Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 48 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 9. an meinen Bruder, erhielt aber zur Antwort, ihm sei das öffentliche Ausposaunen feiner Sch'wochim unlieb, ich möge es affo lieber unterlassen. Ja, ich kann es bei meiner Standesehre beteuern, daß dieser grundehrliche Mensch die personifizierte Bescheidenheit war und ist. Wenn ich Sie nun höflichst bitte, mir Raum in Ihrem geschätzten Blatte zu gewähren, um die Vorzüge dieses Mannes zu schildern, geschieht es nicht etwa, das Versäumte nachzuholen, sondern um zu illustrieren, wie unsere kaum beneidenswerten Berufsgeuossen, die das hehre Amt eines Diener Gottes innehaben, ganz und gar der Willkür der Kehillegewaltigen preisgegeben sind. Wir fünf Brüder, Söhne eines gottesfürchtigen Mannes aus Kalwarji in Rußland, widmeten uns ausnahmslos dem Kantorate, aber keiner der Brüder war gleich dem ältesten, Israel — nomen est omen — so von der Heiligkeit dieses Amtes durchdrungen. Schon als zarter Knabe machte er sich zum Lebensziele: Thora waawodah, wovon er nie und nimmer i Haarbreit wich. Sein erster Posten war Prostken in Ostpreußen, aber bald mußte er mit tausend anderen russischer Untertanen Preußen als lästiger Ausländer verlassen. Mein Bruder Sigmund, \ Oberkantor in Warasdin, der dazumal in gleicher Eigenschaft in Mährisch-Ostrsu wirkte, aber Sinnes war, den Posten zu wechseln, befchied den nun postenlosen Bruder zu sich, in der Hoffnung, für ihn etwas tun zu können. Aber gleich Rabbi Jose ben Kisma sprach dieser: „Und wenn Du mir gäbest alles Silber und Gold..." (Spr. d. V. VI, 2), denn seine strengorthodoxe Gesinnung sträubte sich gegen den Begriff: Dameuchor und Orgel. So ließ er sich nach langem Umherirren in St. Georgen bei Preßburg nieder; später kam er nach Deutsch-, Kreuz, wo er etwa zwölf Jahre, von jung und alt vergöttert, sein heiliges Amt des Chasan und Schochet ausübte. Und nun kam das große Los: die Berufung zum ersten Chasan und Schochet nach Preßburg! — Hier lebte er viele Jahre in Frieden und Eintracht, genoß mit Recht den Ruf eines Zadik, eines Bal-zedokoh; es fiel durch die Jahre kein Stäubchen auf seinen makellosen Namen, seine Türe stand jedem Dürftigen stets offen .. . Aber sieh! — ein Wort einer mißgönnerischen, verleumderischen Zunge genügte, um den Vater sechs unversorgter Kinder brotlos zu machen. Welche Anklagen wider meinem Bruder erhoben wurden, weiß ich wahrlich nicht. Bekannt ist mir nur, daß ein Fleischer der Orthodoxen zur Fortschrittspartei überging und um das Kaschrus der Orthodoxen in Mißkredit zu bringen, gegen meinen Bruder sogenannten „Tratsch" inbezug der Schechita verbreitete. Daraufhin wurde mein Bruder ohne jeglichen Verhör seines Amtes enthoben. Er bat und flehte, vor ein Bes-diu gestellt zu werden, er wollte wissen, welche Delikte gegen ihn vorliegen, daß er die Nichtigkeit dieser Anwürfe dartue, er lief von Pontius zu Pilatus und schrie: zedek, zedek tisckpot! aber nirgends fand er Gehör. Ich wollte mit einigen angesehenen Kantoren nach Preßburg, um von der Kehille Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu fordern, aber mein Bruder schrieb mir: ein fortschrittlich gesinnter Funktionär wird doch bei Orthodoxen keinen Anklang finden. Wo bleibt dann das Gebot: wedoraschto, weckokarto, weschoalto lietew, wo die Jaschromes der Gesetzestreneu? So ist es mit uns jüdischen Beamten bestellt! Alle Kategorien vyn Beamten, alle Arbeitsnehmer sind bereits organisiert und wehren sich auf das radikalste gegen Willkür und Ungerechtigkeit .ihrer Vorgesetzten und Arbeitsgeber, nur wir stehen wehr- und machtlos unseren Bedrängern gegenüber. Wann und von wo soll uns Hilfe werden? — Jm en ani li, mi li? •_Oberkantor A. W. Der söhnte Aeinde. