Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Die Wahrheit Leite 9. Debrezin. Der Vertrag mit Herrn Oberkantor H. F i s ch e r wurde vom Vorstände für weitere drei Jahre erneuert. Hamburg. (H a m b u r g - A m e r i k a - L i n i e.) Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach N e wyork: Die Postdampfer: Kaiserin Auguste Victoria 29./1., Patricia 1./2., Pretoria 8./2., Graf Waldersee 16./2., Amerika 19./2., President Lincoln 22-/2., President Grant 29./2.( Kaiserin Auguste Victoria 4./3. Nach B o st o n: Die Postdampfer: Bosnia 31./1., Arcadia 8./2. Nach Baltimore: Die Postdampfer: Bosnia 81./1., Arcadia S./2. Nach Philadelphia: Postdampfer Albano 4./2. Nach W e st i n d i e n: Die Postdampfer: Scotia 24./1., Mars 24./1., Odenwald 25./1. Nach Ostasien: Die Postdampfer: Suevia 25./1., Langbank 30./1., Silesia 10./2. A r ab i s ch - P e r s i s ch e r D i e n st: Postdampfer Savoia 9./2. Kiteratnr. Dr. G. Wolfs Geschichte Israels für die israelitische Jugend. Nach dem Tode des Berfasiers neu herausgegeben von Dr. H> P o l l a k, k. k. Professor. 5. Heft. 11. verbesserte Auflage. Wien 1908. (Alfred Hölder.) Die „Geschichte Israels" ist eigentlich die Geschichte der Gedankennnd Gewissensfreiheit. Alle Kämpfe für die Güter der Menschheit finden in ihr ein Spiegelbild. Das Leid der Welt ist auch Israels Leid, ihre Freude auch seine Freude. Wenn „das Herz der Menschheit", wie der tragische Sänger Jehuda Halevi Israel nennt, wenn es in schmerzlichen Zuckungen vibriert, dann seufzt auch seine Umgebung. Leuchtend erstrahlen aber die Blätter der Geschichte Israels, wenn die Sonne allgemeiner Menschenliebe über die Gesellschaft leuchtet. In dieser Tatsache beruht das Tragische, aber zugleich auch das so Trostreiche der Geschichte Israels. Bezeichnend hiefür ist jenes Land, welches so viel Leid über Judas Haupt gehäuft, dem aber unsere Geschichte drei ihrer bedeutendsten Werke verdankt : die pyrenäische Halbinsel. Fast in demselben Augenblick als Josef K o h e n die spanische Schreckensherrschaft in seinem „Tal der Tränen" entrollte und Jbn Berga seinen „Wanderstab Judas" schuf, erschloß Samuel U s q u e einen Quell lindernden Balsams fürs wunde Gemüt Israels in seinen „Tröstungen" (sämtliche drei um das Jahr 1560 geschrieben). Diese harmonische Verbindung der harten Prüfung Israels einerseits mit den erhabenen Gütern seiner Lehre andererseits, um derentwillen jene ihm auserlegt ward, hielten alle Darsteller der „Geschichte Israels", von Josephus F l a v i u s bis auf Heinrich G r ä tz, getreulich iuue. . Und diese Methode ist gerade für die Lehrbücher unserer Geschichte unerläßlich. Unsere Jugend soll durch das Martyrium der Väter für ihre Religion begeistert werden. Zeigen muß man ihr die Schönheiten ihres Glaubens, für welche die Ahnen zu sterben wußten, damit jene, die nach ihnen kommen, für sie leben können, damit diese, um ein Wort Joels anzuwenden, erkennen, daß sie nicht imr frei geworden von etwas, sondern auch für etwas. Das vorliegende Lehrbuch der „Geschichte Israels" ist durch seine stete Rücksichtnahme auf besagte beide Bedingungen, seiner Aufgabe gerecht geworden. In seiner Neubearbeitung durch Professor P o l l a k erscheint namentlich das Bestreben ausgeprägt, die wissenschaftliche n Lichtseiten in der an Schicksalen oft so dunklen „Geschichte Israels" hervorzukehren. Besonders methodisch aufgebaut tritt das Lebensbild M a i m u n i s' (S. 20 f.), wie das M e n d e l s s o h n sche Wirken (S. 53 f.) hervor. Freilich wäre eine namentliche Anführung von Forschern, wie Munk, Jellinek, Joel, gelegentlich der Behandlung des More, des Sohar und des Or adonaj am Platze gewesen. Sympathisch berührt die Darstellung des „Streites um die Philosophie" unter den Adereth (S. 25 f.). als einen dem letzteren a u f g e z w u n g e n e n. Waren doch in der Tat Angriffe auf das Wissen dem Judentum stets fremdartige Begriffe und ein Syllabus etwa gegen die freie Forschung mußte erst von a.^en her ihm aufgedrängt werden, um aber bald wieder als Fremdkörper aus seinem Organismus ausgesondert zu werden. Nicht unangezeigt wäre es darum gewesen, nicht bloß die jüdische Poesie, sondern auch die Welt- und Lebensanschauuug unserer großen Denker durch einige Proben zu illustrieren; wie etwa, um nur einige anzuführen, ein Maimuni wörtlich über das Verhältnis des menschlichen Subjektes zu Gott (More Nebuchim I, 52), oder über die Kosmologie (das. II, 11), oder endlich über die Albernheit der Amulette (das. I, 61) sich äußert. In rein formeller Hinsicht wird der Leser, dem die Wolfschen Lehrbücher liebgeworden sind, die historische „Uebersicht", die ihm noch im unveränderten Abdruck vom Jahre 1905 zur Orientierung diente, in der vorliegenden Auflage nur ungern vermiffen. Das Buch bietet durch seinen leichtfaßlichen Vortrag für Schule und Familie einen zuverlässigen Leitfaden durch die „Geschichte Israels" von dem „Zeitalter der Tanaiten bis auf die Gegenwart" und ist solcherart geeignet, dieselbe dem Herzen unserer Jugend nicht nur als das „Tal der Tränen", sondern auch als die „Pforte der Hoffnung", des Vertrauens auf kommende bessere Tage lieb und wert zu machen. Or. 8. M. Aersöhnte Aeinde. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Wohl gab es in dem glückstrahlenden Breslau gar viele, welche mit stillem Schmerze dem allgemeinen Jubel gegenüberstanden. Es waren diejenigen, welche mit dem Leben oder der Gesundheit ihrer Teueren die Kriegsschuld ablegen mußten, die unglücklichen Mütter, Kinder, doch alle diese waren so taktvoll gewesen, den so vollberechtigten Schmerz in ihren vier Wänden zu verbergen, um keinen Mißton in die allgemeine Freude hineinzutragen, und nur höchst selten gewahrte man eine in Trauer gehüllte Damengestalt flüchtig über die Gasse eilen. Scharenweise strömte alles dem Platze zu, wo die kunstvolle Triumphpforte errichtet war, durch welche die siegreichen Truppen einrücken sollten. Die Stadtvertretung, mit dem Bürgermeister an der Spitze, erwartete die Ankommenden; die Studenten in voller Wichs, die gesamte Schuljugend mit dem Lehrkörper, alle uniformierten nnd nicht uniformierten Vereine bildeten Spalier von der Triumphpforte bis zum weirentlegenen Rathause, vor welchem die katholische und protestantische Geistlichkeit nebst dem Rabbinat der israelitischen Knltusgemeinde Aufstellung genommen hatte, um die Heimgekehrten zu begrüßen und den Gefallenen einige Worte treuen Gedenkens zu widmen. Hinter dem Spalier stand eine nach Tausende zählende Menge dichtgedrängt, Kopf an Kopf. Die Fenster der Straßen, durch die sich der Zug bewegen sollte, waren dichtbesetzt von geputzten Damen nnd lieblichen Kindern. Die aus den Balkonen sitzenden Damen hatten vor sich Körbe mit Blumen stehen, welche sie den einziehenden Siegern zuwersen wollten. Gar manches Herz bebte da in freudiger Erwartung, wenn es desjenigen gedachte, der nach langer, langer Abwesenheit heute wieder zurückkehren sollte in die Arme derjenigen, die um ihn so schmerzlich gebanget und so andächtig gebetet hatten. Alle diese Vorbereitungen galten dem Regimente, in dem auch Dr. Goldenkron diente. — Da mit einem Male ging ein Gemurmel durch die tausendköpfige, erwartungsvoll erregte Menge. Eine Staubwolke wurde sichtbar, man vernahm Pferdegetrappel, und Gewehrsalven kündigten die Ankunft der Erwarteten an. Nach kurzer Zeit zog das Regiment unter klingendem Spiele durch die Triumphpforte ein. Da wurde haltgemacht. Ein liebliches Mädchen im weißen Kleide und einer Schärpe in den Landessarben trat hervor und überreichte dem Führer mit einer kurzen Ansprache namens der Bürgerschaft einen silbernen Lorberkranz. und nach kurzem Aufenthalte zogen sie weiter durch die festlich geschmückten Straßen, unter einem nicht endenwollenden Blumenregen und begeisterten Znrnfen, dem Rathause zu. Während alle Soldaten freudig und stolz umherblickten, die Zurufe und Grüße von Bekannten mit Lächeln entgegennahmen und durch freundliches Kopfnicken erwiderten, war es Einer, welcher es nicht zu wagen schien, den Kopf zu erheben und die Augen aufzuschlagen. Dieser Eine war Dr. Goldenkron. Doch, als er an einem altertümlichen Giebelhause, an der Ecke einer zum Rathause führenden Gasse, vorüberritt, konnte er es sich nicht versagen, aufzublicken, um die beiden Frauen, die dort sicherlich standen, begrüßen zu können. Der Balkon, der die Vorderseite des Hauses schmückte, war wohl, wie alle anderen in dieser Reihe dicht besetzt, jedoch von den beiden Frauen, welche er dort sicher zu sehen erwartete, war nur die eine anwesend, Tante Hanna. Er traute fast nicht seinen Augen, aber wirklich Dora war weder auf dem Balkon zu sehen, noch an einem der von den Damen dicht besetzten Fenstern. Die meisten dieser Damen, welche ihm Blumen auf Blumen zuwarfen, kannte er persönlich als Freundinnen des Hauses. Goldenkron konnte sich diesen Umstand nicht erklären. Jetzt standen sie alle vor dem Rathause. Ludwig hörte wohl die Reden, die hier gehalten wurden, vernahm auch wie im Traume die Antworten darauf, verstand aber keine Silbe von dem allen. Wie 'geistesabwesend starrte er vor sich hin. Wie ganz anders hatte er sich seine Rückkehr vorgestellt. Er kam nach Hause, wohl heil am Körper, aber mit tief verwundetem Herzen. Wie er auch handeln iverde, ganz glücklich konnte er niemals werden, in seinem ganzen Leben nicht! Und dann war es in ihm stiller geworden, und weg vom Rathause ging es weiter, geradenwegs der Kaserne zu, wo der ermüdeten Mannschaft ein gutes Mahl aus Stadtunkosten bereitet war und selbst den Pferden, der Bedeutung des Tages gemäß, eine Aufbesserung gegeben wurde. Die Offiziere zerstreuten sich in der Stadt, um ihre Wohnungen aufzusuchen. (Fortsetzung.)