Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 50 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oesttrr-unaar. Lantorcn-Zeitung. Gin Knf nach Organisation. Ueber Kantorenelend wird schon seit Jahren sehr viel geschrieben und gesprochen, aber' eilte wesentliche Besserung ist im allgemeinen bis heute nicht eingetretcn. Unter den gutgemeinten Vorschlägen Hort man oft den Ruf nach Organisation, aber auch da sagen wieder einige: Elend bleibt Elend. Trotzdem dürfen wir die wohltuende Wirkung, die eine organisierte Körperschaft für unseren Stand anszuüben vermöchte, nicht unterschätzen; aber dabei drängt sich uns die bange Frage ans, ob eine derartige Organisation unter unseren Kollegen so leicht möglich ist und ob sie nach den bisherigen Erfahrungen und den wiederholten, vergeblichen Versuchen des Kantorenvereines, die Kollegenschaft zum Bewußtsein ihrer Lage zu bringen, nicht an der Indolenz und der Gleichgiltigkeit derselben scheitern muß, mit einem Worte, ob unsere Kollegen überhaupt ein günstiges Material zur Organisierung abgeben? Bei Beantwortung dieser Frage ist allerdings in Betracht zu ziehen, daß infolge Mangels öffentlicher Bildungsstätten für den kantoralen Beruf, infolge der Ungleichheit der Vorbildung der einzelnen Standesgenossen und der großen Verschiedenartigkeit der Ansprüche, die von den einzelnen Gemeinden an ihre Funktionäre gestellt werden, jenes echte und rechte Gefühl der Kollegialität und Solidarität, welches notwendigste Voraussetzung für eine berufliche Organisation ist, unter den Kantoren nicht zu finden ist. Zudem müssen wir bedenken, daß die sogenannten Zugvögel, die heute da, morgen dort als Kantoren anftreten, aber nirgends verbleiben, im Gasthanse, gleich einem Bänkelsänger, mit einem Schma Jisroel oder Weschomru debütieren und brillieren, sich dabei Reisespesen erschnorren und weiterziehen, um anderwärts ihr Knnststückchen derselben Art zu demselben Zweck ausznführen, nicht besonders zur Hebung unseres Standes beitragen. Daß diese Elemente von einer Organisation nichts wissen wollen, ist doch selbstverständlich, sie brauchen auch ein Fachblatt nicht. Aber daß der Kantorenstand durch sie herabgewürdigt wird, mnß wohl nicht erst betont werden, zumal diese Parasiten seine eigentlichen Schädlinge sind; denn wenn dann schließlich doch ein ehrenhafter Kantor in eine solche Gemeinde kommt und auf Achtung Anspruch erheben will, begegnet er nur einem verächtlichen Achselzucken. Wenn wir nun eine Organisation ins Auge fassen, können wir demnach nur auf den gesunden Kern des Kantorenstandes reflektieren, auf jene, die es ebenso mit ihrem Berufe ernst nehmen, wie sie in jedem Kollegen einen Freund erblicken. Aber auch da müssen wir leider zwei Gruppen auseinanderhalten. Zu der einen zählen wir in erster Siuie diejenigen, denen Fortuna lächelnd einen Posten in einer Großstadt in den Schoß warf, deren Stellung demzufolge eine angenehme, weil mich gesicherte ist, die füglich auch auf eine Organisation leicht verzichten können. Aber es gibt Kantoren, denen Fortuna nicht lächeln will, die in einer Provinzstadt verkümmern müssen, die jedoch trotzdem mit ihrem Berufe es ernst meinen, aber zu stolz sind, ihre prekäre Lage offen zur Schau zu tragen. In ihrem Heim müssen sie sich die - größten Einschränkungen auferlegen und sie möchten sich gerne einer Organisation anschließen, aber sie scheuen die hiemit verbundenen Auslagen, zumal ihr Einkommen kaum zur Deckung der häuslichen Bedürfnisse hinreicht. Daß aber dem Kantor das Einkommen möglichst geschmälert werde, dafür sorgen schon andere Bedienstete der Kultusgemeinde, allen voran aber der Schames. Wohl ist damit blos die materielle Lage des Kantors tangiert und in seinem Stolze reagiert derselbe nur in den seltensten Fällen auf derartige Umtriebe, jedoch wird von solchen Personen oft auch die moralische Lage in nicht geringem Maße beeinflußt. In so mancher Gemeinde hat der Schames die laufenden Bedürfnisse der