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Die Wahrheit · 1907-10-25 · Heft 41 (25.10.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 41 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 41 Die Wahrheit Seite 3. Berlin. Zum Zwecke der Eiurichtung einer Abteilung des Zentralbureaus in Berlin weilte hier der Präsident des Aktionskomitees, Herr David Wolffsohu, einige Tage, und fand in dieser Angelegenheit eine .Konferenz statt, an der außer den Herren W o l f f s o h n und Prof. Dr. Marburg folgende Herren teilnahmen: Dr. I. Becker, Dr. Gronem a n n. Dr. Hantle, Dr. L e s z q n s y, Dr. Heinrich L o e w e, Dr. N o s s i g, Dr. S o s k i n und Frl. Bertha M a j e r o w i t s ch. Gemäß den in der Konferenz gefaßten Beschlüssen hat das engere Aktionskomitee in Berlin ein Bureau unter dem Namen „Zionistisches Zentralbureau, Abteilung Berlin" eingerichtet. Den Vorsitz dieses Bureaus wird als Mitglied des Engeren Aktionskomitees Herr Professor Marburg führen, als sein Stellvertreter und zugleich als geschäftsführender Leiter wird Herr Dr. Hantke fungieren. Das Bureau untersteht dem Engeren Akkionskomitee, dessen Genehmigung es für die von ihm zu unternehmenden Schritte und Einrichtungen emzuholen und dem es regelmäßig über seine Tätigkeit Bericht zu erstatte» hat. Dem Bureau obliegt die Erledigung der ihm vom Palästinaressort zugewiesenen Angelegenheiten, sowie der ihm vom Aktionskomitee resp. dem Zionistischen Zentralbureau in Köln übetragenen Arbeiten. Das Bureau hat bereits einen Sekretär angestellt und wird seine Tätigkeit in den nächsten Tagen aufnehmen. Aus Odessa wird uns geschrieben: Die Verhältnisse der Juden in Rußland und besonders in unserer Stadt Odessa sind höchst unglücklich. Mordbanden unter verschiedenen Namen, rechts und links, durchstreifen die Straßen und wehe demjenigen, der ihnen begegnet. Das Leben hat seinen Preis verloren, die allgemeine Demoralisation wächst täglich und jeder Schurke, der sich mit einem Revolver versehen hat, ist heutzutage ein ausgesorgter Mensch in Odessa. In unserer Stadt herrscht vollkommene Anarchie und eine schreckliche Panik; ruhig ist kein Mensch mehr hier. In allen Anstalten herrscht ein Defizit, und wer weiß, was uns in der Zukunft erwartet. Odessa. Fräulein Gisela M i n k o w s k y, die Tochter des allgemein beliebten Oberkantors der hiesigen Brodier Gemeinde, hat sich mit dem Bakteriologen Dr. Besredka. Chef des Laboratoriums am Pasteur- Justitute in Paris, verlobt. Literatur. D Ost und West. Illustrierte Mouatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben von Leo W i n z, Verlag O st u n d Me st. Berlin W. 8. Organ Der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Jsraölite Universelle". 7. Jahrgang. Heft 10. Oktober. 1907. Inhalt: Dr. Simon B e r n f e l d : Jüdische Organisation in der Diaspora. Adolf Donath, Berlin: Hugo Reinhold (mit 13 Jllustr.). A. S. R a b i n o w i c z : Verblaßte Gestalten. Dr. Bogumil Zepler: Ignaz Brüll imit Porrrait). M. A. Klausner: „Die Lösung der Judenfrage." Dr. ENasch eff: S. I. Abramowitz (Mendele Mocher S'forim. Literarische Studie (mit Portrait). — Der Fuhrmann und die Eisenbahn. (Jüdische Bolksmelodie.) Noten. Mitteilungen aus dem Deutschen Bureau der „A l l i a n c e I s r a s l i t e Universelle": I. Die Jahreswende. II. S a b b a r h n a ch m i t t a g in einer I u d e n g a s s e in Marokko (nach einem Oelgemälde von Lecomte de Nouy). III. Das Unterstützuttgsiverk der Alliance in Marokko, (Spezialbericht für die „A. I. U." von Js. Pisa und Elmalah.) IV. I ü d i s ch e S ch u l e in Tange r," nach einem Oelgemälde von H. Browne V. Jüdische Hochzeit in M a r o k k o," nach einem Oelgemälde von E. Delacroix. VI. „Jüdische Mädchen ans Tanger und T e t u a n," nach Gemälden von I. Portraits. VII. Aufruf für die marokkanischen Glaubensgenossen. VIII. Spendenverzeichnis. IX. B rief aus Arabien (Spezialbericht für die „A. I. 11." von Somekh.) X. Schulbericht aus Bagdad. (Spezialbericht für die „A. I. U." von Direktor A. Albala.) XL D i e Israeliten in Persien. (Spezialbericht für die „A. I. U." von Lahaua.) XII. Notizen. XIV. Jahresbericht der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1906/1907. Voran geht: Komposition und Strophenbau. Alte und neue Beiträge von Hofrat Prof. Dr. D. H. Müller. Wien 1907. Verlag der israel.-theol. Lehranstalt. 7I1L27I1 rmnn. Systematisches Lehrbuch der israelitischen Religion sür die reifere Schuljugend in Religionsschulen und höheren Lehranstalten von Dr. W. Feilchenfeld. Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Posen. Vierte verbesserte Auflage. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauffmann. 1907. Mk. 1.60. Aersöhnte Jeinde. