seine nationalen geistigen Schätze, seine nationale Energie in großen Proportionen aufzugeben schien, schreitet urplötzlich über die katastrophalen Selbstmordgedanken hinweg zu der nationalen Wiederbelebungsarbeit. Wie viel latentes, heiliges Feuer, welches wir nationale Energie nennen möchten, mußte da aufgehäuft sein, um als Erbgut den-fernsten Generationen seine Wunderkraft zu offenbaren! Welch gewaltiger Schritt vom krassesten Jndifferentismus, der sich in neologischer Abschweifung vom Heiligsten im Judentum, in der Einführung'fremder Knltnsformen m den altgeheiligten Kultus dokumentierte, vom Lossagen von der nationalen Kulturquelle bis zur Mischehe, von da zur Ankleberei an fremde Volkselemente, bis zur neuen Aera! Treten wir aus der verschwommenen Allgemeinheit in die sonnenklare Einzelgebiete jüdischnalionaler Betätigung. Da ragt ans der Mitte des vorigen Jahrhunderts das erste Institut, das sich auf den Wohltätigkeits- und Brüderlichkeitssinu aufbaute, die Alliance Jsraelite Universelle in Paris und die Anglo Jewish Association in London, gegründet von zwei Lichtgestalten erhabenster Art. Sir Mose M o n t e f i o r e und Adolf Cremieux. Diese Männer schufen ein erstes Asyl, wohin das bedrängte Israel sich rettete und flüchtete an das Bruderherz im Zentrum der größten Kulturzentren. Von diesen Korporationen ging und geht ein Strom heißer Herzenswärme und Erbarmen gepaart mit Licht und Bildung über die Welt. Millionen Geidopfer, hnnderttansende jüdische Schüler, ebensoviele aus zarischer Mörderhand Gerettete legen beredte Zeugenschaft ab für das einbrechende Morgenrot Israels. Etwas später, 1868, wurde der erste politisch-jüdische Verein „Schomer Israel" gegründet zur Wahrung nnd Verteidigung jüdischer Interessen und zur Belehrung der jüdischen konstitutionellen Nenbürger über ihre Rechte und Pflichten gegenüller dem mittlerweile sich allseits erhebenden Anti- und Asemitismns in Galizien. Wer schildert die Kämpfe, welche dieser erste politisch-jüdische Verein durchznmachen hatte gegen die Anfeindungen von christlich-polnischer Seite, welche die Emanzipation der Inden Galiziens nicht verwinden konnte. Gewöhnt, im Inden ein untergeordnetes, faktorfertiges, menschenähnliches Wesen zu sehen, diesen Juden mit seinen hundert Bücklingen vor jedem polnischen Porez, der es nicht wagte, in das Antlitz des Jasni Wielmocny Pan aufznschanen. seit dem neuen Kurs gar als einen gleichgestellten Bürger erblicken zu müssen, das war denn doch für das verwöhnte, herrschsüchtige Polentnm zu viel. Und welche Kämpfe hat es schließlich gekostet, um aus unserem jüdisch-galizischeu Israel den Sklaven, den Faktor heranszutreiben! Dieies Stück saure politische Arbeit kann man dem galizischeu Kleinstädterjnden noch immer ans seinem ganzen Gehaben ablesen. Gibt es ja noch heute Assimilationsjuden, welche es sich als hohe Ehre anrechnen, so ihnen ein polnischer Porez die Hand reicht und sie ihm das Mandat in den Reichsrat, Landtag u. s. w. auf dem Präsentierbrett anbieten. In Deutschland setzte die Einigkeitsbewegung verhältnismäßig früher als anderswo ein, da neben der Alliance der deutsch-jüdische Gemeindebund tätig war und andere große Vereinigungen ans dem vor eittem Vierteljahrhundert aufgetauchten Gedanken Nahrung zogen. Dort bewährt sich das jüdische Solidaritätsgefühl, das in Paris seinen Anfang nahm, auf das hervorragendste. 'Neben der großartigen Mnnifizenz der selbstständigen Alliance gibt es Spezialvereine zur Beförderung der russischen Flüchtlinge, der Zionismus stellt dort die edelste» Geister ins Feld, von denen aus die Kolonisation Palästinas zielbewußter in Angriff genommen wird, nnd nicht minder beginnt sich das deutschländische Israel für die galizischeu nnd rumänischen Juden lebhaft zu interessieren. > Ziehen wir uns nun auf den heimisch-österreichische» Boden zurück, so können wir heute mit einem gewissen Stolze auf das Zeiltrum des 'Reiches, auf Wien, blicken. Diese große jüdische Gemeinschaft weist eine „Allianz" zur Förderung nnd Unterstützung der russischen Flüchtlinge auf, eine österreichischisraelitische Union, welche den politischen Ereignissen im Interesse der österreichischen Inden lebhaft folgt, einen allgemeine» österreichisch - israelitischen Bund, einen respektablen Hilfsverein, welcher sich zur Aufgabe gestellt hat, das Elend der galizischeu Juden zu lindern, und eine große Anzahl zionistischer Vereine. Alle diese Vereinigungen, obschon dieselben sich in den Rahmen des Nationaljudeutums ohne einen erheblichen Rest nicht einfügen lassen, arbeiten doch im Sinne der jüdischen Gemeinbürgschaft. Die Formel für die Einigung unseres Volkes in Galizien ward im -„Schomer Israel" 1878 gegeben, als unser Antrag (1873) der Einberufung eines galizischeu Gemeindetages angelu E ta fu (1 ze A dt T di je »i dt di m ji> tr sil ni dt ai B V 0> E i}‘ se dt fc in te in E in IN bi w ei fit l)C w tu jü in bn >v P m R P ös di ta II! ge he ick G Ki ft] P tei 6 *

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