Gemeinde pauschaliert, als da sind die Beheizung der Amtslokalitäten und die Beleuchtung des Tempels. Naturgemäß trachtet man am Pauschale so viel als möglich zu ersparen, den Hauptnutzen aber muß die Beleuchtung des Tempels hergeben. Wehe dann dem Kantor, wenn der Gottesdienst am Freitag- oder Freitag-Abend um zwei Minuten länger dauert, sein Schicksal ist besiegelt. Daß unter solchen Umständen die Lage des Kantors keine beneidenswerte ist, braucht nicht erst betont werden; aber hervorheben müssen wir, daß derartige Uebelstände nicht vereinzelt Vorkommen, sie zeigen sich in vielen Gemeinden, natürlich in verschiedenen Formen. Was wir nun zu tun haben und tun sollen, um dem abhelfen, ist uns demnach klipp und klar vorgezeichnet. Nur von einer Organisation und einem guten und stark verbreiteten Fachblatt können wir Abhilfe erwarten, und darum erlauben wir uns einen warmen Appell an unsere besser situierten Kollegen zu richten, sich von einer alle gesunden Kräfte unseres Standes umfassenden Organisation nicht nur nicht auszuschleßen, sondern zufolge ihrer günstigen pekuniären Situation dieselbe auch tatkräftigst zu unterstützen. Demgemäß ergeht auch an alle unsere Kollegen, die es mit ihrem Berufe ernst meinen, denen das Wohl ihres Standes und ihr eigenes Wohl am Herzen liegt, der Ruf nach Zusammenschluß aller Kräfte. Periodische Zusammenkünfte sollen veranstaltet werden, bei welchen alle schwebenden Tagesfrageu erörtert, Mißstände zu Tage gefördert, Vorschläge zu deren Abhilfe gemacht, und eigene Erfahrungen und Erlebnisse, die in Ausübung des Berufes gesammelt wurden, zur Kenntnis der Versammlung gebracht werden. Und gerade der gegenwärtige Moment scheint für die Einigung der Kantoren besonders günstig zu sein. Anläßlich des im Frühjahre 1908 stattfindenden 25-jährigen Jubiläums des österr.-ungar. Kanloren- Vereines wird sich voraussichtlich eine größere Anzahl von Kollegen in Wien znsammenfinden, und da wäre die beste Gelegenheit, die schon oft angeregte Idee einer allumfassenden Organisation der kantoralen Berufsgenosseuschaft der Verwirklichung näher zu bringen. Eine würdigere Markierung des Vereinsjnbilüums wäre wohl nicht denkbar. Hand in Hand mit der Förderung einer Organisation müssen wir das Fachblatt ans das kräftigste unterstützen, für einen ausgedehnten Leserkreis desselben Sorge tragen, damit die in dem Blatte besprochenen Mißstände die weitestgehende Publizität erfahren und auch in maßgebenden Kreisen gelesen werden. Erfahrungsgemäß liefern periodische Zusammenkünfte der Mitglieder einer Fachgenossenschaft sehr viel Stoff, der dann! in der Fachpresse besprochen, derart zur Kenntnis weiterer und maßgebender Kreise gelangt und gar oft die Abstellung so manchen Uebelstandes zur Folge hat. Das Fachblatt soll nicht nur in unseren Kreisen, sondern auch von jenen Personen . gelesen werden, die über das Wohl der Gemeinde zu wachen haben, damit derartige Uebelstände, wie wir sie geschildert haben, zu ihrer Kenntnis gelangen. Diese Persönlichkeiten werden dann gewiß dafür Sorge tragen, daß derart zu rügende Zustände in ihrer Gemeinde nicht Platz greifen, und dann wird auch die Zeit nicht ferne sein, wo dem Kantor die geachtete Stellung eingeränmt wird, die ihm gebührt. fluoli^atioilen lieg öllerr.-ung. Jiuntoreu-Iemues. Ueber mehrfache Anfragen werden die p. t. Vereinsmitglieder aufmerksam gemacht, daß zur Ersparung der Portogebühren die bisher üblichen Einzelvestäligungen des Vereinskassiers für eingesandte Vereinsbeiträge nicht mehr ausgegeben und von nun ab die Ausweise der eingesandten Beiträge wie in früheren Jahren im Vereinsorgane veröffentlicht werden. Durch Kollegen I. Weiß in Tobitschau wurden uns. wie alljährlich, nachfolgende Beiträge übermittelt: Gemeinde Tobitschau Li 4.—, Zedokoh, Chewra Kadischa, Frauenverein je Li 2.—. Den geehrten Spendern, sowie dem Vermittler derselben statten wir hiemit unseren innigsten Dank ab. Der Vorstand des österr.-ungar. Kantoren-Vereines.