Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 11. Nr. 2. Weder die reichsdeutscheil Uerhaltnisfe wird uns von fachmännisch bestnnterrichteter Seite Folgendes geschrieben: Die Organisation der Kantoren Deutschlands ist im wesentlichen als vollzogen zu betrachten. Dank der energischen und zielbewußteu Leitung des Allgemeinen Deutschen Kantoren-Ver- \ bau des ist man jetzt auch in Lehrerkreisen zu der Ueberzeugnng gelangt, daß das Kantorat nicht mehr ausgeschaltet werden dürfe, wenn es sich darum handelt, über die wichtigsten Angelegenheiten des deutschen Judentums die Diskussion zu eröffnen. Aus dieser Erkenntnis heraus und im Gefühl, einen wirklichen Kulturakt zu vollziehen, ist daher in der Weihnachtssitzung der Delegierten des Verbandes jüdischer Lehrer im Deutschen Reiche zu Hannover der in der Geschichte des deutschen Kantorates denkwürdige Beschluß gefaßt worden, innerhalb des Lehrer-Verbandes für kantorale Interessen eine Kommission zu bilden, welche ans dem breiten Boden der ihr zur Verfügung stehenden Propaganda ein äußerst wertvolles Bindeglied der beiden Verbände sein lvird. Mit einer Machtentfaltung und Stärke von vorläufig 1200 Mann werden Kantorenverband und Lehrerverband zwar getrennt marschieren, für die Folge aber in allen. gemeinsamen Fragen vereint schlagen. Der Allgemeine Deutsche Kantorenverband ist für diese Errungenschaft außerordentlich dankbar und wird es seinerseits an nichts fehlen lassen, um dem deutschen Kantorenstande eine Stellung zu erringen, die man ihm aus totaler Verkennung seiner hohen Bedeutung bis heute meist noch versagt hat. Und wenn es augenblicklich schon eine ganze Reihe von großen und mittleren Gemeinden gibt, welche die kantorale Propaganda in Deutschland materiell unterstützen, so ist zu erhoffen, daß die Zeit nicht mehr allzitfern ist, wo auch die Rosen des deutschen Kantorenstandes blühen. Feuilleton. Kersöhnle Iseinde. Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) „Nach der Art seiner Verwundung zu schließen, haben wir keinen Grund, daran zu zweifeln, und Sie brauchen sich seinetwegen gar keiner Besorgnis hinzugeben, denn die beste und aufopferndste Pstege ist ihm sicher. Wir machen bei einem Kranken oder Verwundeten keinen Unterschied zwischen Freund und Feind, Jude und Christ. Da wird jeder nur als Mensch, als Soldat betrachtet und behandelt. Was für ihn geschehen kann, das geschieht auch tatsächlich, dessen seien Sie versichert. Natürlich bleibt er- bis zum Friedensschluß und Auswechslung der Gefangenen als Gefangener zurück, als welcher er aber eine anständige Behandlung genießt und später zu seiner Familie zurückkehren darf." Der Doktor machte eine Pause, während welcher er augenscheinlich nach Worten rang, um das Folgende anszusprechen: „Wissen Sie, Fräulein Anna! Als ich in dieses Haus kam, erkannte ich beim Anblicke Ihrer Freundin nicht sofort, daß ich das Original jenes Miniatnrgemäldes vor mir habe, es wäre mir sonst Ehrensache gewesen, ihr sofort das Eigentum ihres Bruders einznhändigen und über dessen Schicksal zu berichten. Sie hat sich sehr verändert, Ihre Freundin. Die Sorge um den entfernten Bruder, vielleicht um noch jemand andern, hat fast jede Ähnlichkeit verwischt. Erst gestern ist es mir zur Gewißheit geworden, daß sie es ist, deren Bildnis die Hand des verwundeten Soldaten so fest umschloß, als wollte er es auch im Tode nicht lassen. Darum eben zog ich in meinem einsamen Zimmer das Bild hervor, um einen Vergleich anzustellen. — Das andere wissen Sie von Ihrer Freundin." „Ja, das Weitere weiß ich. Herr Doktor, und noch mehr weiß ich, als mir für meine unglückliche Freundin lieb ist. Ich danke. Ihnen herzlichst für Ihre Mitteilungen, mein Herr, und Dafür, daß Sie mir Ihre kostbare Morgenstunde geopfert haben — und nun gestatten Sie mir noch eine Frage, welche Sie der neugierigen Evastochter zugute halten mögen," sagte Anna, das