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Die Wahrheit · 1907-05-31 · Heft 21 (31.5.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 21 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21. Die Wahrheil Lette 9. gelischen und Israeliten ungetrübt fortdauern möge, gaben, wie Graf Rittberg, auch die Herren Oberbürgermeister Wittje und Abgeordneter Dr. Neumann-Hofer beredten Ausdruck. Petersburg. Das Ministerium Stolypin hat es bekanntlich auf Betreiben des „Verbandes der echt russischen Leute" seinerzeit abgelehnt, die unerträgliche Lage der russischen Juden durch provisorische Bestimmungen auf Grund § 87 der Grundgesetze während der dumalosen Periode zu erleichtern. Nach einer anderen Version fand ein dahingehender Beschluß des Ministerrates an entscheidender Stelle keine Zustimmung. Jedenfalls hieß es damals offiziell, daß die Judensrage eine „Frage des Volksgewissens" sei, und daß nur die Volksvertretung, die dieses Gewissen verkörpert, berufen und befugt sei, „die dornige Frage" zu lösen. Der Ministerrat hat dann ganz selbständig eine Reihe umwälzender Reformen auf wirtschaftlichem und rechtlichem Gebiete vollzogen und nur die Judenfrage im vollen Umfange der zweiten Reichsduma zugeschoben. Die Geschäftslage im Parlament läßt leider auf baldige Erledigung dieser für Millionen russischer Bürger jüdischen Glaubens brennenden Angelegenheit nicht hoffen. Dagegen kann man schon jetzt mit voller Bestimmtheit Voraussagen, daß die Entscheidung der Volksvertretung eine der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, sowie den wahren Interessen des gesamten russischen Volkes und Staates entsprechende sein würde. Eine Bürgschaft dafür liefert, wie die Zusammensetzung der Duma, so auch der bereits gefaßte Beschluß der parlamentarischen Kommission zur Regelung der Gewissensfreiheit, die u. a. die Judenfrage zu prüfen hatte. Die Kommission hat nämlich in ihrer letzten Sitzung e i n st i m m i g beschlossen, dem Plenum zu empfehlen, sämtliche gegen die Juden gerichteten einschränkenden B est i m m u n g e n u n d R e ch t s b e e i u t r ä ch t i g u n g e n, die auf konfessionellen Erwägungen beruhen, zu beseitigen. Die Regierungs- Vertreter haben trotz ihrer früheren Erklärungen nicht verfehlt, in der Kommission zu versuchen, das Volksgewissen dennoch irgendwie zu beeinflussen. Die Regierung war nämlich der Ansicht, daß die Aufhebung der Beschränkungen sich nicht auf die Juden erstrecken könne, da die gegen letztere bestehenden Bestimmungen nicht auf konfessionellen, sondern auf nationalen Grundlagen beruhen. Dagegen brachten die Kommissions-Mitglieder eine Reihe von Beweisen, daß die judenfeindlichen Bestimmungen mit konfessionellen Erwägungen begründet werden, und daß, da die Regierung, sowie die Kommission, die Freiheit des Gewissens einführen wolle, solche Beschränkungen beseitigt werden müssen. Der Regierungs-Vertreter mußte schließlich den konfessionellen Charakter der alten Gesetze zugeben, forderte aber doch ihre Beibehaltung aus „politischen Erwägungen". Die Kommission war damit nicht einverstanden, sondern entschied, daß dieselben völlig und für immer beseitigt werden sollen. Hamburg. (H a m b u r g - A m e r i k a - L i n i e.l Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach Nerv- York: Die Postdampfer: Kaiserin Auguste Victoria 30./5., President Lincoln 1./6., Amerika 6./6., Graf Waldersee 8./6., Schnellpostdampfer Deutschland 13./6., die Postdampfer: Pennsylvania 15./6., Batavia 22./6., Kaiserin Auguste Victoria 27./6. Nach Boston: Postdampfer Bosnia 29./5. Nach Baltimore: Postdampfer Bosnia 29./5. Nach Philadelphia: Postdampfer Andalusia 5./6. Nach W e st i n d i e n: Postdampfer Bavaria 1./6. Nach Mexiko: Postdampfer Allemania 1./6. Nach O st a s i e n: Die Postdampfer: Sambia 30./5., Saxonia 30./5., Brasilia 10./6. Nach Wladiwostok und Nicolajewsk a. Amur/. Postdampfer Cyrus 20./6. Nach Nicolajewsk a. Amur: Postdampfer Orland 24./5. Arabisch-Persischer D i e n st: Postdampfer Savoia 25./5. und ein Dampfer 30./6. Alt Warjirn Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) Ungesehen von allen, augenscheinlich im tiefen Schlafe ruhenden Bewohnern des Schlosses, waren die Beiden ins Vorgemach des Krankenzimmers gelangt. Daselbst ließ sich die Alte auf einen Stuhl nieder, während der Graf, nachdem er zuvor leise angepocht hatte, die Türe öffnete und hineintrat. „Barthel, bist Du es?" tönte