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Die Wahrheit · 1907-08-02 · Heft 30 (2.8.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 30 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 30. Die Wahrheit Leite 9. Stern, den Direktor der Zsolnayschen Fabrik in Budapest Alexander F ö r st n e r, den Direktor der Bndapester Leopoldstädter Sparkassa Beta B e e r u. A. Ferner erschien das vollzählige gräfl. EszterhLzysche Beamtenkorps unter Führung des Oberbuchhalters Ludwig D e a t und der gräfl. Obergärtner I ä m r i t überbrachte im Namen und im Aufträge Seiner Exzellenz wirklichen Geheimrates und — was doch gewiß bezeichnend ist — des Führers der Volkspartei Grafen Nikolaus Moriz Eszterhä-zy einen prachtvollen Kranz, dessen Bandschleifen die gräflichen Farben, gelb und blau, aufwiesen. Herr Jämrik überbrachte auch der gebeugten Witwe und den trauernden Hinterbliebenen die innigste Kondolenz Seiner Exzellenz. Es nutß ganz besonders betont werden, daß seitens Sr. Exzellenz bis nun noch keinem Csä.kvä.rer eine solch ehrende Auszeichnung zuteil wurde und zum ersten Male gerade einem Sohne Israels galt. Ihr Erscheinen haben bedauernd entschuldigt die Herren: Ludwig Adler, Vorsteher der Pester isr. Religionsgemeinde, welcher derzeit sich in Gastein befindet, Professor Dr. Stern- Budapest, der Präsident der Moorer Jsraelitengemeinde 0r. jur. Josef Heumann. Direktor Eduard Stern- Budapest, D. H. Spitze r-Bndapest u. A. D. H. Spitzer wollte seinem Herzensfreunde den wohlverdienten Nachruf halten, da er aber nicht anwesend sein konnte, las Vorsteher Stern unter tiefer Ergriffenheit der Trauerversammlung den Abschiedsgruß Spitzers im Sterbezimmer angesichts der Leiche vor. Hierauf wurde der schmucklose Holzsarg mit der Leiche in den Hof gebracht, woselbst Rabbiner Jakob Taub aus Lovasbersny die Trauerrede hielt. Anknüpfend an den hebräischen Namen des Verewigten, welcher Baruch hieß, führte der gewandte Redner aus, daß der Heimgegangene in Wirklichkeit ein Gesegneter gewesen ist. Gott ließ das Werk seiner Hände woblgelingen, segnete sein Haus und sein Geschäft, beglückte ihn mit einer überaus treuen Lebensgefährtin, gab ihm Kinder, die alle geachtete Lebeilsstelluilgen innehaben, wackere Schwiegertöchter, einen braven Schwiegersohn und ließ ihn sich erfreuen an dem Anblicke lieblicher Enkelkinder. Zudem wurden ihm ungesuchte Ehren erwiesen und ihm allüberall Anerkennung gezollt. Die wirkungsvolle Rede machte auf die Anwesenden sichtlichen Eindruck. Nun wurde der Sarg auf den Trauerwagen gehoben und die Menschenmenge gab der Leiche in unabsehbarem Zuge zu Fuß das Geleite bis zum Grabe. Vor demselben ergriff Dr. ,jur. Josef Spitze r-Budapest das Wort. Er warf die Fragen auf: Wer kann ruhig weilen auf seiner letzten Lagerstätte, und wer kann sanft neigen das Haupt zum ewigen Schlafe? Nur derjenige, der als Mensch seine Pflichten getreu erfüllt hat, und das ist bei dem Seligentschlafenen sicherlich der Fall. Mit ihm steigt ein treuer Bürger, ein gläubiger Jude, ein edler, guter Mensch und das Musterbild eines Familienoberhauptes in das Grab. Möge er daselbst sanft ruhen und Gott mit ihm sein! . . . Dr. ll'osst'ssotua. Miava. Herr Kantor Regner aus Wien, der derzeit hier zum Sommeraufenthalt weilt, hat auf Ansuchen der hiesigen isr. Kulmsgemeinde am verflossenen Freitag und Samstag vorgebetet. Seine