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Die Wahrheit · 1907-10-11 · Heft 39 (11.10.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 39 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39. Die Wahrheit Seite 9. zum Wöhle unserer armen Glaubensgenossen gedeihen und Früchte tragen möge. Wien. Herr Joses G i b l i ch m a n it wurde bei der am 3. d. M. abgehalrenen Plenarsitzung des Belhausvereines „Volker r" einstimmig zum Oberkantor für den Tempel, II.. Fugbachgasse 7. gewählt, da er sich durch seinen ausgezeichneten Vortrag an den hohen Feiertagen mit feiner klangvollen Tenorstimme und seiner musikalischen Bildung die Gunst seiner Zuhörer erworben hat. Jungbunzlau. Unter Teilnahme aller Kreise der Kultusgemeinde feierte unser Oberkantor, Herr B. Singe r, am Schemini Azeres die Feier seines 25jährigen Wirkens in hiesiger Gemeinde. Borstand und Vereine wetteiferten in dem Bestreben, dem Jubilar seinen Ehrentag zu einem festlichen zu gestalten. Beim Festgotlesdienst im erleuchteten und blnmeugeschmückten Tempel wurde der Jubilar als Schelischi zur Thora gerufen, wobei der zweite Kantor, H.rr S. S ch r e ck e r. einen für diese Gelegenheit selbst verfaßten Segensprnch mit Gefühl und Ausdruck zu wirkungsvollem Vortrag brachte. Unmittelbar darauf stimmte der Chor David Rubin's Psalm 100, dirigiert vom Herrn Lehrer Glaser, der gleichzeitig einen .passenden Text unterlegt harre, an. In der Festrede, die einen Rückblick auf die vergangenen Feiertage bot, gedachte Herr Rabbiner Dr. Hoch der Leistungen des Herrn Oberkantors, der durch seine liebliche Stimme und seinen herrlichen Vortrag die Gemeinde jederzeit zur Andacht stimmte. Der Jubilar zelebrierte sodann den Mussaf-Golresdieust und ward ihm bei der Keduscha Gelegenheit geboten, sein schönes bei canto zur vollen Geltung zu bringen. Nach dem Gottesdienst versammelten sich in der Wohnung des Jubilars der Kultus- und Tempelvorstand, letzterer einige Worte an den Jubilar richtend, deputativ erschienen sämtliche Vereine und in ganzer Stärke der Frauenverein und Chorverein „Harmonie", alle Blumen spendend und sonstige sinnige. Geschenke überreichend. Auch von auswärts wurden dem Gefeierten Ehrungen aller Art zuteil. Der österr.-uug. Karrtoren-Vereiu sandte ein inhaltsreiches Telegramm, gipfelnd in den anerkennenden Worten, daß der Jubilar ob seines reichen Wissens, seines ernsten Strebens und seines vornehmen Charakters von der gesamten Kollegenschaft immer geschätzt wurde. Oberkantor Josef Singer und Jakob Bauer als Unterzeichnete Präsidenten, sandten noch besondere Gratulationen, so auch: Musikdirektor David Rubi n. die Prager Kollegen Leo. K o r n i tz e r. B r o d, G r u s ch k a, die Herren Rabbiner F r e n n d-Bodenbach, Sim. H o ch- Czaslau, Kantor R e i ch n e r-Beneschau, die Herren Professoren des Prager Konservatoriums Josef T i r a n e k und Dr. Karl Stecker. Bezirksschulinspektor kaiserl. Rat Joh. H oud ek in Jungbunzlau, Handelsschuldirektor Wilh. W e r t h e i m e r-Prag, Bankdirektor Jos. Krau s-Olmütz, Jak. B. B r a n d e i s, Buchhändler, Prag rc. rc. Am Abend fand im Hotel Lamm ein gemütliches Beisammensein statt, bei welchem Mitglieder unseres Chorvereines und die hoffnungsvolle Pianistin Gisela Singer, Tochter des