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Die Wahrheit · 1907-08-02 · Heft 30 (2.8.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 30 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahrchsit Redaktion «. Sldnnilislialiou: Wien, 11/, viovaragasse 27 Televhon Rr. der Druckerei I53US. Inlerntc Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. RdonucmenlSu. Zniciuonsbeträge und in Wie» zahlbar und klagbar. nakhängige Jeitschrifl für Mische Interessen^ Erscheint jeden Kreitng. Uoilo: ,^Das Siegel Godes ist Wahrheit!“! Gerngsprreis-: |j Äanzjährig . . . jt. >4.— j j| Halbjährig . Jt. 7.— j!j Für Cultnsdeulnte:! 'Ganzjährig . . St io-; ’ I Für AnSlmid: j l r8»>lzlävrig . . . s üJJuvf j! Ü Rudei oder lü FcS. > Ur. 30. Wien, 2. August S007. Inhalt: Aus der Wvche. — Quodlibet. — Zum 60 jährigen Regierungsjubiläum unseres Kaisers. — Vorschlag zur Errichtung eines Muster- Gewerbeheimes.— Das nationale Judentum — Die „echten Russen" und das Judengeld. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjim. Ans der Woche. Eine erschütternde Trauerbotschaft: Morris Rosenfeld ist gestorben. Noch llicht alt, von Krankheit und Not gebrochen, in — Elend und Armut gestorben! Diese Tatsache wird ein trauriges Blatt in der Geschichte der Juden unserer Zeit füllen. Denn Morris Rosenfeld, der arme russische Schneidergeselle, der die Nadel in den zitternden Händen führen mußte, um Brod für die Seinen zu finden, war ein Dichter von Gottes Gnaden. Seine Gedichte waren zwar im Jargon geschrieben, aber sie athmeten jene Innigkeit und Wärme, waren von jener Schönheit umflossen, die ihnen dauernden Wert sichert. Die kritischesten Köpfe, die die Werke dieses Jargondichters geprüft, waren einig darin, daß Rosenfeld einen Platz unter den ersten Lyrikern der Weltliteratur sich erworben hätte, wenn er seine Gedichte in einer der Kultursprachen geschrieben und wenn er es vermocht hätte den Kreis seiner Themen, die nicht über das traurige Schicksal seines Volkes hinansgingen, zu erweitern. Diese Bemängelung ändert aber nichts daran, daß Rosenfeld eine Erscheinung war, die seinen Glaubensgenossen unter allen Umständen die tiefste Sympathie und die höchste Bewunderung einflößen mußte, und es wird ein ewiger Vorwurf für seine jüdischen Zeitgenossen bleiben, daß sie den Dichter, der für die Seele des Judentums, für das Unglück der Verfolgten und Bedrückten so neue, ergreifende Töne gefunden, in Armut und Dürftigkeit verkommen ließen. Morris Rosenfeld hat seine Armut in stolzer Verborgeuheit getragen, man hätte ihm vielleicht Almosen gespendet, wenn er seine Notlage auf den Markt getragen hätte. Das wollte der edle, stolze Mann nicht. ... Aber seine Bücher waren auf dem Markt zu sehen. .. . Man hätte sie nur kaufen müssen, und seiner Not wäre ein Ende bereitet gewesen. Aber die reichen und die wohlhabenden Juden fühlen nicht die Pflicht ihren Schriftstellern, ihren Denkern und Dichtern in der würdigen Weise zu helfen, daß sie ihre Werke kaufen. Für Logen und Parkettsitze in b en Theatern gibtjedejüdischeFamiliein einem Jahre mehr Geld ans als zeitlebens für Bücher aus der j ü di schenLiteratu r. * * -i- Man kauft nicht die Bücher der jüdischen Schriftsteller, man kennt auch nicht ihre Werke. Dieser Vorwurf trifft selbstverständlich in erster Reihe die Juden selbst. Es entschuldigt sie wohl auch nicht der Umstand, daß reine Unkenntnis des Judentums und seiner Wissenschaft, auch bei den katholischen und protestantischen Theologen zu beklagen ist, die bei jeder Gelegenheit sich berufen fühlen, über das Judentum zu urteilen. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann hat in einer Polemik gegen Professor Ob er Hummer treffliche Bemerkungen über dieses Thema gemacht, welches schon früher hervorragende jüdische Gelehrte — wir erinnern nur an die ausgezeichnete Schrift des leider so früh verstorbenen Professor Kauf m a n n gegen L a g a r d e — zu scharfen Rekriminationen veranlaßt hatte. Güdemann schreibt, — angeregt durch einen Artikel, den Herr Professor Oberhummer unter dem Titel „Anathema sit“ in der „N. Fr. Pr." veröffentlichte, u. A.: Herr Professor Oberhummer sagt: ..Es ist derselbe Geist, der Sokrates verurteilte und den Bannfluch des russischen Klerus gegen Tolstoj diktierte, der sich auch in der protestantischen Orthodoxie eingenistet hat und den finsteren Fanatiker Calvin in Gens den Scheiterhaufen für Michael Servet errichten ließ, der in der jüdischen Synagoge seit den Zeiten der Pharisäer nicht ausgestorben ist." Mit Verlaub. Man mag über die Pharisäer denken wie man will, aber sie haben niemals Scheiterhaufen für Ketzer errichtet, noch sie mit B a n n f l ü ch e n verfolgt, dagegen haben sie die Weisheitslehren des Ketzers E lisa den Ab uja, genannt Ach er, neben den Aussprüchen Hillels und anderer in den „Sprüchen der Väter" aufbewahrt. Daß die Schilderung der Pharisäer im Neuen Testament eine einseitige ist, und daß sie es waren, die den prophetischen Monotheismus für die Welt gerettet haben, geben auch Vertreter der wissenschaftlichen protestantischen Theologie wie Reuß, Kuenen, Baumann, Wellhausen. Bousset zu. Die Ausstoßung Spinozas — der einzige derartige Fall von Notorietät in der „Synagoge" — war sicher nicht im Geiste der Pharisäer, sondern erfolgte unter dem Hochdruck der christlichen Theologie in Holland, dem auch die Juden nachgaben." * Man wird zugeben müssen, daß die Ausführungen Güdemanns von einer ruhigen, wissenschaftlichen Sachlichkeit sind, die jeden Freund der Wahrheit sympathisch berühren müssen. Aus dem folgenden wird man nicht bloß den eifrigen Juden, sondern auch den ehrlichen Gelehrten heraushören. Dr. Güdemann zitiert eine zweite Stelle Oberhummers, in welchem es heißt: „Dem Erbfeind der Christenheit, den mohammedanischen Arabern, gebührt das Verdienst, im Mittelalter die Ergebnisse exakter Forschung der Griechen gepflegt und weiter gebildet zu haben, die dann erst durch ihre Vermittlung seit dem dreizehnten Jahrhundert im Abendlande wieder Eingang fanden." Hiezu be- | merkt Dr. Güdemann: „Richtig, aber diesen Eingang vermittelte

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