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Die Wahrheit · 1908-04-16 · Heft 16 (16.4.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 16 (16.4.1908)
Date
1908-04-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akvbeit »icbftfliou u. 'i?lbiimuui auou : Wien, i]/, vJhH)inni]a||e 27. 3"flnibmi brv •»nufsi-e! >5.".»r K. f. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. IVV.918. -Ullev.^rr.' Die viermal geivaltciie Noilpareille-Zeiie 25 Heller. -lboillicniciilS- II. ^Illc, llüiis. belräqe lind in Wie» zabldar und Nttiibar. «abhängige Aeitschrift für Misch Erscheint jeden Kreit a g. ^otto: 0»bl.«8 >81. >Vt»t>rt,«li!41 Nejnusupeis: [■ '«iiiijiiiOvirt . . Jf 14.— |i H.iidi.idna , «k 7 - - tVnr (iiiltii^beaiiite :; 14 jf III j! 1! ij f'viir Vl»5luii6 : '»'iiiuiiitniii ... 1 'jjimr j: d Ililltift obri 1« }u». j| Nr. 16. Wien. 16. April 1908 Inhalt: Aus der Woche. — Oesterreichisch-Jsraelitische Union. — Statutenäubenum in der Wiener Kultusgemeinde. — Von wem kommt das HeilV Einige Gesichtspunkte bezüglich der jüdisch-aramäischen Papyrifunde in Assuan und Elepyantine und deren Bedeumng für die Bibelkunde. Ethische Lichtstrahlen ans der ralmndischen Halacha. — Ueber das Armenwesen der Wiener israelitischen Kultnsgemeinde. — Berschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Versöhnte Feinde." Ans der Woche. Die vereinigten Klerikalen und Antisemiten, die gegenwärtig die politische Situation in Oesterreich beherrschen, haben im Vollbewußtsein ihrer Macht ein freches Attentat gegen die Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger unternommen, indem sie durch den antisemitischen Abgeordneten Heinrich Schmid im Budgetausschnsse einen Resolutionsantrag einbrachten, der die Tendenz verfolgt, die Besnchszahl der jüdischen Mittelschüler an den öffentlichen Mittelschulen einzuschränken. Gegen diese grobe Verletzung der den Juden, gleich allen anderen ' Staatsbürgern, durch die Verfassung gewährleisteten Rechte haben die jüdischen Abgeordneten G a b e l, G a l l, Gold, Adolf Groß, Ko lisch er, Kuranda, Loewenstein, Mahler, O f n e r, Stand und S t r a u ch e r folgende P r 0 t e st - K u n d g e b u n g einstimmig beschlossen: Der B u d g e t a n s s ch u ß hat bei der Verhandlung über die Mittelschulen einen Resolntionsantrag des Abgeordneten Heinrich Schmid angenommen, ivelcher die Regierung auffordert, Erhebungen 5 u pflegen, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den ch r i st l i ch e n Mittelschülern mit der wirklichen Bevölkernngsziffer in Einklang zu bringen sei, und dem Hause über den Erfolg dieser Erhebungen Bericht zu erstatten. Der Ausschuß hat sich vertagt und es ist nicht mehr möglich, in derselben parlamentarischen Körperschaft, in welcher dieser Beschluß gefaßt wurde, gegen die ihm offenkundig innewohnende Tendenz gebührend Verwahrung einzulegen. Auch den Zeitpunkt abznwarten, in welchem die beantragte Resolution im Hause zur Beratung gelangen könnte, scheint uns untunlich, weil eine Aktion, die auch in die parlamentarische Praxis jenes S y st e m der R e ch t s u n g l e i ch h e i t einzuführen trachtet, welches im sonstigen öffentlichen Leben des Staates leider allzu häufig Anwendung findet, sofort als solche stigmatisiert und von allem Anfänge an bekämpft werden muß. Der Budgetausschuß, der 52 Mitglieder zählt, hat mit 19 gegen 9 Stimmen, also mit einer reinen Zufallsmajorität, jenen Antrag angenommen. Wir können auch nicht glauben und ivollen nicht annehmen, daß dieser Antrag im Hause die Majorität erzielen könnte, daß ein V 0 lksparlam e n t, berufen, die gleichen bürgerlichen Rechte aller zu wahren, die kulturellen Interessen der Gesamtheit zu schützen, das Gedeihen aller zu fördern, einer Maßregel seine Zustimmung geben könnte, welche kulturell und moralisch gleich verwerflich ist, die durch die V e r f,a s s u n g jedermann gewährleistete L e r n f r e i h e i t verletzt, die Zugänglichkeit der öffentlichen Lehranstalten für alle ohne Unterschied illusorisch macht. Wir besorgen auch nicht, daß eine ihrer P s l i ch l bewußte Regierung der in dieser Resolution enthaltenen Anregung Folge leisten könnte, denn die Regierung, berufen, ein Hüter des Rechtes zu sein, kann durch keinen Beschlußantrag verpflichtet werden, kultnrelles Recht und beeidetes Gesetz zu verletzen. Nichtsdestoweniger müssen wir diesen offenbar neuerlichen Vorstoß gegen die gleichen bürgerlichen Rechte der jüdischen Bevölkerung sofort mit alter Entschiedenheit zurückweise n. Eingedenk unserer Pflicht, unter den uns anvertrauten Gesamlinteressen insbesondere auch das Recht der jüdischen Bevölkerung auf Anerkennung als gleiche, vollberechtigte Staatsbürger im Parlament zu vertreten, werden wir im geeigneten Zeitpunkte im Hause jenen volksbildnngsfeindlichen Atttrag bekämpfenaber bis ins tiefste in unserer persönlichen mib staatsbürgerlichen Würde verletzt, fühlen wir uns gedrängt, schon heute von jenem Resolutionsantrage des Budgetausschusfes und der ihm innewohnenden Tendenz an die öffentliche Meinung des gesitteten Oesterreich zu appellieren. Wir legen feierlich Verwahrung ein gegen eine Aktion, w e lch e in schroffem Widerspruche st e h t zu dem S ta a t § g r n n d g e s etz e, das volle Lernfreiheit gewährt, zu dem Streben nach Wlfsen, welches der Kulturwelt iunewohut, zu dem modernen Leben, das theoretische und praktische Bidnng verlangt, um schaffend wirken zu können und im Wettbewerbe der Staaten und Völker zu bestehen. Wir legen solennen Protest ein gegen jenen Antrag, welcher die Rechtsgleichheit verletzt und geeignet ist, Oesterreich zum Hohn der gesitteten Welt auf das Kulturnivean Rußlands und Rumäniens herabzudrücken." * * * Die Einmütigkeit, mit welcher sich die jüdischen Abgeordneten bei dieser Aktion zusammenfanden, ist allerdings erfreulich, aber eiu wirklicher Erfolg in der Wahrnehmung und Vertretung der jetzt seitens der rückschrittlichen Parteien vielfach angegriffenen Rechte der jüdischen Staatsbürger Oesterreichs ist nur dann zu erreichen, wenn in den Kreisen der jüdischen Abgeordneten die Erkenntnis zum Durchbruche gelangt, daß ein stetiger engerer Zusammenschluß derselben, ungeachtet ihrer sonstigen politischen Stellung, absolut notwendig ist.

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