Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 49 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063416--05205-3072109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 49. Die Wahrheit Seite 11. Literatur. Wer ist's ‘i Unsere Zeitgenossen. Zeitgenossen-Lexikon, enthaltend Biographien nebst Bibliographien, Angaben über Herkunft, Familie, Lebenslauf, Werke, Lieblingsbeschäftigungen, Parteiangehörigkeit, Mitgliedschaft bei Gesellschaften, Adressen, andere Mitteilungen von allgemeinem Interesse. Zusammengestellt und herausgegeben von Hermann Ä. L. D e g e n e r. III. Ausgabe. Vollkommen neu bearbeitet und wesentlich erweitert. Leipzig. Verlag von H. A. Ludwig Degener. 1908. Lwd. 10 Mk. In Erweiterung des von Kürschners „Deutschen Literaturkalender" verfolgten Planes sucht obiges Werk die gange schriftstellerische, wissenschaftliche, staatsmännische. militärische und Finanzwelt, kurz die gesamte Welt der oberen Zehntausend im geistigen Sinne über ihre literarischen und polittschen Familien und persönlichen Verhältnisse möglichst gründlich zu orientieren und die ihm zum größten Teile auf Grund eines Normalschemas zugekommenen Mitteilungen in einem stattlichen, schon äußerlich präsentablen. auf schönem Papier und mit untadeligen Antiqualettern gedrucktem Bande zu vereinigen. Gegenüber 13.000 der ersten, 15.000 der zweiten, überrascht uns die soeben erschienene dritte Ausgabe auf 1565 Seiten mit nicht weniger als 18.000 Biographien. Der Herausgeber hat, wie man sieht, keine Mühe und Kosten gescheut, um das streng objektive Werk in möglichster Vollständigkeit und Vollkommenheit liefern zu können. Die bibliographischen Notizen belehren uns zuverlässig. Mit kurzen Worten: dieses außerordentlich sorgfältig zusammengestellte Kompendium ist ein hochwillkommenes Nachschlagebuch, das in keiner Redaktion, keinem Bureau, in keinem vornehmeren Haufe fehlen sollte. Der Verleger hat sich mit der Veröffentlichung ein wahrhaftes Verdienst erworben und wir können die Anschaffung desselben bei dem wohlfeilen Preise nicht genug empfehlen. Oskar T a l b o t. An meinen Liebling. „Lueger, mein Liebling! was ficht' Dich denn an, Wer hat denn Dir wieder so weh' getan? Ist es ein Sozi oder ein Jud', Wer hat denn wieder so verweg'nen Mut?" „Nicht Sozis sind's und auch keine Juden, Es sind das ganz and're Botokuden, Man sollt's nicht trauen den eigenen Ohren, Es sind österreich'iche Professoren, Ich weiß nicht, woher sie kamen, Da ist ein Schlingel, Masaryk von Namen, Der wiegelt auf das Parlament Und predigt wissenschaftliches Sakrament." „Lueger, mein Liebling, es will mich bedünken, Daß Dein Stern beginnt zu sinken, Es befällt mich ein leises Bangen, Du härtest ein Torheit begangen." „Torheit? Wohl Hab' ich die Professoren nicht gepriesen, Doch sie nur an die Religion gewiesen, Denn offenbar haben sie keine Religion, Wissen nichts vom Vater und nichts vom Sohn." „Lueger, mein Liebling, werde wieder gescheit, Es ist dazu noch immer Zeit, Du bist kein Bischof, kein Kaplan, Was geht die Religion Dich an? Die Kirche dem Papst, die Schule dem Staat, Das ist mein wohlgemeinter Rat, Du bist zu schwach — Du kannst es glauben — Den Geist der Zeit zurückznschrauben. Du hast zu sorgen, daß unsere schöne Stadt, Luft, Licht und Wasser hat. Sowie Sicherheit in den Gassen, Und gutes Pflaster in den Straßen. Wenn Du die Inden hast niedergerungen, So ist noch nicht ihr Grablied gesungen, Ich kann Dir die Lehre geben, Die Juden haben ein ewiges Leben. D'rum mein Liebling, mache Deinen Frieden, So lange Du noch wandelst hienieden; Mach' Frieden mit Profefforen und Juden, Gönne jenen das Lehren und diesen die Buden." J. Vs.... Wer föhnte Keinde. Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) Fünftes Kapitel. Rosa war in höchster Aufregung ins Wohnzimmer gestürzt wo sie ihre Freundin Anna mit einer Handarbeit beschäftigt antraf. Schluchzend fiel sie'dieser um den Hals: „O, Anna, Du Gute! Rate, hilf mir! Ich habe ihn tödlich beleidigt, er haßt und verachtet mich, und ich liebe ihn so sehr!" Anna brachte nicht erst zu fragen, von wem die erregte Freundin eigentlich spreche, sie wußte dies ohnehin, der letzte Satz hatte es ihr verraten; vielmehr war ihr daran gelegen, den ganzen Sachverhalt zu erfahren. Nur mühsam und von häufigem Schluchzen unterbrochen, erzählte Rosa den ganzen Vorfall. Sie verschwieg nichts, nicht einmal das, daß glühende Eifersucht auf die bevorzugte Nebenbuhlerin sie fast der Sinlie beraubt hatte, und sie eigentlich nicht wußte, was sie gesprochen, welche Bedeutung in diesen wenigen hingeworfenen Worten lag. „Wie unbesonnen," zürnte Anna, „wie konntest Du Dich nur so weit vergessen?" „Der Anblick des Bildes dieser wundervollen Frauengestalt hat mich alles vergessen gemacht, Anstand, Sitte, ja die notwendige Vorsicht!" „Und Karl," fiel die Freundin ein, „was erfuhrst Tu über ihn?" „Nichls, ich hatte ihn ja gerade unterbrochen, als er zu erzählen begann." . „ Jetzt soll die Freundin den verfahrenen Karren herausziehen, meinst Du. Dazu ist des Rabbiners Annel gut. wie immer," setzte sie bitter hinzu. „Doch getrost," fuhr sie fort, die Wangen des erregten Mädchens streichelnd, „nicht umsonst sollst Dn mich gebeten haben, ich hosfe, auch dies zustande zu bringen." Die halbe Nacht verbrachten die beiden Mädchen in eifrigem Gespräche schlaflos zu, und der erzürnte Doktor war alleiniger Gegenstand dieser Mädchengespräche sowohl, als der Träume, welche in der zweiten Nachthälfte die schlafenden holdett Kinder umgaukelren. Glückliches Vorrecht der Jugend! Sie konnten schlafen, nachdem sie in der Heldenbrust des jungen Doktors solch furchtbaren Sturm heraufbeschworen. Er selber konnte in dieser Nacht nicht schlafen! Haß und unbefriedigte Rachsucht wühlten sein Inneres auf. Dabei fühlte er in seinem Herzen solches Weh, als? wäre ihm etwas Heiliges, über alles Teure von freventlicher! Hand entrissen worden. Es fiel ihm lticht etnnlal ein, sein Lager! anfzusuchen, sondern er verbrachte die Nacht beim Tische sitzend. | vor sich ein aufgeschlagenes Buch, in dem er aber sicherlich keine j zehn Seiten gelesen hatte. Hie und da nahm er das Bild Deboras, welches er in I der letzten Zeit oft tagelang nicht beachtet hatte, zur Hand, j zärtliche Worte an dasselbe richtend. „O, Du teure, holde Dora! Vergib dem Wankelmütigen das schwere Unrecht, das er gegen Dich begangen! Um Weniges hätte ich Dich, diese kostbare Perle, weggeworfen, um diesen falschen Edelstein ans böhmischem Glase an Deine Stelle zu j setzen. Rechtzeitig sind mir die Angen geöffnet worden, und nun : soll jeder Wunsch, jeder Gedanke nur Dir gelten, Dir, meiner einzigen, unvergleichlichen Dora!" Gegen Morgen suchte der Doktor dennoch sein Lager auf, weniger aus Ermüdung oder Bedürfnis, als aus Trotz und falschem Schamgefühl. Er wollte verhindern, daß die aufräumende Magd, die alte Barta, es ihrer Gebieterin verrate, daß er die ganze Nacht schlaflos verbracht hatte. Er gönnte dieser Schlange! keinen solchen Triumph. Das Frühstück ließ er sich auf sein Zimmer bringen, statt es, wie gewöhnlich, in Gemeinschaft der beiden jungen Mädchen im Speisezimmer einzunehmen. Wie erstaunte er. als.statt der derben Barka ein mit einem zierlichen weißen Latzschürzchen angetanes schlankes Mädchen, das Kaffeebrett in Händen tragend, ins Zimmer trat. Im ersten Moment glaubteer, es wäre seine Beleidigerin, und wollte schon mit stolzer Miene das Dargebotene znrückweisen. Doch nein, es war die ihm so sympathische Anna, welche ihm den duftenden und nach der schlaflosen Nacht' doppelt willkommenen Morgenkaffee gebracht hatte. „Guten Morgen, Herr Doktor!" rief sie heiter, „wie haben Sie geruht? Gewiß besser wie meine arme Rosa, welche die ganze Nacht hindurch geweint und geschluchzt hat, daß es zum Erbarmen war." Goldenkron fuhr entrüstet in die .Ööhe. „Nichts von ihr, kein Wort, nennen Sie ihren Namen nicht, ich mag nichts von ihr wissen!" (Fortsetzung folgt.) vaswmex r; «Mssseat■?. . ■ Bi»V- 1