Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 26 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063393--04932-3071813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 26. Die Wahrhell Leite 9. Alt Warjirn. Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) Vergessen war bei dem treuen Weibe aller- Groll, alle gerechtfertigte Entrüstung. Mit einer demütigen Geberde ergriff sie die Hand des eben noch so von ihr geschmähten Amtmannes, um einen Kuß auf dieselbe zu drücken. „Er schreibt es, er selbst! Dann ist es ja nicht so arg mit ihm. Und m i ch will er zur Pflege haben, o, der gute alte Barthel, warst ich werde Dich gesund pflegen, mein Liebling! So lange wird die alte Marjim es noch aushalten, um den Grafen gesund zu machen, und dann muß er sich die Kinder auf die Sorge nehmen, das ist schon zu viel aus meine alten. Tage, ich möcht schon gern meines Schwures ledig werden." „Gut. gut. Alle," sagte beruhigend der Amtmann, dem daran lag, die Jüdin, welche voraussichtlich bei dem Herrn großen Einfluß erlangen wird, nicht zur Feindin zu haben. ..Geh' Sie jetzt nach Hanse, und zünd' Sie Ihre Schabbeslampe an, es ist ja Freitag. Wenn Seine Gnaden kommt, so schick' ich um Sie " „Möcht' untertänigst bitten, Euer Gestrengen, und wenn es auch um 12 Uhr nachts wäre und wenn es Schindelnägel regnen sollt, ich komme gleich zu fliegen." „Nur sachte, sachte, mit dem Fliegen, Alte," sagte der Amtmann mit herablassendem Spotte. Nach einigen Abschiedsworten war Alt-Marjim von dem Amtmann gnädigst entlassen^ VI. Auf der Terrasse des Schlosses saß in einem Schaukelstuhle Graf Berthold Sokolov. Vom Garten her wehte ein lauer Abendwind und legte sich schmeichelnd an die Wangen des ganz in Decken eingehüllteu Rekonvaleszenten. Wohlgerüche, wie sie nur an einem so wunderbaren Abend die blühenden Blumen und Sträucher aushauchen, erfüllten die Luft. Dieser Maienabend belebte die hinfällige Gestalt des Grafen derart, daß er sich zum vertrauten Anssprechen veranlaßt fühlte, was seit der Zeit, wo er auf seinem Erbsitze weilte, nicht vorgekommen war. „Marjim," sagte der Graf zu der an seiner Seite sitzenden Greisin, „Du hast mich ja noch nicht nach meiner Frau gefragt." „Wie dürft ich das wagen, gräfliche Gnaden?" „Du darfst alles wagen, Marjim!" „Ich wollt schon einigemal fragen, aber ich sagte mir immer: Will der Herr Graf, daß ich es wisse, so wird er es mir selber sagen, will er es aber nicht haben, so ziemt es mir nicht, darnach zu fragen." „Recht hast Du, treue Seele, Du sollst auch alles wissen. Wie ich vom Hause bin, trotz Deiner Abmahnung, hat das Unglück angefangen. Es litt mich nicht hier in den öden Räumen, wo einst meine Blanka gewaltet hatte. Mit meinen benachbarten Standesgenossen hatte ich mich durch meine erste Heirat entzweit. Sie konnten es mir nicht verzeihen, daß ich eine Mesalliance eingegangen bin, denn die gute Blanka war bei ihren allen Vorzügen doch nur bürgerlicher Abkunft, die Waise nach einem reich gewordenen Banquier. — Müde der Langeweile, die mich zu Hause angähnte, schloß ich mich einer Gesellschaft von fremden Kavalieren und Lebemännern an, die eine Vergnügungsreise nach Paris unternahmen. Und Vergnügen gabs daselbst vollauf, das kannst Du mir aufs Wort glauben. Mich böhmischen Landjunker schwindelte es fast vor der Unmasse von Lustbarkeiten, die mir allerorten geboten wurden für das meinem väterlichen Erbe entnommene Geld. Dort lernte ich auch die reizende Mathilde kennen. Wo und in welchen Verhältnissen, das erlasse mir zu erzählen. Selbst vor Dir, der einfachen, der großen Welt unkundigen Frau, will ich es lieber verschweigen. — Kaum daß ich sie gesehen, entbrannte ich in heißer Liebe für sie, die um so glühender wurde, als sie mich anfangs schmachten ließ. Als sie mich nach unablässigem Werben dennoch erhörte und sich entschloß, meine Gemahlin zu werden, fühlte ich mich als Glücklichsten der Sterblichen. Ich verbrauchte damals Unsummen Geldes, denn Mathilde war arm und ich wollte sie mit allem Luxus umgeben, der einer Gräfin Sokolov zukommt. Meine jüdischen Untertanen