Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 40 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063407--05092-3071987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oestm-unaar. Lantortn-Zkitung. Der Kantor einst nnd jetzt. In Obermeyers „Modernes Judentum", das wir an anderer Stelle eingehender besprochen haben, finden wir nachfolgende Ausführungen, die mir Kantoren und Gemeinden zur aufmerksamen Lektüre empfehlen. Es gelangt hier so mancher Gedanke zum Ausdruck, der von ernstdenkenden Berufsgenossen auch in diesem Blatte mit Besorgnis über Gegenwart und Zukunft des jüdischen Kantorates wiederholt ausgesprochen wurde: Nach den Rabbinern sind es die Kantoren (Vorsänger, Vorbeter), die von der Gemeinde besoldeten geistlichen Funktionäre, die ebenso wie jene an den Sporteln partizipieren und Geschenke annehmen. Im Talmud werden die Vorbeter, deren Amt es ist, an der Spitze der im Bethause versammelten Gemeinde vorzubeten, die „Boten" oder „Deputierten der Gemeinde" genannt; sie sind die Dolmetsche für die Gemeinde, insbesondere für das gemeine Volk, das nicht zu beten weiß, wie dies in früherer Zeit schon aus Mangel an Gebetbüchern häufig der Fall war. Heutzutage ist das gesamte Volk „gemeines Volk", das heißt im Sinne des Talmud aruiue-liaare? Unwissende, denn die Unkenntnis der hebräischen Sprache wird immer allgemeiner. Der Vorbeter ist nicht selten Alleinbeter. Bei seinen Vorträgen horcht das Volk zwar auf, es hört wohl Laute, unterscheidet aber keine Worte und betet nicht mit. Doch besser noch gar nicht beten als schlecht und würdelos beten, wie wir dies beim Vorbeter selbst beobachten können. Wenn der sprachgewaltige spanisch-arabische Dichter Rabbi Jehuda al-Charisi (XIII. Jahrhundert), der in so genialer Weise die arabischen Makamen des Dichters Al-Chariri in hebräischer Sprache nachgebildet und in der 24. seiner 50 Makamen die Unwissenheit der jüdischen Vorbeter seiner Zeit und ihre Unkorrektheiten beim Vortrag mit beißendem Witze gegeißelt hat, heute aufstünde, er würde bei unseren modernen Kalltoren noch ganz andere Uebelstände finden und sie mit noch schärferer Lauge überschütten. In den kleineren ji'ldischen Gemeinden sind die Kantoren zu gleicher Zeit allch Gemeindesekretäre, Schächter und Religionslehrer. In den größeren Synagogen aber, wo im Interesse einergrößeren Synagogenfreqnenz sich die Notwendigkeit ergab, einen stimmbegabten, geschulten Sänger zu haben, gibt es außer dem gewöhnlichen Alltagskalitor auch einen Oberkautor, dem die Ausgabe zufüllt, bloß an den Samstagen und Feiertagen in der Synagoge als Sänger, beziehungsweise als Vorbeter zu wirken. An diesen Tagen kommt ein Teil des mnsikfreundlichen Publikums in die Synagoge, um dem Gesänge des Oberkantors in gewissen Gebetstücken zu lauschen und nachher beim Verlassen des Gotteshauses seine Kritik abzugeben, ganz so wie man es beim Verlassen eines Konzerts zu machen pflegt. In den früheren Zeiten waren es hauptsächlich die moralischen nnd geistigen Eigenschaften lind erst in zweiter Linie das sangliche Talent, welche bei der Wahl eines geistlichen Vorbeters ausschlaggebend waren. Während in der Neuzeit der Kantor nach dem toten Noten hefte und der kalten Orgelpfeife seiner Gemeinde schöne Arien vorzusingen hat, waren es ehedem die vergeistigten Worte des Gebetes, das lebendige Gemüt nnd die warme Menschenbrnst, die des Kantors Stimme zu Gott emporsteigen ließen. Der Vortrag des Kantors galt Gott, „der Herzen und Nieren prüft", und nicht der kunstsinnigen, amüsementsbedürftigen Gemeinde. Als Rabbi Mosche Minz aus Mainz (XV. Jahrhundert) von der Gemeinde in Bamberg über die für einen Vorbeter nötigen Eigenschaften befragt wurde, da antwortete er, ein Kantor müsse die Gebete mit Andacht, klar und deutlich, grammatisch richtig