Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Die Wahrheit Leite 11. DoLkswirtschaft. K. k. priv. Lemberg-Czerrrowitz-Jasfy Eisenbahn-Gesellschaft. Der gefertigte Vermalrungsrar gibt sich die Ehre, die Aktionäre der k. k. priv. Lemberg-Czernowitz-Jassy Eisenbahn-Gesellschaft zu der am Samstag, den 25. April 1908, um 10 Uhr vormittags, im Saale des Oesterr. Ingenieur- und Architekten-Bereines in Wien (I., Eschenbachgasse 9) stattfindendeu 52. (ordentlichen) G e n e r a l - V e r s a m ml u n g einzuladen. G e g e n st ä n d e der Verhandlung sind: 1. Bericht des Verwaltungsrates über die Geschäftsführung im Jahre 1907. 2. Bericht des Revisions-Ausschusses über den Rechnungsabschluß pro 1907. 3. Antrag des Verwaltungsrates über die Verwendung des Reinertrügnisses. 4. Wahl des Revisions-Ausschusses. 5. Wahlen in den Verwaltnngsrat. Jene Herren Aktionäre, welche der General-Versammlung beiwohnen oder ihr Stimmrecht nach Maßgabe der Statuten ansüben wollen, haben ihre Aktien bis inklusive 17. April 1908 in W i e n bei der f. k. privilegierten österreichischen Länderbank; in Prag bei der Filiale dieser Bank; inGraz bei der Wechselstube der Steiermärkischen Eskomptebank und der Firma E. C. Mayer & Co.; in L e m b e r g bei der k. k. priv. galizischen Aktien-Hypothekenbank; in Krakau, C z e r n o w i tz oder T a r n o p o l bei den Filialen dieser Bank; in Berlin bei der Berliner Handel-sgesellschaft, der Deutschen Bank, der Nationalbank für Deutschland und der Bank für Handel und Industrie; in Franks u r t a. M. bei der Deutschen Vereinsbank; in Stuttgart bei der Württembergischen Bereinsbank; in Paris bei der Banque Imp. Poy. Privilegiee des Pays Autrichiens Succursale de Paris; in London bei der Anglo- Austriaii-Bank und der Filiale der k. k. priv. österreichischen Lünderbank mittels doppelt auszufertigender Kousignationeu (wozu Blaukette bei den genannten Kassen unentgeltlich verabfolgt werden) zu erlegen und erhalten mit der Empfangsbestätigung hierübcr die Legirimationskarte zur General- Versammlung. Im Vertretungssalle müssen, die ans der Rückseite der Legitimatlouskarten vorgedrnckcen Vollmachten eigenhändig unterfertigt werden. Der söhnte Zeinde. Von Babette Fried. (Fortsetzung. „Es war an einem trüben Herbsttage," fahr Tante Hanna fort, „draußen henlte der Sturm und trieb große Regentropfen an die Scheiben der Fenster. Ich empfand mit besonderem Behagen die Annehmlichkeit des hübschen, wohldurchwärmten Zimmers. In den Armleuchtern brannten zwei Kerzen, welche genügendes Licht zum Lesen verbreiteten. Ich nahm das Buch zur Hand, dessen spannender Inhalt mich schon Nachmittags gefesselt hatte und setzte mich zurecht, um einige Abendstunden mit angenehmer Lektüre zu verbringen. Da unterbrach mich Riete: „Fräulein, ein reitender Bote ist angekommeil und bringt einen Brief an Sie." „Von meiner Schwester!" ries ich erschreckt ans. „Nein, nicht von ihr, von anderswoher." Der fremde Mann trat ein und überreichte mir ein Schreiben. Mit zitternden Händen erbrach ich es. Es enthielt die mir wohlbekannten Schristzüge meines einstmaligen Verlobten, und nur die wenigen Worte: „Ich scheide ans diesem Leben, welches mir ohne Deinen Besitz wertlos ist und lasse nichts zurück, als ein Kind, welches ich Deiner Fürsorge empfehle. Du wirst ihm eine Mutter sein, da die seine schon vor mir ans diesem Leben genommen wurde und es auch heute seinen Vater verliert." „Was ich in diesem Momente dachte und fühlte, was ich tat und anordnete, wie könnte ich Dir es schildern. Ich war fassungslos. Kaum, daß ich verstand, was mir der Bote erzählte: daß sich nämlich der angesehene Kaufmann Goldenkron in seinem Zimmer erschossen habe. Unter anderem hätte er auch einen Brief mit meiner Adresse zurückgelassen, mit der Bemerkung, mir denselben unverzüglich ans dem kürzesten Wege znstellen zu lassen. — Trotz des stürmischen Wetters und meines elenden körperlichen Befindens befand ich mich.noch in derselben Nacht aus dem Wege nach N. Gegen Früh langte ich in der Stadt an, .wo man mir gleich den Weg ins Trauerhaus zeigte, welches von Hunderten Neugieriger umlagert war. Ich ließ mich sogleich zu dem doppeltverwaisten Knaben bringen, der in seiner glücklichen Unbefangenheit noch keine Ahnung von dem Verluste, der ihn betroffen, hatte. Er besaß die mir noch immer teuren Züge seines Vaters, und es gelang mir überraschend