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Die Wahrheit · 1907-08-16 · Heft 32 (16.8.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 32 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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m. 32 Die Wahrheit Seite 9. von dem des in jugendlichem Alter von 35 Jahren dahingerafften, redlichen Gewerbetreibenden Herrn S ch ö n m a n n Mör jun., der eine trostlose Witwe und drei unmündige Kinder zurückließ, und schon wieder hat der Tod in unserer Gemeinde eine tiefe Lücke gerissen. Der langjährige Diener unserer Kultusgemeinde, Herr Ludwig L i e b m a n n, starb vergangenen Sonntag eines plötzlichen Todes im Alter von 55 Jahren. Herr L i e b m a n n war ein wahrhaftiger föiM "nj7 der Kultusgemeinde und ihrer Institutionen. Er verstand es durch seine außergewöhnliche Zuvorkommenheit die Liebe und Achtung von Klein und Groß zu erwerben. Kein Haus, wo nicht das freundliche Gesicht des beliebten Mannes vermißt wird. Ehrw. Herr Rabbiner M a r m o r st e i n verglich ihn in seiner Trauerrede mit Recht dem Eliezer in der Bibel, denn er hing auch in Treue und Redlichkeit an seiner Gemeinde, die ihm auch ein ehrendes Andenken bewahren wird. Eine imvosante Tcauergemeinde begleitete den Sarg dieses biederen Mannes. — Am daranffolgenden Tage verschied hier im Alter von 88 Jahren, Herr Salamon Spitzer, einer der letzten von der hierortigen Talmudisten-Garde. die noch vom hochberühmten Rabbi Juda A s z o d ges. And. den *ma Ehrentitel erhielten. Der Verblichene wirkte lange Jahre hindurch in uneigennützigster Weise als ^ITÖ. in der Gemeinde und erfreute sich allgemeiner Achtung. Eine angesehene Verwandtschaft betrauert den Heimgang dieses ehrwürdigen Greises und hielten an seiner Bahre die Herren Rabbiner M a r m o r st e i n und Rabbiner-Assistent Feuer Gedenkreden. .TS'Ä'm Budapest. Der Vorstand der Pester isr. Religionsgemeinde hat an den Oberrabbinec in Altofen Dr. Elias Adler folgende Zuschrift gerichtet : Hochwürdiger Herr! Die am 29. Juli abgehaltene General-Versammlung unserer Revräsentanz hat Euer Hochwürden als den gesetzlich gewählten Rabbiner unserer Gemeinde erklärt. Indem wir nun die Ehre haben, Sie hievon amtlich zu verständigen, drücken wir über dieses Resultat unsere Freude ans und begrüßen Sie innigst als unseren Rabbiner. Wir hoffen, daß Ihr Pflichteifer und Ihre Bestrebungen auf dem Gebiete unseres konfessionellen Lebens solch glänzende Erfolge erzielen werden, daß wir stets mit Beruhigung auf die Tätigkeit Eurer Hochwürden werden blicken können. Aber auch Euer Hochwürden dürften gewiß stets mit seelischer Genngtiittng ans die Früchte blicken können, zu deren Reife auch Sie in hervorragender Weise beitragen werden. Die Zeit und die Modalitäten der Installation werden wir uns erlauben, mit Euer Hochwürden bei einer späteren Gelegenheit zu vereinbaren. Gleichzeitig begrüßen wir Sie nochmals und verbleiben mit glanbensbrüderlrchem Gruße und mit vorzüglicher Hochachtung: Der Vorstand der Pester israel. Religionsgemeinde: Dr. W e i n in a n n ru. p., Präsident. Dr. Weiszbnrg m. p.. Generalsekretär. Budavest, 30. Juli 1907. — Mittlerweile wurde bereits die Zeit der Installation Dr. Adlers als Pester Rabbiner anberaumt. Dieselbe wird im Rahmen des