geleerte Kaffeebrett behufs Abräumens in die Hand nehmend. „Wen stellt dieses Bild da, welches auf Ihrem Tische steht, vor, auf das mich Rosa aufmerksam gemacht hatte? Oder ist diese Frage indiskret, — in diesem Falle verzeihen Sie mir dieselbe." „Nicht doch, liebes Fräulein, dies ist meine Base Deborah." Anna betrachtete lange und aufmerksam die Photographie Doras, während der Doktor unruhig au den Spitzen seines Schnurrbartes zupfte und aus seinem Sitze hin- und herrückte. „Eigentümlich, daß gar keine Familienähnlichkeit zwischen Ihnen und Ihrer Base besteht." bemerkte Anna, indem sie das Bild wieder auf seinen Platz stellte. „Sie mögen Recht haben. Fräulein, dies ist schon vielfach bemerkt worden, aber sie ist wirklich meine Base, die gute Dora, Sie können es mir glauben, auch ohne Schwur!" Die kluge Anna hatte also von dem erzürnten Doktor doch alles erfahren, was sie und Rosa nur wünschen konnten, und ihrer eindringlichen Beredsamkeit gelang es. sowohl die fast verzweifelnde Freundin einigermaßen zu beruhigen, als auch den bisher in starrem Schmerze versunkenen Vater einiger Trostesworte zugänglich zu machen, indem sie ihm die Möglichkeit der Wiederkehr des so tief betrauerten Sohnes vor bie Seele zauberte. Sechstes Kapitel. Der 3. August 1866 hatte den von Feind und Freund gleich heiß ersehnten Frieden gebracht. „Frieden!" Welch eine Fülle von Wohllaut liegt in diesem Worte! Die Dichter und Denker aller Zeiten haben den Frieden in allen Tonarten, in Prosa und in Versen gepriesen und besungen, von dem alttestamentarischen Priestersegen angefangen, der in den erhebenden Wunsch ansklinget: Und verleihe Dir Frieden! — bis hinab zu dem Schillerschen Ausrufe: Holder Frieden, süße Eintracht! Was dann erst, wenn der wirkliche, leibhaftige Krieg gewütet hat mit all seinen Schrecken, als welcher der grausigste der ist, daß die Blüte der menschlichen Jugend das Vaterhaus und die greisen Eltern verlassen muß, um hinauszuziehen zum eisernen Würfelspiel, die unbewehrte Brust dem rötlichen Geschosse preiszugeben? Das gänzliche Stagnieren von Handel und Wandel, zerstörte Saatfelder, niedergebrannte Ortschaften, das Heer furchtbarer Krankheiten, welche die Kriegsfurie im Gefolge hat, lassen dann die Friedensbotschaft zu einem einzigen Jnbelschrei werden, welcher Stadt und Land bis in den entlegensten Erdenwinkel durchhallet und die Herzen von Millionen Menschen in einem, einem Daukgebete vereinet! Diese Wirkung hatte auch der Prager Frieden vom 3. August hervorgebracht. Während das ans tausend Wunden blutende Oesterreich in dem Friedensschlüsse das Ende so vieler Qualen und Demütigungen erblickte und sich freute, in ruhiger, friedlicher Arbeit alsbald 'die Schäden auszubessern, welche dieser kurze, aber desto unglücklichere Krieg ihm geschlagen, durchbrauste das siegreiche Preußen wohlbegründete Siegesfreude. Ueberall wurden Vorbereitungen gemacht, die heimkehrenden Sieger aufs festlichste zu empfangen. Dr. Goldenkrons Vaterstadt hatte ebenfalls Festgewand angelegt, als das heimische Regiment vom Kriegsschauplatz heimkehrend, hier einrücken sollte. Dle treue Schlesierstadt halte nicht nur alle Häuser, Türme bis in die entlegenste Vorstadt.beflaggt, auch Gewinde von Reisig, mit Blumen untermischt, schlangen sich von Fenster zu Fenster, von Balkon zn Balkon. Umgeben von Blattpflanzen und Blumenschmuck waren in den Fenstern die Bilder und Statuetten des Königs und der Königin, des Kronprinzen und aller Mitglieder des königlichen Hauses, sowie der vornehmsten Heerführer ansgestellt, inzwischen Bibelverse angebracht, welche ans die Bedeutung des Tages hinwiesen. Eine festlich geputzte Menge in gehobener Stimmung durchwogte alle Gassen und Plätze der Stadt. Aus dem Rathause wurden große Vorbereitungen getroffen, weil daselbst am Abend dem Offizierskorps von der Stadl ein Bankett gegeben werden sollte. (Fortsetzung folgt.)