Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrHeit . Nedaktion 11. Aduiuiistiatton: Wien, 11/, Novaragasse 27. Telephvu 8tr. der Diilckcrcl 55SUL. Inler^lc Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. kidoiinemeillSii. Jnjcilioiis» betrage sind in Liiien zablbar und klagbar. «abhängige Heitfchrift für Mische InLere^sen. Erscheint jeden Areitng. Uotlo: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Kez»lg»r't:et»: Ganzjäyrig ... 51. it — Haldjälirig . . rr 7 — || Für Cttltnsbeumte: I’ <«»„,jä!irlg . . st. i» -;j _ l| Für Ausland: i«n»ziätirig ... 8 uikurr! 6 Vtnbet »der 16 Fcr. Ur. 28. Wie», 19. An«, «997. Inhalt: Aus der Woche. — Ein sonderbares Urteil. — Blinder Eifer schadet nur. — Antisemitische Absurditäten. — Sephardim. — Jewish Colonisation Association. — Aus der territorialistischen Bewegung. — Literarische Notiz. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Ans der Mache. | Schämen sich auch schon einzelne Häuptlinge der Wiener | Christlichsozialen wirklich des Ritualmordmärchens? Fast sollte! man es glauben, wenn man hört, daß Herr Bielohlawek, der intime Freund des „Bluthundes von Polna", mit auffallender Geflissenheit in seiner jüngsten Parlamentsrede es betont, daß Hilsner nicht wegen Ritualmordes zweimal zum Tode verurteilt wurde. Nun, mail wird immerhin gut daran tun, dieses Bekenntnis des Herrn Bielohlawek anzunageln und gelegentlich an dasselbe zu erinnern, wenn in der antisemitischen Presse, wie so oft bisher, wieder die Behauptung aufgestellt werden sollte, daß der Prozeß Hilsner ein klassischer Beweis ftir die Wahrheit des Ritualmordglaubens sei. Allerdings darf nicht übersehen werden, daß Bielohlaweks Bekenntnis eigentlich doch nur ein — doppelläufiger Revolver ist. Herr Bielohlawek wollte wieder einmal, aus Anlaß der Hilsner-Jnterpellation, gegen die Juden hetzen und gegen sie die alte, dumme Denunziation erneuern, daß sie sich mit jedem jüdischen Verbrecher solidarisch erklären. Der Intimus des „Bluthundes von Polna" hat aber noch immer so viel gesunden Menschenverstand sich bewahrt, um zu erkennen, daß man den Juden eigentlich keinen Vorwurf daraus machen könnte, wenn sie sich gegen die Anklage wehren, daß ein Jude aus konfessionellen Gründen einen Mord begangen habe, also gegen eine Anklage, die alle Juden zu Mitschuldigen eines Verbrechens macht. Die dumme, schamlose, durch zahllose Fälle! des täglichen Lebens widerlegte Lüge, daß sich die Juden solidarisch mit jedem Verbrecher jüdischer Konfession fühlen, wirkt aber so prächtig auf die judenfeiudlichen Gemüter, daß sich Herr Bielohlawek dieses Argumentes aus dem Verleumdungs- Arsenal der Antisemiten' um keinen Preis entschlagen möchte. Was tut er? Er überläßt seinen Freunden, den „Bluthunden vön.Polna," das Agitationsmittel des Ritualmordes und hetzt in seiner Weise folgendermaßen: „Die Juden machen die unfähigsten Brenschen zu geistigen Kapazitäten, Gelehrte und wirklich gebildete Leute werden in den Kot gezogen. Wenn einer einen Kodex in' Udine stiehlt, wird er als Gelehrter bezeichnet, und weil der Hilsner von den Geschworenen — nicht wegen Rituälmordes — zweimal einstimmig verurteilt wurde, wird die ganze Welt in Bewegung gesetzt, um ihn frei zu bringen. Nicht zugegeben, aber angenommen, er sei unschuldig, hat man aber schon einmal gehört, daß um einen Christen eine solche Bewegung ist? Auf der Teufelsinsel sind viele christliche Franzosen elend zugrunde gegangen, auch infolge politischer Verurteilungen. Kein Mensch hat sich um die Unglücklichen gekümmert. Ein einziger Jude — Dreyfus — ist hingekommen und ganz Europa wurde in Bewegung gesetzt, um ihn zu befreien." Man sieht, Herr Bielohlawek versteht das Hetz-Geschäft. Er kennt seine Pappenheimer und braucht nicht zu besorgen, daß ihm ein Christlichsozialer zurufen könnte: „Herr Bielohlawek, nur ein Kretin oder ein Schuft wird Ihnen glauben, daß die Juden den Eisler deshalb für einen Gelehrten bezeichnen, w e i l er einen Kodex in Udine gestohlen hat. Herr Bielohlawek, nur ein Kretin oder ein Schuft wird es leugnen, daß Hilsner zweimal als Mörder verurteilt wurde, weil ihn die Geschworuen für einen Ritualmörder hielten. Herr Bielohlawek, nur ein Kretin oder ein Schuft wird es ernstlich glauben, daß man die Welt noch niemals in Bewegung setzte, wenn es sich um die ungerechte Verurteilung eines „Christen" handelte, und nur ein Kretin oder Schuft wird ernstlich darüber staunen dürfen, daß die Juden dagegen Stellung nahmen, als man den „jüdischen" Verräter Dreyfus zum Typus des jüdischen Offiziers stempelte. Das braucht Herr Bielohlawek nicht zu besorgen und deshalb kann er getrost, gerade zu Zwecken der Judenhetze den Ritualmordglauben ein wenig beiseite schieben. & & * Mit freudigem Jubel reproduzieren die Wiener Antisemitenorgane einen offenbar inspirierten Artikel der „Nowoje Wremja“, welcher die gehässigsten und verlogensten Angriffe gegen die Juden enthält. Die Juden seien die alleinigen Organisatoren der Revolution und es sei daher dringend notwendig, die Armee von den Juden zu säubern. Die Tatsache, daß die Juden in der russischen Armee auch während des letzten Krieges gegen Japan durch ihre Tapferkeit sich derart ausgezeichnet haben, daß selbst die philosemitischer Neigungen gewiß nicht verdächtigen russischen Offiziere dies öffentlich anerkannten, wird von dem russischen Hetzblatt einfach ignoriert. Allerdings muß zugegeben werden, daß man bei der Auswahl der Regimente, die man dazu kommandiert, die unglücklichen vom Pöbel angegriffenen Juden an der Selbstverteidigung zu hindern, darauf achten mußte, daß sie „judenrein" seien. Gegen den „inneren Feind" hätte man auf die Tapferkeit der jüdischen Soldaten wohl nicht rechnen dürfen. * * * Einen herzzerreißenden Beitrag zu der Geschichte der Judengreuel in Rußland, die ohne die schmachvolle Haltung der Behörden und des Militärs unmöglich gewesen wären, finden