Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahrcheit Redaktion u. SJlbmuiifli ntiou: Wien, 11/, Novaragasse 27. Televho» Rr. der Drnct-r-l Unabhängige Aeitfchrift für jüöifche Kezngstnreis: Ganzjährig . . . ft. 14.— Halbjährig ... ft. 7 — 153US. Inlvratc Interessen. Für kultii^beumte: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- ». Insertion«- G.inzjährig . . . R. io.— Erscheint jeden Areitng. Für Ailslnild: betrage sind in Wien zahlbar Ganzjährig . . . s Mark und klagbar. Motto : „Dits Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ü Rubel oder 16 ,;c«. Ar. 29 Wien. 26. Inii mw Inhalt: Aus der Woche. — Zukunftsfragen. — Aus einer schlesischen Gemeinde. — Jewish Colonisation Association. — Aus der territorialistischeu Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjim. — Pflichterfüllung! Ans der Woche. j Die Affaire des jungen Gelehrten Eisler, auf welche! sich die Christlichsozialen mit soviel Leidenschaft geworfen hatten, wurde von dem Abg. Sturm und Genossen auch zu einer! Interpellation ausgeschrotet, welche von hämischen Angriffen I auf das ' Judentum strotzte. Der Bücherdiebstahl Eislers hat! freilich so wenig mit dem Judentum zu tun. als seinerzeit die j Interpellation Sturms in der Hilsner-Affaire mit der — j Wahrheit. Aber was tuts? Zur Hetze gegen die Juden muß j alles herbeigezogen werden. Die Beantwortung der Interpellation! durch den Unterrichtsminister wird allerdings den Wünschen j der Christlichsozialen wenig entsprochen haben. Der Minister > erklärte, daß bei der Auswahl der Stipendisten mit vollster! Objektivität vorgegangen wird, daß Eisler also wegen seiner j wissenschaftlichen Leistungen das Stipendium erhielt. Den Klerikalen j wird es aber noch besonders in die Nase gerochen haben, daß i der Unterrichtsminister als Beweis, daß man die besondere; Würdigkeit Eislers voraussetzen durfte, folgendes ansührte:! Derselbe war kurz vorher von dem Institutsdirektor P a st ö r — einem von den Klerikalen hochgeschätzten Mann — dem Papst ' in besonderer Audienz vorgestellt worden. Diese Ehre war natürlich nicht dem Judenstämmling Eisler, sondern dem — i Konvertiten Eisler widerfahren. Die Christlichsozialen haben mit! der Eisler-Hetze schließlich wenig Ehre davongetragen, denn es j schien zuletzt, daß der gute Herr viel mehr zu ihnen als zu den j — Juden gehört.; * . * Herr Biehlolawek hat von dem Reichsgerichtspräsidenten Dr. Unger, als von einem „paralytischen Reichsgerichtspräsidenten" gesprochen. Und alles das, weil Unger nicht von der idealen, staatserhaltenden Gesinnung der Christlichj sozialen erbaut ist. Herr Biehlolawek gilt jetzt als der Wort-; sichrer der Christlichsozialen im Parlament und macht den : Sozialdemokraten dort jeden Tag den Vorwurf, daß sie die i staatlichen Autoritäten zu wenig respektieren. Natürlich, die staati liche Autorität wird besser geschützt von Männern, die den! Reichsgerichtspräsidenten, einen der vornehmsten und wichtigsten > Faktoren der Rechtsordnung und Rechtssicherheit im Staate, mit! den schändlichsten Jnvektiven überhäufen. Daß Unger nebenbei! eine Leuchte der Wistenschaft ist, eine Reihe von Werken verj faßt hat, die Biehlolawek — und wenn man ihm eine Million i dafür zahlen würde — nicht kapieren könnte, sei nur nebenbei bemerkt. Achtung vor Wissenschaft, Ehrfurcht vor ihren Meistern — das kann man doch von einem Christlichsozialen nicht verlangen. * * * „Es wird sich noch schließlich Herausstellen, daß Hilsner gerade so unschuldig ist, wie Major Dreyfus." Diesen ganz schönen und richtigen Gedanken haben wir dieser Tage in dem Moniteur der Christlichsozialen, der „Deutschen Zeitung", gelesen. Allerdings war das vom Blatte ironisch gemeint. Aber die Ironiker der „Deutschen Zeitung" sollten doch etwas vorsichtiger mit ihren satirischen Bemerkungen sein, denn sonst kann es ihnen noch passieren, daß ihre Leser für pure Wahrheit nehmen, was sie als blutige Satire bieten wollten. Auch der boruierteste Antisemit kann ja schließlich jetzt zu der Erkenntnis gelangt sein, daß Frankreich, welches einen Clemenceau als Ministerpräsidenten, einen Piquart als Kriegsminister verehrt — also zwei Männer, die ihre Ehre für die Unschuld des Majors Dreysus verpfändeten — auch von der völligen Unschuld des Juden Dreysus überzeugt ist. Man wird eines Tages — hoffentlich — auch die Unschuld Hilsners gerichtsordnungsmäßig Nachweisen. Die „Deutsche Zeitung" soll dann an ihren Ausspruch erinnert werden. In der Harden'schen ..Zukunst" begeistert sich ein Schwärmer für die „arisch-christliche" Sittlichkeit für Peters und schreibt u. A.: „Wenn wir unsere Kolonien behaupten wollen, müssen die Europäer die Herren bleiben, die Eingeborenen die Unterjochten, die mit gerechter, aber mit eiserner Strenge zu behandeln sind." Nun das läßt sich schon hören, aber man sehe, wie der germanische Federnheld für diese Ueberzeugung weiter kämpft: „Was schadet es", fährt er fort, „dem gesunden Aufblühen unserer Kolonien, wenn wirklich einmal ein Eingeborener etwas rauh angefaßt wird, wenn nach althergebrachter dortiger Landessitte ein farbiges Mädchen gekauft wird." Daß Peter, wie in dem Prozeß sich ergab, den armen Schwarzen so rauh ansaßte, daß man schon sagen kann, er habe ihn hängen lassen, wird verschwiegen. Und daß er das „farbige Mädchen" nicht nur kaufte, sondern auch, weil es ihm mit dem Schwarzen — durchging — hängen ließ, wird ebenfalls verschwiegen. Was soll man aber dann zu der folgenden Behauptung sagen: „Denn unsere schwarzen Brüder (mögen sie nun Heiden oder äußerlich Christen sein) sind nun einmal in ihrer Mehrzahl die verlogensten Kerle, die man sich denken kann." Sollte man, nach dem Zitierten nicht annehmen dürfen, daß die Schwarzen nicht allein das Privilegium aus das — Lügen haben? * *