Freitag-Abend-Gottesdienstes am 30. d. M. in der Rombach-Shnagoge vollzogen werden. D. H. 8. Paris. Im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten sind beunruhigende Nachrichten aus Casablanca eingetroffen. Die Marokkaner haben das Judenviertel angezündet und eine g r o ß e A n z a h l I u d e n erschlagen. Sechs französische und spanische Kriegsschiffe liegen ans der Rhede vor der Stadt. Die verbündeten Franzosen und Spanier haben 1500 Mann Infanterie gelandet. Die Europäer befinden sich in den Schissen und in den Konsulaten in Sicherheit. Hamburg. (H a m b u r g - A m e r i k a - L i n i e.) Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach N ew- York: Die Postdampser: Amerika 8./S., Pretoria 10./S., Schnellpostdampfer Deutschland 15./S., die Postdampfer: Patricia 17./8., Kaiserin Auguste Victoria 22./8, President Lincoln 24./S., Blücher 29./Ö., Graf Waldersee 31./8., Oceana 4./9., Amerika 5./9. Nach B o st o n: Die Postdampfer: Silvia 9./8., Artemisia 20./8., Bethania 31./S. Nach Baltimore: Die Postdampser: Silvia 9./8., Artemisia 20./8., Bethania 31./8. Nach Philadelphia: Die Postdampser: Pisa 7./8., Andalusia 17./8. Nach Neworleans: Postdampser Rapallo 12./9. Nach Westindien: Die Postdampser: Constantia 8./8., Sardinia 10./8., Cheruskia 16./S., Calabria 24./8. Nach Mexiko: Die Postdampser: Kronprinzessin Cecilie 14./8., Sachsenwald 17./8. Nach Ostasien: Die Postdampser: Suevia 10./8., Brisgavia 16./S., Hohenstaufen 20./8., Senegambia 25./S., Sithonia 30./8. Arabisch-Persischer D i e n st: Die Postdampser: Cauadia 15./8., Assyria 24./S._ AtLUlWeH. (Fortsetzung.) Der Vorgang im Gasthanse mar so geschickt arrangiert und so schnell ausgeführt, daß keiner von der Lebensteinschen Familie ihli wahrnahm, und erst als Leute meldeten, daß sich Lebel unter den Angeworbenen besinde, waren alle außer sich. Frau Rachel und Resel geberdeten sich wie wahnsinnig und waren Tröstungen gar nicht zugänglich. Die angesehensten Leute der Gemeinde kamen herbei, das Bedienen hatte ausgehörl, die Gäste wurden ersucht, das Lokal zu verlassen, die Türe wurde geschlossen und eine lange Beratung gepstogen. Das Ergebnis derselben war, bei der Kommission gegen die Werbung, die gewaltsam vollzogen wurde, zu protestieren. Als die Abordnung zum Stadthause kam, erfuhr sie, daß der Schwurakt bereits vorüber sei und die Kommission am nächsten Morgen abreisen werde. Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als sich von Lebel zu verabschieden. Als Lebel seinen Vater erblickte, stürzte er auf ihn zu und rief in vorwurfsvollem Tone: ..Tate, wo ist die Broche des Deden? Also zu dem soll ich bestimmt sein, unter solchen Leuten meine jungen Jahre zu verbringen?" Reb Chajim faßte die Hände seines Sohnes und sagte besänftigend: „Sei getrost, mein Sohn, die Broche meines Taten wird Dich begleiten auf allen Deinen Wegen, auch wenn Du Soldat bist; verspreche mir nur, stets an dem Glauben unserer Väter festzuhalten." Dann legte er seine Hände segnend auf Lebels Haupt und sprach inbrünstig das Gebet: „Der Allmächtige segne Dich, Gott erleuchte Dich, der Ewige wende Dir sein Antlitz zu, der Herr verleihe Dir Glückseligkeit." Die Anwesenden sagten den heiligen Spruch wehmutsvoll nach, einige brachen in Tränen aus und die noch nüchternen