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Die Wahrheit · 1907-08-30 · Heft 34 (30.8.1907) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 34 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Kantoren dringendst ersucht, den Abonnementsbetrag für das am 1. Juli begonnene L. Quartal umgehend einzusenden. Kernria. Gebet- und Andachtsbuch für jüdische Frauen und Mädchen von Rabbiner Dr. Max G r u n w a l d. Berlag von Jos. Schlesinger, Wien. Besprochen von Oberkantor I. Singer-Wien. Die Tendenz der vorliegenden Arbeiten ist am erschöpfendsten durch die Anfangsworte der Vorrede gekennzeichnet: „Dieses Buch i st nicht b e st i m m t, unsere altgewohnte n Ritualien, d en S iddur und das Machsor zu verdrängen", welche deutlich bekunden, daß all diejenigen, die die Befähigung und den Drang besitzen, „hebräisch" beten zu können, es nur ruhig dabei bewenden lassen mögen. In diesem Sinne hätten wir es herzlichst begrüßt, wenn die Anfangsbezeichnung der Beruria nicht als Gebet-, sondern ausschließlich als A ndachtsbuch benannt worden wäre; denn als andachtserregend in des Wortes umfassendstem Sinne muß der Inhalt vorliegenden Buches anerkannt werden. Man könnte die Frage stellen, inwieferne wir jüdische Kantoren, bei denen man ja leider gewissermaßen eine wissenschaftliche Unzulänglichkeit voraussetzt, uns gestatten dürfen, solch wissenschaftlichen Darbietungen gegenüber auch ein kleines Wörtchen mitznreden; hieraus haben wir zu bemerken, daß es uns beileibe nicht einsällt, den literarischen Mehr- oder Minderwert der in der Beruria enthaltenen Geistesschöpsnngen zu beurteilen; diese wichtige Feststellung überlassen wir ruhigen Sinnes jenen Rittern vom Geiste oder geistlichen Rittern, deren eigentliche Amtsaufgabe es ist, solchen Erscheinnngen gegenüber ihr Votum abzugeben, und wir leben der sicheren Üeberzeugung, daß sie dasselbe uns nicht vorenthalten werden. Wir jüdische Kantoren, als die Träger der Wortillnstration, haben vielmehr nicht allein das Recht, sondern sogar die Verpflichtung, über Texte und Wahl der Worte bei ähnlichen Veranlassungen unsere Ansicht rückhaltslos kundzutun. Wir stehen ja so oft der Rezitation solcher hebräischer Gebettexte gegenüber, die dem Dichter zuliebe, oder um ein Akrostichon zu ermöglichen rc., mit dem Mantel der Heiligkeit umgeben wurden; unserer Einsicht nach sollte vieles geändert werden, müßten wir uns nicht der sanktionierten Notwendigkeit fügen. Allein derartige Geschehnisse fallen bei hebräischen Texten viel weniger in die Wagschale, weil der mitbetende Laie uns nicht kontrollieren kann. Nun aber wird eine Uebersetzung des hebräischen Wortes beigegeben und jene oben ange- , deuteten Härten und, um uns gelinde auszudrücken, Unebenheiten treten in ihrer ganzen Schroffheit zutage. Die Schöpfer der in der Beruria niedergelegteu poetischen Arbeiten haben ganz zielbewußt nicht allein aus eine kalte Wort- oder Satzübersetznng verzichtet, es vielmehr in anzuerkennender Weise vorgezogen, alle die den einzelnen Gebetsteilen innewohnenden ästhetischen, historischen, pädagogischen Gesichtspunkte mit- und nachzuempfinden und hiedurch nicht allein den Geist der Jahrtausende alten Andachtsstücke unserer Zeit Näherzubringen, sondern durch die von Temperament durchglühte anderssprachliche Wiedergabe des Ursprungsgedankens gleichzeitig einen Kommentar für die im Originale mannigfach sich vorfindlichen Gedankensprünge rc. geschaffen; ja infolge ihres Mit- und Nachempfindens für diese Gedankenrisse neuen Zusammenhang gesunden, der geradezu versöhnend aus die abwaltenden widerstreitenden Vorkommnisse einwirkt Um diese unsere Darlegungen dem allgemeinen Verständnisse näher zu bringen, ersuchen wir mit uns die hebräische Originalfassung des spin n:rm, dieses mit dem Glorienschein des Allerheiligsten ausgestatteten Gebetsstückes, auszuschlagen, um alsbald zu erkennen, daß in den sieben aufeinanderfolgenden Gebetsstellen .nas ,=p;n n:n:i ,-?h; -isisai ,mpss, n:wrt wro rtr:wm und '3, sieben verschiedene Stimmungen unvermittelt aneinandergereiht erscheinen, so daß man, um nur e i n Beispiel anzuführen, etwas befangen der gewaltsamen undunbegründeten Verschmelzung des -hochdramatischen Inhaltes mm .spw rnnr: mit der lieblich lyrischen, wir möchten sagen idyllischen Schilderung des rnpaa gegenübersteht. Unsere altvorderen, großen Chasonim bemühten sich auch, in gerechter Würdigung dieser Stimmungsverschiedenheit, jeder dieser Unterabteilung durch Anpassung eines eigenen Steigers, auch ein eigenartig musikalisches Relief zu verleihen, welche fein abgestufte Sangesweise selbst bei modernen Kantoren als Prüfstein für ihre größere oder mindere Begabung erachtet wird. Diese Mannigfaltigkeit der gesanglichen Illustration verfolgt jedoch beileibe nicht den Zweck, die einzelnen Gebetsteile auseinander zu halten, sondern vielmehr, gerade durch diese gesangliche Mannigfaltigkeit, der Monotonie des Vortrages eines verhältnisgemüß langen Gebetes vorznbengen und durch eine interessante gesangliche Ausgestaltung über die Bedenken der Zusammengehörigkeit hinüber zu Helsen. Diese Bedenken erscheinen nun bei der in der Beruria gebotenen, mit subjektiver Gesühlsinnigkeit inhaltlich nachempfundenen Uebertragung des Original-IIuesaus taukef ins Deutsche vollständig geschwunden. Der logische Gedankengaug dieser traditionellen Gebetsgruppe erscheint in keiner Weise angetastet, doch durch eine geist- und gedankenvolle Erweiterung und blendende Textsassung so nahe aneinander gebracht, daß die mannigfachen Stimmungen geschmeidig in einander fließend, sich zu einem erqilickend einheitlichen, poetischen Libretto gestalten, einem Libretto, welches durch seine dichterische Fassung in allen Teilen singt und klingt und den Synagogenkompomsten geradezu zur Arbeit drängt. Diese bedeutungsvolle Tatsache veranlaßte uns jüdische Kantoren, dem Inhalte der vorliegenden Beruria gegenüber auch unsere Anschauung kund zu tun; denn die moderne Synagoge, die nach volkssprachlichen Gesängen verlangt, entbehrt bis nun der echt jüdisch empfundenen Texte.*) Wir lassen es anheimgestellt, ob die in Verse gefügten Gebete wirksamer sind als die in Prosa geschaffenen; so viel jedoch steht fest, daß ähnliche Gedichte wie Nr. 8, Morgengebet eines Kindes, Nr. 11, Nr. 12, Nr. 13, Nr. 26. Nr. 31 u. v. a. geradezu zur musikalischen Ausgestaltung ausfordern. Ob der geehrte Herausgeber bei Redigierung des Buches auch an diesen Teil seiner Wirksamkeit gedacht, ist uns unbekannt. doch müssen wir jüdische Kantoren es rückhaltslos anerkennen, daß der weitaus größere Teil der in der Beruria enthaltenen Poesien für synagogale Komponisten geradezu eine Fundgrube reicher Schütze bildet, die voraussichtlich alsbald gehoben und dem Syuagogengesange einverleibt werden dürften. Wir haben demgemäß volle Veranlassung, das Dr. G r u nw a l d sche Werk Beruria auch nach der von uns angedeuteten Richtung wärmstens zu empfehlen. Baden, im August 1907. *) Die Musikliteratur besitzt allerdings viele, zumeist der jüdischen Geschichte entnommene Oratorientexte, wie: Messias, Elias, Moses. Jephta rc., doch sind dieselben allesamt in christlichem Sinne prävariert, und schon der selige L e w a n d o w s k i beklagte es, daß selbst Form und Inhalt der deutschen Psalmübersetzungen dieses christliche Wahrzeichen an sich tragen. fiuMatioiicu des öfterr.-ung. Jtuntoren-lereines. Zllit Rücksicht auf die für die Vereinsgebahrung bedrohliche Häufung von Rückständen werden die f>. C- Vereinsmitglieder hiermit ersucht, die rückständigen und laufenden Asllcht- und Rtitgliederbeiträge (2 Aronen pro Quartal) an den Vereinskassier, Herrn I. Aantor 5. Iurberg er, II. Tempelgasse 5 einzuscbicken. Im Falle der Nichteinhaltung der statutarischen Einzahlungen seitens der Nutglieder wird der Vorstand gezwungen sein, genau nach den Bestimmungen der Statuten vorzugehen.

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