Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6. Nr. 1L. Die Wahrden Gemeinden, welche Begünstigung ihm durch seine wertraute Beziehung zum Obersthofmelster des Kaisers Leopold I., dem Grafen Balthyany, zuteil wurde. Die Muttergemeinde war Rechnitz; er ließ daselbst im Jahre 1718 eine Synagoge bauen, an der noch jetzt eine Denktafel besteht, die da meldet, daß der Bau ganz auf Kosten Wertheimers ausgeführt werde. Den Syuagogenban in Eiseustaot unterstützte er nicht unbedeutend- Er gründete eine fromme Stiftung für Jerusalem, wo jein Name in der Totengedächtnisfeier für ewige Zeiten, genannt ( wird, und hiuterließ für-feine-armen Verwandten, die bis ins zehnte Geschlecht unterstützt werden follen, ein großes Vermögen. (Inschriften, S. 18.) Um Eisenstadt hatte sich Wertheimer besonders hohe Verdienste erworben, da er diese Gemeinde nicht nur neu begründet und kräftigst unterstützt, sondern ihr auch eine hervorragende, äußerst würdige, rabbinische Autorität zum Seelsorger empfohlen hatte. R. Meir Eisenstadt, gewöhnlich „Meharam Asch" genannt, scheint ein Pole von Geburt gewesen zu sein. Sein erster Rabbinatsposteu war Schidlow in Polen. R. Samson Wertheimer, der den Titel Oberhoffaktor tind Landesrabbiner führte, dürfte ihn, wie Prof. D. Kaufmann sehr richtig bemerkt, auf feinen Reisen in Polen kennen uub schätzen gelernt haben. A) „Von dort berief er ihn nach Worms, der eigenen Vaterstadt, an die er ihn gern durch Aufrichtung eines hauptsächlich für ihn und seine Schule geschaffenen Lehrhauses dauernd gefesselt hätte. Allein die Kriegswirreu um die Wende des Jahrhunderts vereitelten den freudig gehegten Plan; es war für R. Meir nicht .länger seines Bleibens in Worms. Aber Wertheimer hatte die Sorge für den Freund und Schützling nicht ans dem Auge verloren. Dank Wertheimers beherrschendem Einflüsse in den Gemeinden Mährens, wählte Proßnitz R. Meir zu seinem Rabbiner, welchem durch Fürsprache dieses mächtigen Protektors daselbst eine behagliche und sorgenfreie Stellung bereitet wurde. (Vgl. Vorwort zu den Responsen des R. Meir Asch.) Er blieb fortan der Freund und Beirat des Wiener Rabbiners und Hoffaktors, der in seiner Frömmigkeit und Demut in keiner Sache allein Richter sein mochte. Als er im Jahre 1-708 die im Räkäczischen Aufstande durch die Raubzüge der Knrutzen zersprengte Gemeinde Eisenstadt, deren reichere Bewohner in Wien und Wiener-Neustadt als Flüchtlinge sich angesiedelt hatten, wiederherstelleu wollte, zog er er zu den in seinem Hauses gepstogenen Beratungen und Verhandlungen auch R. Meir heran, dessen Weisheit und rabbinische Autorität es im Vereine mit Wertheimer auch gelang, die Widerstrebenden zur Rückkehr in ihre Heimat oder zur Uebernahme dauernder Beitragspflicht gegen die verarmte Gemeinde zu bewegen. Die Wohlhabenden, die sich zur Heimkehr entschließen mochten, hatten sich bis zu einem gewissen Termine bei R. Meir zu melden; nach demselben verfielen ihre Liegenschaften in Eiseustadt an die Gemeinde, der sie sich noch obendrein zu einer lebenslänglichen Beisteuer verpflichten mußten. Aber erst Ende 1717, nämlich am Rüsttage des Monates Tebet sollte der Neubegründer der Gemeinde, nachdem er ein Jahrzehnt in Proßnitz und nochmals in Schidlow Rabbiner gewesen, das rabbinische Lehramt in ihr übernehmen. Bis auf' eine kurze, durch Furcht vor Angeberei veranlaßte Unterbrechung* * 3) Asulai in seinem „Schem hagedaulim", S. 5V, nennt ihn R. Meir Aichkenasi. Enkel einer Schwester des R. Sabbatai Kohen, Verfasser des Kommentars zum „Schnlchau Aruch". Den Namen Aschkenasi erhielten zumeist jene, die ans Deutschland stamniten. a) Nach Aufzeichnungen im Archive der jüdischen Gemeinde zu Eisenstadt vom Jahre 1708, die uiir Herr Felix Blau mitgeteilt hat, hätte Wertheimer, der an Gicht erkrankt war. unter Vorsitz R. Meirs, der damals Rabbiner von Proßnitz war, am 14. Tamus 1706 die Konferenz inbetreff der Nenbegründnng dieser Gemeinde zu sich nach Wien berufen. Die Verhandlungen der Parteien, der Armen und Wohlhabenden, sind im Gemeindebuche, f. 26, noch erhalten. Die Anmeldungen zum Beitritt sollten vor dem 15. Ab d. I. in Baden, auf dem halben Wege zwischen Wien uird Eisensradt, erfolgen. 