Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 34 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion ». Sldministraliou: Wie», II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. iliUevats: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 35 Heller. AdoiinemculSn. Juierlionsbelräge sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeitschrift für jüöische Interessent Erscheint jeden Kreitng. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ |j Kerngspyeis: j| Ganzjährig ... ft. >4.— Halbjährig . . . ft. 7.—! i!j Für Cultusbeamte: || >ti„uzjährig ... ft. 10.- i| Für Ausland: j l!! Ganzjährig . . . s Mark | 6 'Jiiiöel oder 16 FcS. Pr. 34. Wien, 3V. August 1007. Inhalt: Aus der Woche. — Die Synagoge und ihre allmähliche Entwicklung. — Aus Ungarn. — Der VIII. Zionistenkougreß im Haag. — Der wissenschaftliche Antisemitismus. — Aus der territorialistischen Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. Ans der Woche. Graf Sternberg ist, man mag sonst wie immer von seinen geistigen Fähigkeiten denken, jedenfalls ein origineller Kopf, der sich mit allen Fragen des öffentlichen Lebens beschäftigt. Also auch mit der Judenfrage. Er hat wiederholt schon Gelegenheit genommen, feine Meinungen über diese brennende Frage zu äußern, aus der wohl noch heute viele Judenhasser, wie im Mittelalter, eine Scheiterhaufenfrage machen möchten. Graf Sternberg hat mit seinen Ansichten über die Inden 'ein kurioses Schicksal. Oder vielmehr die Juden erlitten in seinen Ausführungen ein kurioses Schicksal. Graf Sternberg spricht bald philosemitisch, bald antisemitisch und — in glücklichen Momenten — er spricht auch hie und da objektiv, vernünftig und gerecht. Auch in feiner jüngsten Marienbader Juden-Rede hat Graf Sternberg alles mögliche, und unmögliche zur Lösung der Frage vorgeschlagen, vernünftiges und auch unvernünftiges. Da sich Graf Steruberg so viel mit den Juden beschäftigt, ist es wohl auch nur am Platze, daß wir seiner Rede Aufmerksamkeit schenken. 4- * * Einleitend bemerkte Graf Sternberg, der vor einem ungemischt jüdischen Auditorium sprach, u. A.: „Sie werden staunen, daß ein konservativer, czechischkatholischer Abgeordneter heute hier das Wort ergreift und in Ihrer Mitte die Judenfrage behandelt. Ich fühle mich geschmeichelt, daß Sie mir Vertrauen in meinen weltbürgerlichen Sinn und meine Gerechtigkeitsliebe entgegenbringen, und ohne Scheu vor den Anfeindungen, welche mir von gewisser Seite nicht erspart bleiben werden, entledige ich mich freudig dieser Aufgabe. Die Judenfrage ist eine ebenso heikle Frage als sie rezent ist. Durch Einführung des allgemeinen Stimmrechtes würde sie noch rezenter gemacht. Man sieht dies bei der Parteibildung im neuen Parlament. DieVerbrüderung der Los von Rom-Alldeutschen mit den schwarzgelben Christlich sozialen hat sich nur mit demBandedesJudenhassesknüpfen können. Der Ausschluß der Ofner, Hock und Kuranda aus der liberalen Partei beweist am besten, welch tiefe Kluft heute zwischen arisch und semitisch gähnt." Es ist eine Wahrheit, die Graf Sternberg konstatiert, wenn er die Verbrüderung der Los von Rom-Alldeutschen mit den schwarzgelben Christlichsozialen — die sich sonst wie Todfeinde gegenüber standen — mit dem gemeinsamen — Judenhaß erklärt, in dem sie sich (man denkt da an ein unästhetisches Bild Heines) gleich verstanden. Es ist nicht minder richtig, wenn er den Ausschluß von! Hock, Ofner und Kuranda als Beweise dafür erbringt, wie j eigentlich die nationalen freisinnigen Deutschen, wenn es sich! um die Juden handelt, nur national und gar nicht freisinnig j sind. Die Juden haben allen Grund, sich diese Erklärungen des j Grafen Sternberg zu merken . ..! * I Nach diesen sehr richtigen und treffenden Bemerkungen! hält es Graf Sternberg dringend an der Zeit, einiges Unrichtiges und Falsches vorzubringen. Er sagte z. B. u. A.: „Das westeuropäische Judentum stellt nur den Mittelstand dar. Der Mann in der blauen Blouse fehlt. Das stempelt das Judentum nicht nur zu einer Religionsgenossenschaft und einer Rasse, sondern auch zu einer Kaste. Dies verdanken die Juden ihrem ganz ungewöhnlichen Familiensinne und ihrem Solidaritätsgefühle, wodurch sie auch leine unüberwindliche Macht geworden sind!" Oho, Herr Graf! Wo leben Sie denn, daß Sie keine Ahnung davon haben, daß die Juden nicht bloß im Mittelstand, sondern auch im Arbeiterstand mit ungezählten Tausenden und Abertausenden vertreten sind? Der Mann in der Blonse — wenn damit der arme Proletarier, der hart und schwer Arbeitende gemeint sein soll, fehlt nicht, und Graf Sternberg sollte sich nur die Mühe geben, die Frage, die er besprach, gründlicher zu studieren und er wird, so viel setzen wir von seiner Wahrheitsliebe voraus, nicht Behauptungen aufstellen, die dem Kenner der Verhältnisse geradezu absurd erscheinen. Die Behauptung, daß der Mann in der Blouse fehlt — die ist nur dem von Verlogenheiten, Fälschungen und Verläumdungen strotzendem Arsenal entnommen. Auch der Hinweis auf das „Solidaritätsgefühl" der Juden ist von einer schillernden Zweideutigkeit. Graf Sternberg wollte gewiß damit nicht — wie es die Antisemiten tun — die Solidarität des Judentums selbst mit jüdischen Verbrechern proklamieren. Aber leider hätte Graf Sternberg auch damit nicht recht, wenn er die Solidarität der Juden im Kampfe für Recht und Wahrheit betonen wollte. Es wäre zu wünschen, daß diese Solidarität gehegt und gepflegt werde. Aber leider ist sie nur zu oft zu vermissen. Zum Schluß kam Graf S ternb er g zur Frage, wie sich die große Masse der Juden vor der Verfolgung schützen solle. Und da gibt es, meinteer, zwei Wege: die Ass im i l i e r u n g und die I s o l i e r u n g. Der erftere Weg ist der in Westeuropa betretene, den letzteren streben die Zionisten an. In Ländern, wie zum Beispiel England, wo das Judentum wenig verbreitet ist, bleibt ihm keine andere Politik als die der Assimilierung übrig. Bei uns in Oesterreich ist sie, sagt er, ja ■ Ihr 1» —- --