es mit leiser Stimme vom Krankenlager her, „Du bist lange ausgeblieben." „Es ist ein weiter Weg, und schlechtes Wetter, mein Schatz, und fahren dürft' ich nicht, um kein Aufsehen zu machen. Wie fühlst Du Dich, liebes, Kind, besser?" „Ach, so schwach, mein Barthel, ich fürchte, daß ich Dich verlassen muß, und habe Dich doch so., gerne, Barthel!" Der starke Mann erbebte vor verhaltenem Schluchzen. ..Sprich nicht so, Närrchen," zwang er sich zu sprechen, „Du wirst bald gesund werden und wir werden noch glücklich sein." „Ist sie da?" hauchte die Kranke. „Gewiß, sie wartet nur auf Deine Erlaubnis, zu Dir zu kommen." „O, bringe sie her, bald, ehe es zu spät wird." Graf Berthold wankte hinaus. Gleich darauf trat Marjim ins Krankenzimmer. Auf den Fußspitzen trat sie auf, um ja kein Geräusch zu machen, und näherte sich vorsichtig dem Lager der kranken Gräfin. „Gräfliche Gnaden haben befohlen," sprach sie mit gedämpfter Stimme. „O, liebe Frau, Sie waren die Pflegerin meines Berthel von Jugend auf, helfen Sie mir, retten Sie mich!" „Gräfliche Gnaden sind ja in den besten Händen, Doktor Smetana ist ein tüchtiger Arzt." „Der," rief die Dame im Tone tiefsten Abscheues aus, „der ist mit dem Pfaffen und dem Amtmann verbündet, mich aus dem Leben zu schaffen, um wie früher allein hier wirtschaften zu können." Ein heftiger Hustenanfall, der ihr für ein Weilchen Atem und Sprache benahm, unterbrach diese Auslassungen. Marjim war bemüht, mit Hilfe der rasch herbeigerufenen Wärterin den Anfall zu stillen und die Gräfin in eine bequeme Lage zu bringen. „Es ist aus mit mir, ich sehe es selbst ein. Aber umsonst sind Sie doch nicht hergekommen, gute Frau! Erleichtern Sie mir meine letzten Stunden, indem Sie mir schwören, sich der kleinen schuldlosen Wesen anzunehmen, denen ich das Leben gegeben habe, ohne ihnen Mutter sein zu dürfen. Lassen Sie sie nicht in den Händen, in denen sie jetzt sind, sonst sind sie auch verloren." „Wenn es Sie beruhigt, gnädigste Gräfin, so verspreche ich es Ihnen heilig." „Das genügt mir nicht, ich muß einen Schwur haben. Schwören Sie bei dem Haupte Ihrer Kinder." Marjim erbebte. „Mein Kind ist längst tot, aber ich schwöre es bei dem Namen Gottes, das ist der höchste Eid, den ein Jude leisten kann." Voll innerer Befriedigung lehnte sich die Kranke in die Kiffen zurück, und ein sanftes Lächeln umspielte die schönen Züge, welche der Todesengel schon gezeichnet hatte. „Sie schläft," murmelte Marjim und bedeutete mit einer Handbewegung der Wärterin, sich still nahe dem Bette niederzulassen und den Schlaf zu bewachen. Im Vorzimmer traf sie den Grafen, ihrer wartend an, mit vor Weinen geröteten Augen. Ein Blick in das ernste, todestraurige Antlitz Marjims sagte ihm alles. „Nun?" frug er. Ein Achselzucken war die Antwort auf seine Frage. -Jetzt zu den Kindern, Marjim." Der Graf öffnete eine andere in das Vorzimmer mündende Türe und trat mit Marjim in das durch eine Nachtlampe matt beleuchtete Kinderzimmer. Eine infernalische Hitze strömte ihnen entgegen. Die Amme saß zwischen den zwei Bettchen, in welchen je ein Bündelchen von Stickereien und Spitzen lag, eines mit rosa, eines mit blauem Band umwunden. Ein klägliches Gewimmer, drang aus dem Bettchen hervor, das aber zu schwach war, um die in Morpheus Armen liegende Bäuerin zu wecken. „Welche furchtbare Luft ist hier," rief der Graf aus, „gerade zum Ersticken. In einer solchen Atmosphäre sollen kleine Kinder gedeihen, rein unmöglich!" Der Gras öffnete die im Zimmer angebrachte Ventilation, während sich Marjim mit den Kindern beschäftigte, sie trocken legte, um dann die Amme zu wecken, welche das ihrige zur Beruhigung der armen Wesen beitrug. „Die Kinder sind zu erhalten, alle beide," sagte Marjim bestimmt, „sie sind natürlich schwächlicher als andere dieses Alters, aber das ist bei Zwillingen nur natürlich; lebensfähig sind sie alle beide, besonders der Knabe. Wenn sie die richtige Pflege bekommen, getraue ich mir sie durchzubringen. Ich habe es übrigens Ihrer Frau Gemahlin versprochen, sogar mit einem heiligen Eide zngeschworen." ..Wirklich, Marjim. Du wolltest hier bleiben? £, wie freue ich mich!" „Hier bleiben? Das geht doch nicht an, ich darf ja hier bei Ihnen nichts essen, auch bin ich im Haushalte Chajims unentbehrlich, und wer sollte den armen Frauen in der Kille und im Dorfe beistehen, wenn ich nicht da wäre?" (Fortsetzung folgt.)

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