3) Nach Eisenstädter Ueberlieferungen soll er eines Freitags Morgens, anfangs 1722 P'sn 22V), plötzlich verschwunden sein, um erst 1725 zurückzukehren. Am darauffolgenden Sabbath foll er denn auch von fürstlichen Grenadieren, die zu seiner Verhaftung erschienen waren, ln seiner Wohnung gesucht worden sein. Die Veranlaffung' dieser geheimnisvollen Flucht, Pflegte R. Möses Perls, Rabbiner von Eisenstadt, wie mir sein Schüler, blieb er bis zit seinem am 7. Juni 1744 erfolgten Tode und über sein Grab hinaus das unbegrenzt verehrte Oberhaupt der Gemeinde Eisenstadt, dessen Namen er in feine eigene Unsterblichkeit ausgenommen hat. Wertheimer bediente sich feiner, als er offiziell die Geschäfte des ungarischen Landesrabbinates zu verwalten hatte, als eines obersten Forums in der Entscheidung rabbinischer Fragen rc. (Kaufmann, Samson Wertheimer, S. 67.) Daß Rabbi Meir Asch zu den hervorragendsten rabbinischen Autoritäten feiner Zeit gezählt wurde, beweist der Umstand, daß nicht nur aus vielen ungarischen Gemeinden, sondern auch aus weit entfernten Gegenden, wie aus Frankfurt, Trier, Belgrad, an ihn Anfragen, „Schaalos", gerichtet wirrden. Seine Teschubot, Entscheidungen, wurden selbst von bedeutenden Rabbinern beherzigt und gewürdigt. Während der Zeit, als er das .Rabbineramt in Eiseustadt iitiie Hattte, grassierte dort eine böse Krankheit, die Spielsncht, so sehr, daß er sich gezwungen sah, dieselbe durch den .Bann „Cherem" zu beschränken. Als Schreiber dieser Zeilen im Jahre 1852, als Ibjähriger Bachur, die Eisenstädter Rabbinatsschule besuchte, wurde ihm erzählt, daß der Cherem des „Meharam Asch" hundert Jahre lang Giltigkeit hatte. R. Meir hatte den Eisenstädtern bloß am Chanuka, Purim, Chol hamoed und bei Familienfestlichkeiten das Kartenspiel erlaubt. Trotz seiner rigorosen Frömmigkeit war er denn doch freisinnig und bestrebt, die Bahn der Diskussion frei zu lassen, was ans vielen Entscheidungen seiner Responsen zur Genüge entnommen werden kann. Einst wurde er befragt, warum es in der ersten der achtzehn Benediktionen heißt: ..Der Gott Abrahams, der Gott Jizchaks und der Gott Jakobs," da es doch wohl einfacher heißen könnte: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs? R. Meir beantwortete diese Frage in folgender Weise : König David ermahnte seinen weisen Sohn Salomo (I. Chro. 28, 9): „Du mein Sohn erkenne den Gott deiner Väter da es elohe owiclio. und diene ihm weowdeliu." Diese Stelle will uns sagen, daß wir an Gott nicht bloß aus überkommener Ueberlieferung von den Eltern, ohne eigene Selbstforschung glauben sollen, denn dies ist Sitte der Heiden, sondern die Tradition muß durch das eigene Erforschen, wie durch das Selbstdenken bewahrheitet werden. Daher gebrauchte der gottbegeisterte Sänger beide Ausdrücke: Erkenntnis und Ueberlieferung. Abraham war in seiner Zeit der Erste, der den wahren Gott aus eigener Anschauung und Erforschung erkannt und hierüber auch andere zu belehren sich bemüht hatte. Wenn es also geheißen hätte, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, so wäre man versucht gewesen, anzunehmen, Gott fei deshalb der Gott Isaaks und Jakobs gewesen, weil er der Gott Abrahams war, das heißt mit anderen Worten: Isaak und Jakob haben diesen Glauben bloß als ein väterliches Erbe übernommen; daher wird der Name „Gott" bei jedem Einzelnen wiederholt, um dadurch gleichsam andeuten zu können, daß Gott von Isaak und Jakob auf dieselbe Weise — nämlich aus eigener Anschauung — wie von Abraham erkannt wurde. Diese Lehre, sagt R. Meir Eisenstadt, ist die wahre Stütze unseres Glaubens (vgl. Panim meirat, I. Teil, § 89). Ob die Nenorthvdoxie ebenfalls solchen Ansichten huldigt, ist sehr fraglich. Herr Rabbinatspräses S-. L. Brill und Budapest, mitteilte, folgeudermaßen zu erzählen: In der benachbarten Ortschaft Zinkendorf war die Kirche beraubt worden. Die von diesem Diebstahl herrührenden.Gegenstände hatten fünf Personen gekauft, die über diesen Handel in L-treit gerieten. Spät in der Nacht uneinig heimkehrend, bemerkten sie in der Wohnung des noch im Studium vertieften Rabbiners Licht. Bereit zu schlichten und auszugleichen. wie er war, entschieb er, trotz der ungewohnten Stunde, in tief st er Ahnungslosigkeit über die Herkunft des Streitobjektes, die ihm vorgetrageue Rechtssache. Des Morgens, als die Nachricht von deni Raube sich verbreitet hatte, erklärte der Nachtwächter, er habe fünf Männer zu verdächtiger, nachtschlafender Zeit aus der Wohnung des Rabbiners treten sehen. Sofort, noch rechtzeitig vom Vorsteher der Gemeinde gewarnt, der den unbescholtenen Rabbiner den Roheiten und Gefahren einer Untersuchung, wie sie damals üblich war, entziehen wollte, floh R. Meir und soll bis zur Austragung dieses Handels angeblich in Proßnitz sich aufgehalten haben. Sein Sohn R. Jsak blieb in Eisenstadt unbehelligt, wie denn auch weder die Familie, noch die Gemeinde, wegen des flüchtigen Rabbiners etwas zu leiden hatte u. s. w. Das Andenken an jene traurigen Vorgänge erhält in Eisenstadt noch .ein Gebet, das jeden Montag und Donnerstag gesprochen wird.