Jubilars, ihr Können ins beste Licht stellten. Drohobycz. Se. Majestät der Kaiser hat dem Redakteur der „Drohobyczer Zeitung" A. H. Z u p n i k den Dank für die im Leitartikel seines Blattes zum 19. August d. I. dargebrachte Gratulation aussprechen lassen. Budapest. Längst verklungen sind die Schofartöne und unsere Gebete zum Allmächtigen emporgestiegen, und dennoch widerhallr es in jedem Herzen von den Gebeten, die unser geliebter Oberkantor Israel Tkats in der Rombach-Synagoge mit seltener Meisterschaft vorgetragen. Es waren Gebete, die vom Herzen kamen und zn Herzen drangen. Schwer wurde ihm seine Stellung am Anfang seiner hiesigen Wirksamkeit, er hatte mit der Erinnerung an seinen berühmten Vorgäuger Jakob B a ch m a n n seligen Andenkens zu kämpfen, welcher mehr als 22 Jahre mit allbekannter Meisterschaft hier wirkte. Was aber unser Oberkantor während der verflossenen hohen Feiertage leistete, bewies, daß er der hohen Stellung, die er hier einnimmt, nicht nur wert und würdig, sondern auch durch seine Stimme, durch seinen Ernst, seine Würde und seinen Fleiß, für dieselbe geradezu wie geschaffen ist. Es würde zu weit führen, alle seine Leistungen an den hohen Feiertagen, wie sie dem Schreiber dieser Zeilen noch heute nachklingen, gebührend zu würdigen, aber vom ersten Tage Roschhaschono, da er den Omed betrat und mit seinem inbrünstigen Gebet für den Kantor und für die Gemeinde durch seinen mächtigen Heldentenor und seinen kunstvollen Vortrag alles erzittern und erbeben machte, bis zur großen Schlußfunktion des Geschem am Schemini-Azereth-Tage, herrschte tiefe Ergriffenheit und andachtsvolle Weihe in der Gemeinde, so oft Oberkantor Tkats seinen gemütvollen Gesang ertönen ließ. Eine wirkliche Sensation ward uns für Jomkippur Vorbehalten. Als wahrer Kohen Godol, mit seiner hohen imposanten Gestalt, erschien er uns und als unser Anwalt vor dem Throne des Allmächtigen. Alles lauschte seinen Worten und jeder wollte sie ihm von den Lippen herablesen. Die ganze Reihe der Festlage verfloß, wie sie begonnen, ohne einen einzigen Mißton zu hinterlassen. Einen Beweis seines Fleißes und seiner Amtsfrendigkeit lieferte Oberkantor Tkats auch damit, als er am Freitag-Abend des Schabbes Bereschis ivieder in Funktion trat und am Schabbes mit bewährter Meisterschaft das Rosch Chodesch-Benschen besorgte. Möge er noch viele Jahre in der Vollkraft seiner mächtigen Stimme, zur Freude seiner Gemeinde und seiner vielen Gönner wirken. L. S. Versöhnte Keinde. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Herrmann blieb keine Zeit, das ihm übergebene Päckchen zu öffnen, ja, er schien daran im Drange dieser traurigen Er- > eigniffe vergessen zu haben. j Ein Faß Bier nach dem andern ließ der wohltätige Vorsteher heranrollen, alle aufzutreibenden Mundvorräte ließ er herbeischaffen, bis endlich auch die letzten Nachzügler auf der gegen Tabor führenden Straße verschwunden waren, und jeder still nach Hause ging, um über die empfangenen Eindrücke nachzndenken und sich auf die zu erwartende Ankunft der Preußen vorzubereiten. Auf dem wieder öde daliegenden Platze blieb bloß die Wache zurück, welche in der Kriegszeit verstärkt war und sich aus dem uniformierten Veteranenverein rekrutierte. Sofort nach Räumung des Platzes