und sinngemäß vortragen, eine angenehme Stimme besitzen, vor allem aber den Ruf eines streng sittlichen, religiösen Mannes haben, bei den Mitbürgern beliebt und verheiratet sein. — Sagt doch der Talmud: „Ohne Frau, ohne Mauer", das heißt ohne Schutz gegen die Ttürme und Ueberfülle der sinnlichen Begierden. Die Ehe aber i st die Grundlage d e r S i t t l i ch k e i t. Die so sprachen, waren die alten Führer der Judenheit, welche von einem tiefen, heiligen Ernst geleitet waren, Lehrer, die es dem Volke einprägten, daß beim Kantor sowohl wie bei jedem Einzelnen die Tugend, die strenge Sittlichkeit der Anbetung Gottes vorauszugehen habe, wenn nicht die ganze Religion in Idolatrie ausarten soll. Wir gedenken hier des herrlichen Ausspruches Kants: „Wenn die Verehrung Gottes das erste ist, der man also die Tugend unterordnet. so ist dieser Gegenstand ein Idol, das ist, er wird als ein Wesen gedacht, dem wir nicht durch sittliches Wohlverhalten in der Welt, sondern durch Anbetung und Emschmeichelung zu gefallen hoffen dürsten, die Religion aber ist alsdann Idolatrie." Die Synagoge ist keine Stätte der Kunst, der theatralischen Darstellung, der frommen Verkleidung und Mimik. Die Synagoge ist die Stätte des heiligen Ernstes, des frommen Gemütes, der lauteren Gedanken, der wahren Andacht. Nach einer alten Gebetordnung betet die Gemeinde: „O Gott, sei Du mit den Vorbetern in Deinem Volke Israel, auf daß sie nicht mit ihrer Zunge straucheln", nnd der Vorbeter respondieri: „Es mögen Dir, o Gott, Wohlgefallen die Worte meines Mundes und die Gedanken meines Herzens." Die Fülle, daß jüdische Sänger die Bühne mit der Vorbeter-Estrade und vice versa vertauschen, sind häufige Erscheinungen. In den großen Städten ist es sogar etwas alltägliches, daß Choristen nnd Choristinnen zu gleicher Zeit ein Engagement für Theater nnd Synagoge annehmen, oder daß geistliche Kantoren in öffentlichen Belustigungsorten, in Konzerten und dergleichen Mitwirken. Heute im Theater oder Konzertsaal, morgen in der Synagoge, heule das Spiel einer Wagnerschen Oper, morgen der Gesang eines Davidschen Psalmes. — Der Herr Oberkantor hatte recht, als er sagte: „Hier wie dort wird nach dem Notenheste gesungen." Einige Wiener Blätter brachten im Oktober 1906 folgende Ankündigung: „Der Oberkantor in der ....gaffe wird im nächsten Monat infolge Anregung von Verehrern seiner Tenorstimme und seiner Vortragsweise mit Bewilligung des Kultusvorstandes einen Konzertabend veranstalten. Der Oberkantor wird Arien ans „Rigoletlo", der „Jüdin", dem „Troubador." rc. singen." — Hält es der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien für schicklich, daß der Oberkantor eines jüdischen Gotteshauses auch als weltlicher Sänger in öffentlichen Konzerten auftritt? Der Kantor in der Synagoge ist kein Sänger im gewöhnlichen Sinne des Wortes, kein ..Künstler", der sich vor dem kunstsinnigen Publikum in der Synagoge produziert. Der jüdische Kantor ist Priester, Geistlicher, er ist in der Synagoge noch mehr als der Rabbiner, der doch nur gleich den übrigen Gemeindemitgliedern leise mitbetet. Der Kantor ist in der Synagoge „der Deputierte der Gemeinde" vor Gott, er ist der Führer und Leiter der betenden Schar; wenn er singt, so ist fein Gesang ein Herzeuserguß vor Gott, keine Gesangsproduktion vor dem P. T. Publikum. Glaubt der Wiener Kultusvorstand, daß der Kantor, der heute dem Publikum Arien aus „Rigoletto" und dem „Troubadour" vorsingt, morgen feine Sinnesrichtung ändert und eine andere Andacht hat, wenn er in der Synagoge vor Gott Psalmen und liturgische Lieder singen soll? Wird er nicht auch hier bei seinen Gesangsproduktionen seine Zuhörer, das P. T. Publikum, im Auge lind im Sinne haben? In der Synagoge aber heißt es „Schirn Fadonaj“, „Singet dem Ewigen!" (Psalm 96, 1.)