Soldaten hörten dies staunend an,, so daß der wüste Lärm plötzlich verstummte. Der Abschied von Lebel war rührend; Reb Chajim versprach ihm, Mutter, Schwester und die Verwandten herzusenden, jedoch unter der Bedingung, daß keine Jammerszene ausgeführt werde. Als sie mit Spannung erwartet heimkamen und gemeldet hatten, daß keine Hoffnung sei. Lebel los zu machen, erneuerten sich die Jeremiaden. Trotz des gegebenen Versprechens, war der Abschied herzzerreißend, und nur durch mehrmaliges energisches Drängen des wachhabenden Korporals wurde es möglich, die Frauen aus der Wachstube zu entfernen. Als Lebel allein war, warf er sich auf eine Pritsche, ballte in höchster Erregung sein Faust und murmelte die Worte vor sich hin: „Nein, bevor unter diesen Leuten, lieber den Tod!" Eine große Ermattung kam über ihn, seine Augenlider schlossen sich und trotz des wüsten Lärmes schlief er ein. Ein Traumgebilde umgaukelte ihn. Er sah seinen Großvater mit dem herabwallenden weißen Bart in einem Lehnstuhl sitzen, und, wie er es in seinen Knabeujahren so oft getan hatte, barg er sein Angesicht in dessen Schoß und brach in Helle Tränen aus. Der Großvater zog ihm sanft den Kopf in die Höhe und sprach zu ihm mit tröstenden Worten: „Weine nicht, mein Kind, Gott rechnet Dir das gewaltsam abgerungene Gelöbnis nicht als heiligen Schwur an, er wird Dir auch weiter beistehen und Deine Pläne gelingen lassen, Du wirst zu Ehre und Wohlhabenheit gelangen, umgeben von einer großen Schar von Kindern, Enkeln und Urenkeln ein hohes Alter erreichen und, wenn einst Dein Erdenlauf vollendet ist, in heimatlicher Erde an der Seite Deines Vaters ins Grab gesenkt werden!" Die Trostesworte des Großvaters richteten ihn seelisch und körperlich auf, ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust und er erwachte. Die helle Mondscheibe leuchtete durch die schmutzigen Fensterscheiben hinein. Lebel sah dies als gute Vorbedeutung an und rief sich ermunternd zu: „Ja, das ist unseres Lehrers Moses Antlitz, er winkt mir zu, jetzt auf zur Tat!" Behutsam öffnete er das Fenster, sah die Schildwache vorbeipatrouillieren und als der Posten um die Ecke bog, schwang er sich aufs Fensterbrett und war mit einem Satze auf der Erde. Wie ein Maulwurf schlich er sich die Mauer entlang dem Garten zu, sprang über den niederen Zaun und lief die Wiese entlang dem Walde zu. Erst nach dreistündigem Laufen gönnte er sich Rast. Dann schritt er rasch weiter, kam auf den ihm bekannten Gehweg, stieg den Bergabhang hinab, wusch sich an der Quelle und verrichtete gehend sein Morgengebet. Als dies beendet war, nahm er aus seinem Bündel ein Stück Brod und Schafkäse, das er mit einem Heißhunger verzehrte. So wanderle er den Beskiden zu, bis er nach dem im Gebirge zerstreut liegenden, durch seine Rastelbinder bekannten Dorfe Rowne kam, wo sein Vetter Mordche ein Wirtshaus und Propination inne hatte. Hinter den Häusern ging er in den Hos und frug nach dem Pan. Als man ihm bedeutete, daß er im Wirtshause sei. begab er sich dahin. Mit stummem Gruße trat er an seinen Vetter heran, der eben am Schranke mit Verabreichen von Getränken beschäftigt war, und legte zum Zeichen des Schweigens die Finger an seine Lippen. (Fortsetzung folgt.)

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