begannen diese Männer eine unheimliche Tätigkeit zu entfalten. Sie umgingen den Marktplatz, zogen von Gasse zu Gasse, und überall, wo über einer Tür oder einem Laden ein kaiserlicher Adler prangte, bestiegen sie eine zu diesem Zwecke mitgenommene Leiter und nahmen ihn herab. Dies geschah bei allen k. k. Aemtern, Tabaktrafiken und anderen Orten. Stillschweigend verrichteten diese grauen ehemaligen Krieger ihre traurige Arbeit. Die Sicherheit der Stadt, über die sie zu wachen hatten, die Würde des Wappen selber gebot diese Vorsicht. Gar vielen dieser von rauhen Kriegsjahren und einer vielleicht noch rauheren Zivilexistenz abgehärteten Männern rannen die Tränen über die braunen, welken Wangen, als sie, die treuen Patrioten, die bestaubten Wappenschilder abnahmen und in das vorher ausgewühlte Versteck hinübertrugen. Das Unglück des teuren Vaterlandes hatte ja gar viele Opfer gekostet, schwerere noch, als diese rostigen Blechadler, es hatte das Heldenblut so vieler junger Söhne gefordert. Hermann und sein Töchterchen Rosa waren müde und verstimmt heimgekehrt. Letztere begab sich sofort in die Küche, um die Vorbereitungen zum morgigen Sabbatseste fortzusetzen, welche sie unterbrochen hatte, als die Schreckensnachricht von j der verlorenen Schlacht und der erwarteten Ankunft der stiehenden j Kämpfer angekommen. | Herrmann saß allein in seinem Komptoir. Sein Sohn,! der Buchhalter und die anderen Angestellten waren ins Feld gezogen und keine Nachricht von ihnen war ihm seither zugegangen. Der Post- und Telegraphenverkehr war eingestellt, oder doch sehr unregelmäßig geworden. Die Zeitungen hatten teils ihr Erscheinen eingestellt, teils war deren Eintreffen unmöglich geworden. Heute, als Herrmann die ihm wohlbekannte Uniform sah und die Abzeichen des Regimentes erkannte, in dem sein Sohn diente, hatte er sich der Hoffnung hiugegeben, wenn nicht seinen Sohn selbst zu finden, so doch etwas über sein Schicksal zu erfahren. Und wieder nichts, keine Silbe. Ob er noch lebte, sein Karl? Da mit eiuemmale erinnerte er sich des ihm unter den sonderbaren Umständen übergebenen Päckchens. Hastig griff er in die Tasche und zog es heraus. Was hat doch eigentlich jener Mann gesagt, der es ihm übergeben? .Dies sendet Ihnen ein gefallener Kamerad!" Die Worte der heiligen Schrift zogen ihm durch den Sinn: „Sieh nach, ob es das Gewand Deines Sohnes Josef ist." Ans der Papierumhüllung war sein voller Name und richtiger Wohnort angegeben, mit zitternder Hand geschrieben, jedoch lesbar, so daß der fremde Mann leicht erkennen konnte, wem er es zu übergeben hatte. Herrmann nahm sich nicht Zeit, das Papier zu entfalten, sondern zerriß es mit nervösem Ungestüm, und das, was er geahnt, sah er auch vor sich liegen, das Eigentum seines Sohnes Karl. Also Karl war der gefallene Kamerad gewesen; jener fremde Mann hatte ihm eine Todesbotschaft überbracht 1 Der unglückliche Vater schloß sich in seine verödete Schreibstube ein, rief niemanden zu sich, zerriß mit eigener Hand die Kleider als Zeichen der tiefsten Trauer, setzte sich auf die Erde und brach nur zeitweilig in den Ruf aus: „Mein Sohn, mein einziger Sohn, ich werde in Trauer um Dich in die Grube fahren!" (Fortsetzung folgt.)

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