Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oestcrr-miliar. Kantorkn-Zkitung. |DuMil(itioiieu des ölterr-mig. Huntorat-'lemnes. In der Samstag, den 14. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten Oberkantor I. Singer stattgehabten Vorstandssitzung, -zu welcher auch Professor Joses S u l z e r zugezogen wurde, wurde das Programm der anläßlich des Vereinsjubiläums geplanten Synagogenfeier endgültig festgesetzt. Da jedoch die letzten Proben nicht gut besucht waren, werden jene Herren Wiener Kollegen, welche ihre Mitwirkung zngefagt haben, dringendst gebeten, bei den nächsten, jeden Dienstag und Donnerstag 7 Uhr abends im Vereiuslokale stattfindenden Proben vollzählig zu erscheinen, da sonst die Synagogenfeier in Frage gestellt würde. Jene Herren Kollegen von auswärts, welche anläßlich des Vereinsjubilänms nach Wien zu kommen gedenken, werden höflichst ersucht, dies möglichst bald dem Veremspräsidinm mitzuteilen. Referate über Standessragen, die bei der Kantoren- Versammluug erstattet werden sollen, sind ebendaselbst vorher anznmelden. Fenilleto». ZZer söhnte A ein de. Bon Babette Fried. (Fortsetzung. Taute Hanna setzte tiefansatmend ab und sah wie gedankenverloren vor sich hin. Dann fuhr sie, sich der Gegenwart erinnernd, fort: „So waren einige Jahre verflossen. Alle Zeit über hatte ich einen regen Briefwechsel mit meinem heimlich Verlobten geführt, welcher sich inzwischen selbständig etabliert hatte und dessen Briefe voller Hoffnung auf eine glückliche Zukunft gewesen. Für Deine Mutter, meine teuere Judith, hatten sich wohl mehrere Bewerber gefunden, aber keiner von ihnen sagte ihr, oder auch nur unseren Eltern zu; alle diese schienen es mehr auf ihre allerdings nicht unbedeutende Mitgift abgesehen zu haben, und Judith hatte den festen Entschluß gefaßt, lieber unvermählt zu bleiben, bevor sie sich einem Mitgiftsjäger oder auch nur einem Manne zu eigen gäbe, den sie nicht von ganzem Herzen lieb hätte und von dessen uneigennütziger Zuneigung sie nicht vollständig überzeugt wäre. Das waren schlechte Aussichten zur Realisierung meiner eigenen Herzenswünsche. — Währenddessen wurden die Briefe meines Verlobten immer dringender und dringender. Er könne nicht länger die Sehnsucht nach mir bewältigen, er sei des ewigen Aufschiebens müde; wenn ich keinen anderen Grund anzugeben wisse, als die Rücksicht auf meine noch unvermählte Schwester, so werde er selber kommen, um mit meinen Eltern zu sprechen, welche gewiß so vernünftig sein werden, das Lebensglück der einen Tochter nicht dem Eigensinn oder der Laune der anderen opfern zu wollen. Alle meine Beschwichtigungen und Abmahnungen blieben fruchtlos. Er unternahm einen entschiedenen Schritt. Unvermutet langte er hier an, stieg in einem vornehmen Hotel ab und war entschlossen. Persönlich seine Werbung bei meinen Eltern vorzubringen. Vorher aber hatte er mich zu einer Zusammenkunft in den Park bestellt. Zitternd vor freudiger Aufregung,' eilte ich zur bestimmten Stunde dem mir wohlbekannten Platze zu. Du kennst doch, liebe Dora, das lauschige Winkelchen des Parkes, wohin ich Dich an schönen Abenden zu führen pflege, und wo ich so gerne sitze, ernsten Gedanken und trüben Erinnerungen nachhängend. Dort hatte ich den teuren Freund meiner harrend getroffen, dort habe ich ihn an diesem Tage zum letzten Male lebend gesehen." Die Tante mußte in ihrer Erzählung inne halten; zu schwer lastete die Wucht furchtbarer Erinnerungen auf ihrem zarten Gemüte. Als sie sich etwas erholt hatte, fuhr sie fort: „Goldenkron fetzte mir nach einer stürmischen Begrüßung mit beredter Zunge auseinander, daß es für ihn unumgänglich notwendig sei, bald zu heiraten, nachdem