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Rosa war mit der Zurichtung zum Sabbat fertig geworden. Die Frau des Hauses, ihre Mutter, ruhte schon lauge im Erdenschoße und Rosa hatte es sich von damals angelegen sein lassen, ihre Pflichten, so gut es anging, zu erfüllen. Sie deckte den Tisch im Wohnzimmer mit schneeweißem Damast, legte die Sabbatbrode darauf und zündete die Sabbatlichter, die in einem silbernen Armleuchter steckten, mit stillem Gebet an, wie sie es von ihrer teuren Mutter gelernt hatte. Dann begab sie sich ins anstoßende Komptoir des Vaters, denselben daran zu erinnern, daß es Zeit sei, in die Synagoge zu gehen, da er doch niemals an einem Freitag den Abendgottesdicnst versäumte. Wie erfchrack die arme Rosa, als sie den Vater totenbleich, mit vom Weinen geröteten Augen und wirrem Haare auf der Erde sitzen sah „Karl?" war das Einzige, was sie in ihrer Bestürzung hervorbringen konnte. „Ja, Karl, er ist tot! Da sieh, was mir der Soldat von ihm gebracht hal." Als sich Rosa von ihrem ersten Schrecken erholt und die Tränen, die ihr in die Augen getreten waren, aus Rücksicht auf den verzweifelnden Vater tapfer unterdrückt hatte, nahm sie das Vermächtnis des im Kampfe fürs Vaterland gefallenen Bruders zur Hand, um es einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Da war seine Uhr mit dem eingravierten Namen und Datum seiner Barmizwahfeier. nebst der dazu gehörigen Kette und einem Anhängsel, einer in Miniaturbuchform gefaßten Mesufe, welches ihm sein Pate, der Ortsrabbiner, gegeben, als er vordem Einrücken von ihm Abschied genommen hatte, und von ihm gebenscht worden war. Da war auch ein glatter Goldreifen, der Ehering seiner seligen Mutter, den er sich als Andenken an die teure, so früh Dahingegaugene erbeten hatte und endlich ein kleine Goldkapsel in Medaillonform, welche das von einem berühmten Künstler gemalte Miniatnrportrait feiner einzigen Schwester enthielt. Rosa mußte sich zugestehen, daß ihr Bruder nur angesichts des nahen Todes sich entschlossen haben konnte, diese Gegenstände, an denen er mit besonderer Liebe gehangen, wegzugeben. Tiefe Trauer bemächtigte sich ihrer. Sie erinnerte sich eines Ausspruches, den Karl bei seinem Abschiede von ihr getan, und drückte fast unwillkürlich an die Feder der Kapsel, welche auch aufsprang. Die Kapsel war leer! Das Bild war herausgenommeu worden. „Papa!" schrie Rosa auf, ..gib noch nicht alle Hoffnung auf, unser Karl weilt ge.viß noch unter den Lebenden. Sieh, mein Bild, das in dieser Kapsel war, ist daraus entfernt, und das kann nur Karl getan haben, denn ein Fremder verstand ja gar nicht das künstliche Schloß zu öffnen, was nur durch die verborgene Feder möglich ist, und hätte auch sonst entweder das ganze Paketchen oder irgend einen wertvolleren Gegenstand sich behalten, als mein Bildnis, welches ja für einen Fremden gar keinen Wert besitzet. Und weißt Du. Papa, was mir Karl gesagt hatte, als er von uns wegging? „Wenn Du dies. Dein Bild durch eine fremde Hand zurückerhältst, so kannst Du mich als Toten beweinen, denn so lange ich lebe, so lange ein Atemzng in mir ist, werde ich mich von Deinem Bilde, meiner einzigen Schwester, nicht trennen." Umsonst halte Rosa gesprochen. Der Vater hatte ihr gar nicht zugehört, war auch in einer Gemütsverfassung, von der jeder Trostgrund wirkungslos abprallte. Wie geistesabwesend blickte er um sich, nur zeitweilig die Worte ausrufend: „iUeiit Sohn, mein Sohn, ich werde mit Trauer um Dich in die Grube fahren!" Zweites Kapitel. In der einfach möblierten, jedoch blitzblanken Stube des Ortsrabbiners Rabbi Simon war der Sabbat eingezogen. Der Hausherr weilte mit seinen drei Knaben noch in der Synagoge, während die Hausfrau in einem frischgebügelten hellen Hauskleide, einer frischgeputzten Haube mit blauem Bande auf dem Kopfe, am Tische saß. vor sich den dicken Sidur, ein Erbteil ihrer seligen Mutter, worin sie eben gebetet hatte. Ihr gegenüber saß die älteste Tochter Annel, welche ebenfalls das Gebetbuch zugemacht hatte, nicht ohne auf den Deckel, auf welchem die Bundestafeln mit den zehn Geboten ausgeprägt waren, pietätvoll einen Kuß gedrückt zu haben. _ Der heiße, eben verstrichene Tag hatte in der niedrigen Lrtube eine fast unerträgliche Schwüle zurückgelasfen. Die Mutter befahl Anna, eines der Fenster zu öffnen, durch das nun die kühle Abeudluft in das Zimmer einzog und erfrischende Kühle verbreitete, durch den entstandenen Luftzug jedock die Flämmchen der vom Plafond herabhängenden Messinglampe, in zitternde Bewegung versetzt wurden, so daß flüchtige Schatten an der Zimmerdecke und den Wänden unheimlich herumhuschten. ^Fortsetzung folgt.)

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