schnell, das Zutrauen des schönen Knaben zu erringen. Ich nahm Abschied Don den Ueberresten desjenigen, der meine Zuneigung und Liebe einst besessen, und gegen den ich in kindischem Hochmut und unbegreiflicher Unerfahrenheit so tief gefehlt hatte, versprach an seiner Bahre, dem znrückgelassenen Lieblinge eine gute Mutier sein zu wollen, nahm den kleinen, kaum vierjährigen Ludwig mit mir und erbat mir von dem ganzen Nachlaß des Verblichenen, ans den ohnehin die zahlreichen Gläubiger schon Beschlag gelegt hatten, nichts anderes, als das Bild des Entschlafenen, dasselbe, welches noch jetzt die schönste Stelle in Ludwigs Zimmer eiunimmt. Ludwig nahm ich sofort mit und eizog ihn in dem Gedanken, daß ich seine wirkliche Tante sei. in welchem Glauben er noch heute lebet, und er hat mir auch meine Sorgfalt mir der rührendsten Anhänglichkeit vergolten." „Dies ist wahr," fiel ich ihr ins Wort. „Kein Sohn kann inniger an seiner Mutter hängen, als Ludwig an Dir. Doch Tante, wann und wieso kam ich denn zu Dir?" „Das ist wieder ein trauriges Kapitel aus meiner Lebensgeschichle. Zn viel fast der Erinnerungen stürmen heute ans mich ein, doch es muß sein, damit Du. liebes Kind, einsiehst und begreifen lernst, daß es nicht bloßer Eigenwille, nicht starres Festhalten an einer einmal gefaßten Meinung in. welches meine Handlungsweise sowohl, als meine Wünsche leitet." Liebkosend strich Tante Hanna über meine Haare und fuhr fort: „Deine Eltern hatten in glücklicher Ehe gelebt, trotzdem ihnen längere Zeit der Kindersegen versagt geblieben, und trotzdem, wie es sich später heransgeuellt, sie in mißglückten geschäftlichen Unternehmungen den größten Teil des voit unseren Eltern ererbten Vermögens verloren hatten. Von dem letzteren Umstande wußte ich nichts. Hätte ich denn nicht freudig einen Teil meines eigenen Besitzes geopfert, um der geliebten Schwester die Sorgenlast zu erleichtern? — Ich war einge'ponnen in meine Häuslichkeit und lebte nur der Pflege und Erziehung des Kindes, das ich zu mir genommen harte, uub welches mir mein ganzes Denken lind Fühlen ausfüllte. Die Nachricht, daß die Ehe meiner einzigen Schwester endlich mit einem Kinde gesegnet worden, hatte mich mir unsäglicher Freude erfüllt, und ich wäre sofort hingereist, um selber die Pflege der Schwester zu leiten, wenn nicht gerade Ludwig an einer Kinderkrankheit darnieder gelegen hätte. Ich konnte mich nicht enfchließen, das fiebernde, an mich so gewöhnte Kind zu verlassen und blieb zurück, mich mit der Hoffnung tröstend, im Frühjahre mit Ludwig hinzureisen, um dort einige frohe Wochen im Anblicke des Mniterglückes meiner geliebten Schwester zu verleben. Dieses Glück sollte mir jedoch nicht beschieden sein. Kaum, daß Ludwig genesen, wurde ich an das Krankenbett Deiner Mittler gerufen. Ich traf sie in -hoffnungslosem Zustande, fast sterbend an. Nur die wenigen Worte konnte sie, fast nnhörbar. Vorbringen, daß sie hoffe, ich werde mich ihres verwaisten Kindes annehmen. Dann schloß sie die treuen Augen zum ewigen Schlummer, mich trost- und fassungslos zurücklassend. Ich blieb bis über die Beerdigung und der vorgeschriebenen sieben Tranertage im Hanie Deines Vaters. Dann ordnete ich die während der Krankheit der Hausfrau ganz außer Rand und Band geratene Häuslichkeit, nahm Dich mit Deiner Amme mit mir und heim ging es wieder zu meinem kaum genesenen Ludwig, der mich schon ungeduldig erwartet hatte. Später stellte es sich heraus, daß Deine Eltern gänzlich verarmt waren. Die von mir angebotene Hilfe wies Dein Vater von sich, da er, einsam wie er lebte, auf seine Selbständigkeit verzichtete und eine Stelle bei einem früheren Geschäftsfreunde angenommen hatte, die er auch bis zu seinem bald darauf erfolgten Tode inne hatte. Jetzt war das Schicksal zweier Kinder an mich gewiesen. Mein Vermögen reichte wohl für beide bei bescheidenen Ansprüchen aus, aber mein Rechtsgefühl sträubt sich gegen eine Teilung. Dir bin ich physisch, Ludwig moralisch verpflichtet. Ich habe gegen Nathan Goldenkrons Sohn sehr viel gut zu machen. Wiewohl unbewußt, war ich es doch, die ihn in den Tod getrieben. Von mir schnöde abgewiesen und verlassen, hatte er wirklich feine Hand nach einer reichen Erbin ansgestreckt — feine Verhältnisse zwangen ihn hierzu, was ich, das unverständige Mädchen, damals nicht eingesehen hatte, sonst wäre es wohl anders gekommen. .Fortsetzung folgt.)