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Die Wahrheit · 1908-05-01 · Heft 17 (1.5.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ittrbnftiou ii. yibmtiiilu utiou :! Wien, 1]/, 3iiuuufli]afif 271 *f flrlibuH brr finicfttsi Jn.Htit; K. k. österr. Postsparkassascheck-Konto Nr. 100.918jl Jl (CViXt l.' Diviermal g-ivalt-u- NonvareiNe-Zeile 25 Heiter. NboiuiciiiciilS« ».;luierlioliS' betrüge nud m Stiien jnblbav iiub ktagoar. Unabhängige Seitschrift für jnöisch> Jntere^en. Erscheint jeden K r e i t u g. Motto: „Das Siegel CJottes ist Wahrheit!" ,j ’Millljltltll l(| . . tt >'4. - i! H.nnj.ivvii, . . tk 7 - j j —?! ftiw (ÄiiUii?tn-unite: | » III. I :j — | tViii Vl ii? ln ul): j i:! 'SltlMllUllltl ... .1 'JJIuvt j ii I, »tubei obn I» ,ic4 I Nr. IV Wien. 1. Mai >N08 Inhalt: Aus dcr Woche. — Anwachsen jüdisch-nationaler Energien. — Oesterr. israelitischer Bundestag. — Oesterreichisch-Jsrael itische Union. — Ueber das Armenwesen der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. — Ein Qnellenbuch für die Geschichte der Juden in Deutschland. — Tempelweihe in Nentitschein. — Verschiedene Nachrichten. — Jubiläums-Kantorentag. — Dienstjubiläum. — Feuilleton: „Versöhnte Feinde." Aus der Woche.! Der vom „Allgemeinen österr. israel. Bund" einberusene Bundestag, der unter imposanter Beteiligung der österreichischen ' Kultusgemeinden am 27. und 28. April im Sitzungssaale der l Wiener israel. Kultusgemeinde nbgehalten wurde, bildet ein! denkwürdiges und bedeutungsvolles Moment in der Geschichte der österreichischen Judenschaft. Denkwürdig und bedeutungsvoll! sowohl in Anbetracht der gesagten Beschlüsse, als auch der Eini Willigkeit, mit welcher dieselben trotz der mannigsachen, in! politischer und religiöser Beziehung innerhalb der österr. Inden- , schüft offenbar bestehenden Spaltungen zustande kamen. Hier! wurde der Grundstein gelegt zu einer autoritativen Gesamtj Organisation, zu einer in Konsequenz und im weiteren Ausbau i des Gesetzes vom 20. März 1890 staatsgesetzlich anerkannten > Repräsentanz der Juden in Oesterreich, wie sie dieselbe die! Katholiken und Protestanten schon längst besitzen. Die Notwendigkeit! einer solchen Organisation ist in jüdischen Kreisen seit Jahren, j seit Jahrzehnten allgemein und ties empfunden worden, aber! was früher infolge von Indolenz und kleinlicher Zwistigkeiten i unmöglich schien, ist durch der Zeiten Not und angesichts der! immer heftiger werdenden Anstürme unserer äußeren Gegner! gegen die soziale und politische Gleichberechtigung der Inden! endlich zur Tat gereift. Mögen die Wege zur endgiltigen? Realisierung dieser Idee noch weit und der Hemmnisse noch viele! zu überwinden sein, der ernste Wille, an das erstrebte Ziel zu! gelangen, ist erwacht und die einmütige Manifestation desselben! auf dem abgehaltenen Bundestage bietet sichere Gewähr dafür, j daß die endlich durchgedrungene Erkenntnis von der Notwendig-! keit einer Repräsentanz des österreichischen Judentums auch die j richtigen Mittel finden wird, um dieselbe aus gesetzlichem Wege! zu erlangen.! $ * ■ , * l In der sixtinischen Kapelle in Rom hat sich in der Oster-! woche ein Vorfall ereignet, der nicht nur in der christlichen Welt, \ sondern bei allen gebildeten, religiös fühlenden Menschen, ohne j Unterschied des Glaubensbekenntnisses, berechtigte Empörung! hervorgerufen hat. Der traurige Held dieser Episode war leider i ein Jude, der Professor an der Wiener Exportakademie Dr.! Feilbogen, ein armer „Schlucker", wie ein treffendes Witzj wort ihn nannte, der in frevelhaftem Leichtsinn an der vom i Papste persönlich gespendeten Kommunion theilnahm. Dieser! Mann kann nur noch dem Namen nach Jude sein, jüdisch > religiöses Denkeü'tlnd Empfinden muß ihm vollkommen fern liegen,! denn sonst hätte,,ihn die von der jüdischen Religion stets ge-! lehrte Achtung anderer religiöser Ueberzeugnng von solch beklagenswerter Untat serngehalten. Aber trotzdem Oberrabbiner Dr. Güdemann an heiliger Stätte diesen ehrfnrchtswidrigen Vorgang anss tiefste beklagte und aus das schärfste verurteilte und der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde und andere jüdische Korporationen sich in öffentlichen Kundgebungen der Erklärung des Wiener Oberrabbiners anschlossen, fährt das „Deutsche Volksblatt" und mit ihm der Chorus der antisemitischen Presse fort, das gesamte Judentum für den Frevel Dr. Feilbogens verantwortlich zu machen. Diese Methode ist nicht neu, aber wenn das „Deutsche Volksblatt" sich als Hüterin religiöser Gefühle ausspielt, so muß denn doch daran erinnert werden, daß gerade dieses Antisemitenorgan keine Gelegenheit vorübergehen läßt, um religiöse Gebräuche und Zeremonien der Juden in den Kot zu zerren und daß nach dem Zeugnisse hoher Kirchensürsten die ganze antisemitische Bewegung den Geist des wahren Christentums tief verletzt. Angesichts der Bemühungen des „Deutschen Volksblatt", den Vorfall in der Sixtinischen Kapelle für die antisemitische Propaganda ansnutzen und die Instinkte der rohen Massen durch Reminiszenzen an angebliche Hostienschäudungen in früheren Jahrhunderten gegen die Juden aufznwiegeln, scheinen uns folgende Mittheilungen, die uns von einem Freunde unseres Blattes zur Verfügung gestellt werden, höchst aktuell: Anläßlich des nicht zu entschuldigenden Vorgehens des Prof. F. in der Sixtinischen Kapelle, wo ein Jude überhaupt nichts zu suchen hat, wurde in der Wiener antisemitischen Presse, die wieder einmal recht viel Futter für längere Zeit erhalten zu haben glaubte, von dem Märchen der Hostienschändung gefaselt. Und in der Tat wurde infolge des Blutes, das angeblich aus den durchstochenen Hostien gestossen, in früheren Jahrhunderten viel jüdisches Blut vergossen. Schon im Jahre 1305 wurden in Kornenburg zwei Inden verbrannt und die andern ausgewiesen, weil sie sich angeblich eine heilige Hostie verschafft hatten. Eine ähnliche Geschichte ereignete sich um dieselbe Zeit in Klosterneuburg. Im Jahre 1312 ertönte dieselbe Klage ans Steiermark, weshalb mehrere Inden verbrannt wurden und die andern sowohl aus Steiermark, wie aus Kärnten, suchten durch die Flucht ihr Leben zu retten. Im Jahre 1338 wurden ans demselben Grunde die Juden in Pnlka, Retz, Znaim, Horn, Eggenburg, Neuburg und Zwettel getödtet und verbrannt. Nun aber hat das Rätsel der sogenannten Hostienschändung vor 36 Jahren in der Niederrheinischen Gesellschaft der

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