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Die Wahrheit · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 10. Die Wahryeu Seite 9 aufstehen, unter den Lebenden wandeln und sehen würde, wie in unserer aufgeklärten Zeit die jüdischen Affimilcmten, die ihre Herkunft und Abstanunnng verleugnen und alles sorgfältig vermeiden, was an den Glauben ihrer Väter erinnern könnte, von den Ariern noch mehr gehaßt und verachtet werden, als die wahrhaft frommen Bekenner des Judentums, wahrlich er würde sich in die Brust schlagen und sagen: Awol aschemim anacknu. Wir haben uns an unseren Brüdern schwer versündigt, da wir uns von Zorn, hinreißen ließen zu solchen Gemeinplätzen, zu leeren, abgedroschenen, tausendmal wiederkauten Phrasen unsere Zuflucht zu nehmen, um das Judentum verdunkeln, in Schatten setzen und mißkreditieren zu können. Auch in der modernen Zeit würde zweifellos so mancher freisinnige Forscher zurückhaltender sein und es nicht wagen, das traditionelle Judentum, in dem er geboren und erzogen wurde, in ungerechter Weise zu tadeln, wenn er nicht von der von der Kultur beleckten „Neuo r th o d oxi e" als Ketzer behandelt, von allen Stellen und Remtern trotz seiner, oder richtiger, wegen seiner hohen Begabung ausgeschlossen und überall als der „Acher" verschrieen werden möchte. Da waren die Chachme ha Talmud toleranter und milder, sie ließen die Bahn der Diskussion frei: kalolu oserin wekalolu matirin, ohne daß der Freisinnige verketzert und der Strengkonservative verurteilt worden wäre. Ohew Scholaum. Gesellschaft „Knei Jehnda." Unter diesem Titel ist vor kurzer Zeit eine Gesellschaft in Jerusalem gegründet worden, die sich die Hebung der gewerblichen und industriellen Lage Palästinas zum Ziele setzte. Daß hiedurch eine Verbesserung der allgemeinen Lage eiutrete, braucht nicht näher erklärt werden; denn es würde nicht allein der Auswanderungsbewegung Einhalt getan werden, sondern auch viele Einwanderer erhielten Beschäftigung. Einstweilen hat die Gesellschaft noch keine großen Erfolge anfznweisen. Alles was sie bis jetzt geschaffen hat, ist eine kleine Webfabrik, die eine bescheidene Anzahl von Leuten bereits' beschäftigt, und im Weiteren wird die Errichtung einer großen Wollspinnerei geplant. Diese Zeilen bezwecken aber nicht, hierüber zu berichten, sondern wir wollen die geehrten Leser dieses Blattes auf eine Abteilung der Gesellschaft besonders aufmerksam machen. Jerusalem samt den übrigen Städten des heiligen Landes ist imstande, die Glaubensgenossen im Auslände mit heiligen Kultus-Gegenständen zu versorgen, und wenn insbesondere die Gemeindevorsteher und Synagogenpräsidenten die im heiligen Lande verfertigten Gegenstände den im Auslände produzierten vorziehen, kann mit Zuversicht gehofft werden, daß Tausende von Menschen wie Ritualschreiber (ütd nsno), Gerber, Weber, Buchdrucker, Schriftsetzer, Buchbinder, Drechsler u. s. w. mit gut lohnender Beschäftigung versorgt werden. Die Gesellschaft fand es daher für zweckmäßig, eine Abteilung „Kode f ch Mikodesch" (Heiliges vom Heiligen) zu eröffnen, deren Aufgabe ist, alle hl. Gegenstände, wie Sifre Tora, Tesillin, Mesusoth, Gebetbücher, Megiloth, Bibel. Hagadah mit deutscher und anderen Uebersetznngen, Atzei Chatm, . Leuchter und andere Gegenstände ans Olivenholz re. zu liefern. Welch ein erhebendes Gefühl dnrchdringt den Inden, der in der Synagoge steht, das Gesicht nach Osten gewendet gegen das Land der Verheißung, Tesillin, im heiligen Lande verfertigt und geschrieben, krönen sein Haupt und ein Siddur aus Jerusalem ruht in seinen Händen, er wird zur Thora gerufen, die in Jerusalem geschrieben worden ist, ergreift sie an den Handgriffen aus Olivenholz, die seine Brüder aus dem heiligen Lande mit großer Mühe und Arbeit verfertigt haben. Und wie wird dieses Gefühl noch gehoben durch das Bewußtsein, daß man mit dem Gebrauch dieser Gegenstände für die Förderung des heiligen Landes und für sein Aufblühen tätig ist. Bisher fehlte es an einer Zentralstelle, die den Wünschen der Einzelnen mit Leichtigkeit Nachkommen konnte, durch die Abteilung Kodefch Mikodesch ist nun dieser Mangel beseitigt worden sind jede Nachfrage nach heiligen Gegenständen kann leicht befriedigt werden. Wir hoffen daher, daß unsere europäischen Glaubensgenossen diese Gelegenheit gerne ergreifen, werden, uin mit, der Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse gleichzeitig auch zum Aufblühen des Handels und der Industrie in Palästina beizutragen. Einstweilen muß man sich mit Bestellungen direkt an die Gesellschaft in Jerusalem wenden, es ist aber zu hoffen, daß, falls unsere Glaubensgenossen die Werke der Gesellschaft würdigen. Lagerplätze in allen größeren Orten Europas eröffnet werden. Die - Kodefch Mikodesch - Abteilung behält einen kleinen Profit für ihre Mühe, aber auch dieser Profit wird zur Erreichung des Zieles der Gesellschaft Bnei Jehnda, nämlich um Handel und Industrie i m heiligen Lande zum Aufblühen zu bringeu, verwendet. Ein ausführlicher Katalog von allen in Palästina verfertigten heiligen Gegenständen, wie auch von sonstigen Artikeln, wird gratis und franko versandt. Adresse: „Gesellschaft Bnei Jehnda. Jerusalem, Palästina." Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag, den 6. März 1908. Predigt im Stadt-Tempel. Wien. (Oesterr.-nngar. Kantoren-Berein.) Die nächste Gesangsprobe für die Jnbltäumsfeier findet Dienstag, den 10. d. M. ij2l Uhr abends, int Vereinslokale I., Seltenstettengasse 4, 4. Stock statt, und werden die Herren Wieiter Kollegen gebeten, bei derselben vollzählig zu erscheinen. Die letzte Probe am 3. d. M. war sehr gut besucht. Wien. (G o ld fa d e n se i e r in der To y n b e e-H a l l e.) Sonntag, den 4. März hielt der junge Schriftsteller Herr Adolf Heinrich Landau aus Wiener-Neustadt in der Toynbeehalle einen äußerst interessanten Vortrag über das Leben und Wirken Abraham Goldfadens. Schon beim Erscheinen wurde Herr Landau mit Beifall begrüßt. der sich im Verlaufe des Vortrages immer mehr steigerte. Als der Vortragende ein Gedicht Goldfadens im Jargon vorlas, erscholl allgemeines Beifallklatschen, das am Schlüsse zu einer jubelnden Kundgebung wurde. Herren und Damen, junge Leute tlnd Fräuleins riesen dem jngeildlichen Redner, dessen rhetorisches Talent allgemein bewundert wurde, lautes Bravo zu. Herr Landau wurde vielseitig beglückwünscht und Herr Sekretär F u ch s g e l b dankte im Namen der Toynbeehalle. Zum Schlüsse sang Herr Kantor Grob zwei Strophen des Liedes „Berimumert, Berklugt". Damit war die würdige Feier, die die äußerst zahlreichen Besucher vollauf befriedigt hatte, würdig abgeschlossen worden. — Wir beginnen heute mit dem Abdruck des gediegenen Vortrages. Wien. Der „Jüdische K o l o n i s a t i o n s v e r e i n in Wien" hielt am 27. Februar im Festsaale des Ingenieur- und Architekren-Bereines seinen HL Vortragsabend ab. Derselbe war außerordentlich zahlreich besucht, sodaß zu der für den Beginn festgesetzten Stunde der Saal und die Galerien bereits überfüllt waren. Unter den Anwesenden bemerkten wir viele Herren des Vorstandes der Knltusgemeinde, sowie die Vertreter der bedeutendsten Korporationen und Vereine. Dieses lebhafte Interesse galt dem angekündigten Vortrage des bekannten Narionalökonomen Dr. Artur Ruppin aus Berlin über das Thema: „Die wirtschaftliche Lage der Juden in Palästina". Der Redner schilderte in ausführlicher Rede die ökonomischen Verhältnisse der Juden sowohl in den Städten als auch in den Kolonien, welche zu studieren er im letzten Jahre aus einer Forschungsreise durch Palästina Gelegenheit hatte. Im Gegensatz zu den Kolonien, wo die Inden es schon zu eutem gewissen Wohlstände gebracht haben, sinder er. daß die Armut der Juden in den Städten, speziell in Jerusalem und Sased eine erschreckende ist. der auch die Chaluka, trotz ihrer großen Sammlungen nicht zu begegneit vermag. Redner kommt daher zu dem Schlüsse, daß es dringend notwendig ist, hier durch Jnaugnrierung einer Haus- und Kleinlndustrie helfend eiiizugreisen. Der Vortragende schloß mit einem Appell, diese Aktion, die demnächst begonnen werden soll, nach besten Kräften zu fördern. Der mit stürmischem Beifall ausgenommene Bortrag zeichnete sich durch sachgemäße Schilderung der einschlägigen Verhältnisse, sowie durch besondere Objektivität aus und wird derselbe auch weireren Kreisen zugänglich sein, da ec demnächst als Broschüre des Vereines erscheinen wird. Wieu. (Bet h a - M i d r a s ch - T a l nt n b Thora, H., Malzgasse 16.) Vorträge für junge Leute. Sonntag, den 8. März, 6^2 Uhr abends, spricht Pros. Antscherl über hebräische Gesänge und ihre Dichter, mit besonderer Beziehung ans das Peßachfest. Wien. (Jüdischer Turnverein in F ü n s h a n s.) Am 23. Feber a. c. fand in unserem Turnsaale die diesjährige ordentliche Generalversammlung unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder statt. Nach Abstattung der Rechenichastsberichte wurde dem Tnrnrate das Absolutorium erteilt und dem Schriftführer, Herrn Bonhardy, für sein aufopferndes Wirken der Dank ausgesprochen. Am Schluffe fanden die Neuwahlen statt und wurden gewählt: Obmann: Rudolf Elkan; Obmannstellvertreter: Leopold Baß, Kommerzialrat, Salomoir Beer. Börsenrat; Turnwart: Theodor Stein- Herz, sind, ing.; 1. Schriftführer: Gustav Waldmann, Privatb.; 2. Schriftführer: Friedrich Baß. Ing.; 1. Kassier: Josef Kirschmann. stud. ing.; 2. Kassier: Fcl. Helene Abeles; 1. Materialoerwalter: P. F. Lengsselder, stud. ing.; 2. Materialverwalter: Hans Wassing, stud. med.; Revisor: Isidor Gelbhard; Beiräte: Alfred Bonhardy, Felix Popper, Frl. Emma Bäudler, Anna Kirschmann, Gisela Reichenfeld.

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