seine Existenz davon abhängig sei, binnen kurzem in den Besitz einer größeren Summe zu gelangen. Diesen-Betrag, den er unumgänglich nötig habe, könne er nur dadurch erlangen, wenn er bald heirate, und meine Mitgift, oder doch einen größeren Teil derselben, in die Hand bekäme. Da begann die große Schuld meines Lebens, welche ich nur mit meinem Tode werde sühnen können. Anstatt dem geliebten Manne srendig Herz und Hand und mit diesem auch vertrauensvoll die Mittel zur Befestigung seiner schwankenden Existenz zu bieten, so fiel das Wort „Mitgift" wie ein Funken in ein Pulverfaß in meine von Vorurteilen vollgepfropfte Seele. Die Mädchen ans bemittelten Häusern leben ohnehin in steter Besorgnis, einem Mitgistjüger zum Opfer zu fallen, und sind meist in der Furcht, nicht inn sich selber, sondern um ihres Geldes willen geliebt zu werden. Dieser Mann, so sagte ich mir in dieser unglückseligen Stunde, dieser Mann, der mich jahrelang glauben ließ, mich nur um meiner persönlichen Vorzüge zu lieben, dieser erklärte mir ganz unverhohlen ins Gesicht, daß eres auf meine Mitgift abgesehen hatte. Ich hatte in meinem Elteruhause keinerlei materielle Sorge kennen gelernt und hatte keinen Begriff davon, welche Rolle das Geld in dem Leben eines Kaufmannes spielt; dieser Umstand möge zur Rechtfertigung meiner sonst unbegreiflichen und zu verdammenden Handlungsweise dienen. Vor allem riet ich meinem ungestümen Bewerber entschieden davon ab, seinen geplanten Besuch bei meinen Eltern zu machen und versprach ihm, brieflich meine Entscheidung bekannt zu geben, Nie im Leben vergesse ich den traurigen, entsagungsvollen Blick, womit er mich beim Abschiede angesehen — die ganze furchtbare Zukunft schien darin gelegen zu haben. Ich hielt Wort. Tags darauf ging durch die Post ein Packet an Goldenkron ab, welches alle feine Briefe an mich, nebst dem Verlobltngsringe enthielt, außerdem ein Schreiben, worin ich ihm sein mir gegebenes Wort zurückgab mit der Motivierung, daß ich mich in meinen Gefühlen für ihn getäuscht habe, daß ich weder den Mut, noch die Kraft in mir suhle, die Fährnisse, welche der Kaufmannsstand mit sich führe, über mich ergehen zu lassen-, daß ich nicht fähig sei, ihm in Zeiten der Not, eine treue, opfermutige Lebensgefährtin zu fein. ,Ict> zweifle nicht daran/ so schrieb ich mit einer mir jetzt noch unbegreiflichen Bitterkeit weiter, ,daß es einem so gewandten Kaufmann bald gelingen werde, ein anderes reiches Mädchen zu gewinnen, deren Mitgift die Grundlage zu seinem ferneren Glücke bilden möge." Postwendend erhielt ich auch meinen Ring nebst Briefen zurück, jedoch ohne eine begleitende Zeile. Nnn war es ans zwischen uns beiden und ich hatte die erste und einzige Liebe meines Lebens eingesargt. Kurz darnach hatte Deine Mutter Deinen Vater geheiratet und in glücklicher, wenn auch anfangs kinderloser Ehe mit ihm gelebt. Unsere Eltern starben kurz nach» einander, ohne daß ich ihren letzten Wttnsch erfüllt hätte, mich zu verheiraten, trotzdem es mir wahrlich an Bewerbern nicht gefehlt hatte. Mit welchem Rechte hätte ich denn Goldenkron verdammtt wenn ich selber geheiratet hätte, um versorgt zu sein, ohne Liebe zu empfinden? Die nach dem Tode meiner Eltern an mich ergangene Einladung, mein Heim bei Deinen Eltern aufzuschlagen, lehnte ich dankend ab; ich blieb allein.in diesem verödeten Hanse, mich allmählich auf das mir bevorstehende Schicksal, als alte Jungfrau allein durch das Leben zu gehen, vorbereiten. Durch Zufall hatte ich erfahren, daß Goldenkron geheiratet hatte, wen und unter welchen Verhältnissen, das wußte ich freilich uicht, hatte nicht einmal besonderes Verlangen, i es zu erfahren." (Fortsetzung folgr.)