höchst angenehme Stimme und sein herrlicher Vortrag fanden bei dem andächtig lauschenden Publikum Bewunderung und Anerkennung. Tübingen. (Wo lag das Paradies?) Diese, die moderne Kulturmenschheit gerade nicht übermäßig plagende Frage ist jetzt glücklich gelöst. Dr. R i e ß l e r, Professor an der katholisch-theologischen Fakultät an der Universität Tübingen, der den Lehrstnhl für alttestameutarische Exegese innehat, führte sich mit einer Antrittsvorlesung über dieses Thema ein. Er weiß es ganz genau. Das Paradies lag in Mesopotamien, an der großen Krümmungsstelle des Euphrat bei Balis, nicht weit von der Einmündung des Belich in den Euphrat, wo sich in späterer Zeit noch ein großer herrlicher Park Nachweisen lasse. — Na, na! Berlin. Ein Komitee, an dessen Spitze Herr Rechtsanwalt Doktor Friedländer steht, hat beschlossen, eine sogenannte „Privatgemeinde" ins Leben zu rufen und den von der Berliner Gemeinde gemaßregelten Herrn Rabbiner Dr. Emil Cohn an ihre Spitze zu stellen. Zunächst veranstaltet das Komitee am kommenden Rosch Haschanah und Jom Kippur Festgottesdienst im Künstlerhause (Bellevuestraßej, bei welchem Herr Dr. Cohn predigen wird. Stuttgart. Der königl. Studienrat hat verfügt, daß an allen Gymnasien und Realschulen des Landes Schulen zur Teilnahme am jüdischen Religionsunterricht obligatorisch verpflichtet sind. Dieser wichtige Erfolg ist einer Eingabe des württembergischen Rabbiner-Verbandes zu danken. Hamburg. Nach einem mit vielem Beifall aufgenommenen Probevortrag wurde Herr Einil Groß, Kantor in Wien (Fugbach-Synagoge), als Oberkantor an der Synagoge des deutsch-israelitischen Synagogen- Verbandes akzeptiert und wird derselbe am 15. August sein Amt antreten. Paris. Oberst M. Samuel ist zum Direktor der Artillerieschule in Epinal, Eskadronschef Valabrögue zum Oberstleutnant, Hauptmann S. L e v y zum Bataillonskommandeur befördert worden. Jerusalem. Herrn Ephraim Cohn, Direktor der Lämel-Schule und des Lehrerseminars des „Hilfsvereins der Deutschen Juden", ist vom Kaiser von Oesterreich der F r a n z I o s e f s - O r d e n verliehen worden. Teheran. Die angebliche Gefangenhaltung einer muhammedanischen Frau im Judenviertel hätte jüngst, beinahe zu einer Metzelei gegen die Juden geführt. Glücklicherweise traten die Behörden zur rechten Zeit dazwischen; doch waren schon etwa zwanzig Juden verwundet worden. Der Stadtteil wird jetzt bewacht. Peru. Die Zentral- und südamerikanischen Republiken haben ein seltsames Verhältnis zu den Juden. In Peru verbietet das Gesetz die Erbauung von Synagogen. In B o l i v i a wurde die öffentliche Ausübung der religiösen Hebungen jedes Bekenntnisses erst am 27. August v. I. gestattet. Alt Marjim. Novelle von Babette Fried-Prag. (Schluß.) Aller Groll war bei diesen Worten aus dem Herzen des Grafen geschwunden, aber auch alle Liebe, welche er einst für die unglückliche Frau gefühlt hatte. Nichts war übrig geblieben, als ein grenzenloses Mitleid und ein gewisses Pflichtgefühl, welches ihm sagte, daß er die Frau, welche er liebte, die seinen Namen getragen, nicht dem Elende preisgeben dürfte. Nach kurzem Nachsinnen sagte er: „Hier auf dem Schlosse können Sie nicht bleiben, schon der Dienerschaft wegen geht es nicht an, und der Kinder wegen, die öfters nach Hause kommen. Aber ich weiß eine Stätte, wo Sie alle notwendige Pflege finden werden, wo es