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Sein Gesicht war verzerrt, die Augen traten blutunterlaufen aus den Höhlen. Mit einem Kraftaufwand, als wollte er die zitternde Mädchengestalt zermalmen, packte er sie an der Schulter und rief, mit vor Wut heiserer Stimme: «Heilloses Weib! O wärest Du doch lieber ein Mann, daß ich Dich mit dieser meiner Faust Niederschlagen dürste! Sprich, Verwegene, wie unterfängst Du Dich, eine solch unerhörte Beleidigung einem Manne, einem Soldaten zuzufügen, ihm eine nur durch Blut zu sühnende Beleidigung ins Gesicht zu schleudern?" Rosa versuchte zu sprechen, wollte mit einem freundlichen Worte, mit einer demütigen Abbitte seinen furchtbaren, und wie sie sich selber zugestand, gerechtfertigten Zorn zu mindern suchen. Aber vergeblich! Ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie konnte kein Wort hervorbringen, sie hätte es nicht vermocht, wenn ihrer Seele Seligkeit von einem Laute abhängig gewesen wäre. Nur ihre Augen blickten flehend zu dem so schwergekränkten Manne hinüber, diese Augen, welche über den jetzt Zürnenden solche unwiderstehliche Macht besessen, daß er um ihretwegen die Freundin seiner Jugend, die ihm zugedachte Lebensgefährtin fast vergessen hätte. Heute war der Doktor für die sanfte und doch so beredte Sprache unempfindlich geworden. Die Hand des erschreckten Mädchens mit eisernem Druck umspannend, so daß dieses notgedrungen ihm gegenüber stehen mußte, fuhr er zu sprechen fort, oder eigentlich brachte er stoßweise mühsam hervor: „Noch ist der Friede nicht geschlossen, noch stehen wir als unbesiegte Feinde in Eurem Lande. Wenn ich da hinanstrete liub meinen Kameraden erzähle, auf welch unerhörte Weise ich jetzt hier beschimpft worden bin, ich ein königlich preußischer Offizier, dann bleibt, das schwöre ich Ihnen bei meiner Ehre, in einer Stunde kein «Steht auf dem andern in diesem Hause. Wenn ich trotz des mir Widerfahrenen dies doch nicht tue, so geschieht es nicht aus Schonung für Sie. für ihr hübsches Lärvchen, auch nicht ans Rücksicht für Ihren Vater, der sich feige vor uns versteckt, vielleicht auch darum, weil er den Haß auf uns nicht verbergen kann, sondern diese Schonung geschieht aus einer anderen Ursache. Gleich am ersten Abende meines Hierseins bin ich unfreiwilliger Zeuge eines Geheimnisses geworden. In den verborgenen Kellern dieses Hauses habt Ihr und die andern Gemeindemilglieder (Sure Schätze, Euer Gold und Silber vor den heranrückenden siegreichen Scharen verborgen. Doch nicht um diese lasse ich Schonung walten; im Gegenteil, mit welcher Wollust würde ich znschauen, wenn die wütende Soldateska über (Sure Wucherschütze verfiele! Aber Ihr habt auch in diesen Kellern die kostbaren Gerätschaften verborgen, welche zur Verzierung Eures Bethauses und der heiligen Thorarollen zu dienen bestimmt sind, ja, einige der letzteren sind da drunten im sicherem Verstecke aufbewahrt, und diese Heiligtümer sind iiucC) mir, dem gläubigen Jtlden, unantastbar. Dem Umstand allein verdankt Ihr es. daß ich in meinem berechtigten Grimme nicht Euch alle der Rache meiner Landsleute übergebe. Ihr habt uns für Vandalen gehalten, welche selbst an Heiligtümer ihre ruchlose Hand legen, doch lernt uns besser kennen! Meine einzige Rache ist diese: Ich hasse, ich verachte Sie!" und, ihre Hand von sich schleudernd, rief er fast drohend: „Nun, verlassen Sie mich!" Das unglückliche Mädchen schwankte hinaus, in der Türe noch einen flehenden Blick auf den tiefgekrättkten, in seiner Ehre verletzten Mann werfend; aber alles umsonst. Der stand mit abgewendetem Gesichte, die Hand, zur Faust geballt, auf dem Tische ruhend, ganz starr und unbeweglich da. Wie lange er in dieser Stellung verharrte, er selber hätte es nicht zu sagen vermocht. Sein Ideal lag zertrümmert vor seinen Füßen. Keine Minute kam ihm der Gedanke, daß er dennoch zu hart gewesen, daß dies aufgeregte, eben aus tiefer Ohnmacht erwachte Mädchen vielleicht gar nicht daran gedacht hatte, j daß ihn diese Worte so tief verletzeit würden; Worte, welche sie; irgendwo in einem Buche aufgelesen, dessen wahre Bedeutung sie vielleicht nicht einmal verstanden hatte. Keine Minute kam ihm der Gedanke, sich selbst als den eigentlich Schuldigen anzusehen, denn er hätte sich zttgestehen müssen, daß es fremdes Gut gewesen, das. er sich da angeeignet halte, wenn auch die Art und Weise, wie es geschah, so manche Entschuldigung aufkommen ließ. Tödlicher Haß blitzte aus seinen Augen und der feste Entschluß, daß es aus sei zwischen ihm und ihr. (Fortsetzung folgt.)