haben es mir mittelst des großen Darlehens, welches sie mir anboten, ermöglicht, das Ziel meiner Sehnsucht zu erreichen. Noch eine Hochzeitsreise nach Italien, und dann wollte ich nach Hause mit meiner geliebten Mathilde, wollte ganz meiner Familie leben, mein väterliches Erbe, welches ich durch sinnlose Verschwendung hernntergebracht habe, durch weise Sparsamkeit wieder emporbringen. Es sollte anders kommen! In Florenz, wo wir uns zu längerem Aufenthalte ein elegant eingerichtetes Landhaus gemietet hatten, traf ich mit einem Herrn zusammen, der jener Gesellschaft, mit der ich die Reise nach Paris unternommen, angehört hatte und der jetzt, nachdem die Gesellschaft auseinandergestoben war, Italien bereiste. Es war dies ein sehr liebenswerter Kavalier aus Sachsen, namens Baron Günther. Ich freute mich dieser Begegnung und führte ihn meiner Frau zu. Von da ab verkehrte er sehr häufig bei uns. Einst suchte er mich in einem Kaffeehause in Florenz auf, und machte mir die Mitteilung, daß ich von meiner Frau betrogen werde, welche geheime Zusammenkünfte mit einem englischen Maler hatte. Ich nannte Günther einen Verleumder, einen Schurken, was weiß ich, was noch alles, kurz nach zwei Tagen standen wir uns mit der Pistole gegenüber zu einem Zweikamps auf Leben und Tod. „Schma Jisroel!" fiel ihm Marjim ins Wort, „wie darf das sein, wie darf ein Mensch auf den andern schießen, wie auf Hasen?" „Ja, das verstehst Du nicht, Alte, das ist unter Edellenten so Gebrauch." „Was, das versteh' ich nicht? Halten zu Gnaden, Herr Graf, das versteh' ich besser wie Sie; ich kenne die göttlichen zehn Gebote auswendig, und da steht es ganz klar und deutlich geschrieben: ,Du sollst nicht morden!' Als wenn Gott für hochgeborene Herren andere Gebote gegeben hätte, als wie für unsereinen. Das sind menschliche Gesetze, die einen Unterschied machen zwischen vornehm und gering, arm und. reich. Aber das Gebot: Du sollst nicht töten! das Ist von Gott selbst, das gilt für alle ohne Ausnahme." „Lassen wir das," sagte der Graf, dem trotz des Ernstes der Situation ein Lächeln über die bleichen vergrämten Züge huschte, „das ist eine Sache, über die wir uns niemals einigen werden. — Zu gleicher Zeit," so fuhr er fort, „gaben wir die Schüsse ab. Mein Hand war durch die große Erregung unsicher geworden, ich verfehlte mein Ziel, das Herz des vermeintlichen Verleumders, aber e r traf gm, nur allzu gut. wie er nur allzu wahr gesprochen hatte. ..Als ich nach einiger Zeit in Baron Günthers Wohnung zum Bewußtsein erwachte, wollte ich mich gleich zu meiner Mathilde bringen lassen, damit sie sich meinetwegen nicht ängstige, doch die Aerzte erklärten mich nicht für transportabel. Baron Günther pflegte mich mit wahrhaft brüderlicher Fürsorge, doch Mathildens Name wurde zwischen uns nicht genannt. Als ich außer Gefahr war, äußerte ich zögernd den Wunsch, in die Villa zurückzukehren, in welcher ich ein junges Weib in Sorge um mich wußte. Aber mein Freund — denn das war mir Günther geworden — teilte mir auf die schonendste Weise mit, daß Mathilde in Begleitung jenes Engländers geflohen sei, unter Mitnahme aller meiner Kostbarkeiten. Wie ich den Schlag überwunden habe, ich weiß es selber nicht. Das eine mächtige Gefühl wurde mit einemmale in mir rege, die Sehnsucht nach meiner Heimat, nach meinen verlassenen Kindern, nach Dir, der Vertrauten meiner Jugend. — Auch Baron Günther war Italien müde geworden. Wir nahmen Extrapost, und so rasch es mein leidender Zustand gestattete, reisten wir unserer nordischen Heimat zu. In Wien trennten wir uns. Ich schickte einen Kourier zu Pferde hierher, um meine Ankunft anzumelden. Das Uebrige weißt Du." Marjim hatte während dieser traurigen Erzählung still vor sich hingeweint, und als der Graf dieselbe beendet hatte, murmelte sie vor sich hin: „Arme, arme Gräfin! Unglückliche Mathilde!" Erstaunt, fast unwillig, blickte sie der Graf an: „Ich begreife Dich nicht, Marjim, sie bedauerst Du, sie die Ehebrecherin, die Verworfene, und nicht m i ch, den Unglücklichen, um sein ganzes Lebensglück Betrogenen?" (Forts, folgt.)