Ihnen an nichts fehlen wird. Ich selbst will Sie dahin bringen. Wollen Sie sich mir anvertraueu, Madame?' Dank, vom Herzen Dank!" erwiderte sie. Der Wagen, welcher Mathilde gebracht, hatte bereits den Schloßhof verlassen. Gras Berthold ließ seinen Wagen anspannen und fuhr mit seiner Gemahlin, die er allen Leuten gegenüber wie eine Fremde behandelte, hinunter in die Kille, wo er vor dem kleinen Häuschen Chajims anhalten ließ. Artig half er der bleichen Frau ans dem Wagen und führte sie in das kleine Stübchen, das seine alte treue Marjim bewohnte. „Ich bringe Dir einen Gast, den Du bei Dir ansnehmen, gut pflegen, und mit allem Nötigen versorgen sollst, mir zu Liebe." Ohne der Fremden ein Wort des Abschiedes zu sagen, entfernte sich der Graf. Die kranke Frau zitterte am ganzen Körper. Mitleidsvoll näherte sich ihr die Alte, um ihr bei Ablegung der Kleidungsstücke behülflich zu sein. Als sie ihr Hut imd Schleier abgenommen hatte und in das blasse, todestraurige Gesicht blickte, stieß die Greisin einen markerschütternden Schrei aus: »Esther!" „Esther, so hieß meine Mutter, nicht ich; ich heiße Mathilde." „Kind meiner Tochter!" rief Marjim mit von Tränen erstickter Stimme aus. „Ich habe Dich sofort erkannt, an der Aehnlichkeit mit meinem unglücklichen Kinde." „Meine Mama war nicht unglücklich. Sie lebte, geliebt von meinem Vater, der sie im Auslande geheiratet hat, in der glücklichsten Ehe. Unglücklich bin nur ich; denn ich bin schuldig." Was Mathilde ihrer Großmutter erzählte, wissen wir; doch nicht das Eine, daß sie Schauspielerin wurde nach dem frühen Tode der Mlltter, daß sie als solche Graf Berthold kennen gelernt und geheiratet, und dann später mit dem englischen Maler auf- und davongegangen war. Doch das Schicksal hat es bitter an ihr gerächt, daß sie ihren edlen Gemahl betrogen und verlassen hatte. Denn auch sie war von ihrem Verführer verlassen und dem Elende preisgegeben worden. Den letzten Rest ihrer Habe wendete sie daran, um zu ihrem Gemahl zu reisen und seine Verzeihung zu erbitten. Jüdin war sie nicht; sie war schon längst Christin geworden. Trotzdem wurde sie von ihrer Großmutter mit jeder möglichen Pflege umgeben. — Der Graf versorgte Alt-Marjim, reichlich mit allem, was zur Pflege und Erhaltung der Kranken notwendig war, war aber während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mifl ch ber Kille gewesen, um nach der Kranken zu sehen, oder auch nur sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Das Lungenleiden Mathildens war schon so weit vorgeschritten, daß alle ärztliche Kunst und alle Pflege sie nicht erhalten konnten. In den Armen Marjims war sie während einer stürmischen Märznacht entschlummert. Nicht in der Familiengruft der Sokolov, wohl aber auf dem zum Kirchspiele gehörigen christlichen Kirchhofe fand Mathilde, die Tochter Esther Lederers, ihre letzte Ruhe nach einem wildbewegten Leben. Marjim betrauerte die Heimgegangene so herzlich, wie sie die eigene Tochter betrauert hätte. Dankte sie es ja ihr, daß ihr sehnsüchtiger Wunsch, Nachricht über das Schicksal der Verschollenen zu erhalten, erfüllt wurde. Durch ihr Verhalten zu Mathilde hielt Alt-Marjim die Schuld gegen deren Mutter gesühnt, und mit gläubigem, gottergebenem Sinne harrte sie des Augenblickes, wenn Gott sie aus diesem Leben abberufen würde.

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