Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 20 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 2× ep/1000834
- Baku 1× ep/1000527
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 20. zu protestieren, daß Herr Dr. Cohn'den Sohn des betreffenden Hauses zum selbstbewußten Juden gemacht habe. Glücklicher- ' weise gelang es sofort den Herren Direktor Lichtenstein und. Dr. Rosenkranz, den Rechtsanwalt dem Gelächter der Versammlung preiszugeben, wie er es verdient hat. Tatsächlich wurde festgestellt, daß die meisten Glieder jener unzufriedenen Familie getauft sind und daß Dr. Cohn nichts anderes getan habe, als einen schließlich doch nur zur Taufe erzogenen Jungen dem Judentum zurückzugewinnen. Ungeheuren Jubel entfesselte der nächste Redner, Herr- Oberlehrer Dr. Joel. Im Aufträge einer Anzahl jüdischer Oberlehrer Berlins gab er öffentlich die Erklärung ab, daß diese Oberlehrer das Vorgehen der beiden die Anzeige an den Gemeindevorstand vermittelnden Oberlehrer Professor Schäfer und Prof. Türk aufs schärfste mißbilligen. HerrDr. Klee warf in der weitergehenden Diskussion die Frage auf, was wohl die Katholiken getan hätten, wenn ein protestantischer Direktor einem katholischen Religionslehrer gesagt hätte, er halte es für richtiger, daß die katholischen Schüler am evangelischen Religionsunterricht teilnähmen, und von dem katholischen Lehrer die gleiche Ansicht verlangt hätte. Das Zentrum hätte schon am nächsten Tage im Abgeordnetenhaus die Bestrafung des betreffenden Direktors durchgesetzt. Nach einigen kurzen kraftvollen Schlußworten des Herrn Dr. L o e w e wird folgende Resolution zur Abstimmung gebracht und gegen eine einzige Stimme unter stürmischen Beifall einmütig angenommen: „Die am 15. Mai 1907 in der Viktoriabrauerei versammelten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlin halten die Amtsenthebung des Predigers Herrn Rabbiner Dr. Emil Cohn für nicht gerechtfertigt. Sie sprechen Herrn Dr. Emil Cohn ihre Sympathieen und zugleich den Gemeindebehörden die zuversichtliche Erwartung aus, daß diese nach erneuter und eingehender Prüfung ihr Urteil revidieren und berichtigen werden." Korr der terrltorialistischen Kewegmig. Kapstadt. Hier fand am 14. April eine Neuwahl der Leitung der kapländischen Jüdischen Territorial-Orgauisation statt und konstituierte sich das KomUee wie folgt: Se. Ehrw. der Oberrabbiner von Kapstadt und Rev. A. P. Bender, Ehrenpräsidenten; Mr. F. Gins bürg, Präsident; Messrs. R. Hermann und I. Gesundheit, Bize-Präsidenren; Mr. A. B o r s o n, Schatzmeister; Mr. A. S. L e v e n st e i n, Ehrensekretär; als Beiräte folgende Herren: Rev. C. Lyons, Rev. A. Weinberg, Dr. Karg, Und Messrs. H. H ur w itz, S. Sah arin, S. Jacobs, S. H e r m e r, I. I s e n st e i n und D a w i d s. Baku. Zu Ehren der Wahl des Herrn M. M. T r o p p als Vorsitzenden der „Jto" im kaukasischen Distrikt sammelten seine Freunde 850 Rubel für einen Fond zur Errichtung einer Schule auf dem autonomen jüdischen Territorium. A n a n i e w (Rußland). In Ananiew konstituierte sich neben dem bereits bestehenden Zweigverein der „Jto" ein weiterer Zweigverein, dessen Leiter der Stadtradbiner D o n d a r e v, sowie die Herren L i n e tz k y und D r a b k i n sind. Cherson. Die Herren Maguin, Segalovich und Zanke l e v i ch organisierten hier einen „Jto"-Berein. Odessa. Der Redakteur des „Jto"--Organs „Jewrehsky Golos“, Herr Leon Paperin, befindet sich gegenwärtig aus einer Agitationstour im Ansiedlungsrayon, woselbst t e r r r t o r i a l i st i s ch e Masse n-'B e rs am m langen abgehalten werden. Die Vorträge des Herrn Paperin wurden überall mit großem Beifall ausgenommen und hatten allerorts K o n st i t u i e r u n g e n von „I t o" - V e r e i n e n zur Folge. Der bevorstehenden Konferenz der russischen Territorialisten wird allgemein großes Interesse entgegengebracht. Wien. Wie uns aus Odessa berichtet wird, soll die K o nf e r e n z der russischen Territorialisten im Zentrum des Ansiedlungsrayons, und zwar in Wilna oder Minsk stattfinden. Wien. Samstag, den 25. d. M., um 8 Uhr abends, referiert Herr Dr. Hermann K a d i s ch bei den Sozialisten-Territorial i st e n im Restaurant „zum goldenen Widder", II., Taborstraße, über „Die Bedeutung der Reichsratswahlen für das jüdische Proletariat." Gäste willkommen._ Alt Marjim. Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) „Lassen Sie heute diese trüben Erinnerungen, Muhme, die paffen auf Tischebeaw, aber nicht auf Purim. Wissen Sie, Muhmeleben, an was Sie mich erinnern, wenn ich ihr stilles Walten in der Kille sehe, Ihre Gottesfurcht und Wohltätigkeit? An (die frommen Frauen. ihres Standes in Mizrajim denke ich immer, die Gott für würdig befunden hat, in seiner heiligen Thora erwähnt und verewigt zu werden." ' „Geh', Du Narrlitschke, das waren andere Leute wie ich, denen hat Gott Häuser geschafft in Israel, während ich nicht hätte, wohin meinen Kopf niederzulegen, wenn Du mich nicht zu Dir genommen hättest." „Na. umsonst tu' ich es auch nicht, Du führst meine Wirtschaft und pflegst und erziehst meine mutterlosen Kinder. Wenn Du aber nicht alles verschenken würdest, was Du verdienst, dann könntest auch Du das schönste Haus in der Kille haben." „Noch immer gebe ich nicht so viel, was ich sollte, um die Sünde zu büßen, die ich einstmal begangen habe, die Härte, die ich mir zu Schulden kommen ließ. Das kann durch keine Wohltat, und wäre sie noch so groß, gesühnt werden. Denke Dir, Chajimleben, ich, die ich so vielen fremden Weibern beigestanden bin, Hab mein einzig Kind in diesem Stande von mir gewiesen, in die fremde, weite Welt hinaus, wo sie gewiß verdorben und gestorben ist. Das kann mir Gott im Himmel niemals verzeihen!" „Muhmeleben, heut hat man Megilas Esther geleient, aber nicht die Echa, wie oft soll ich Sie noch daran erinnern?" Dieses ernste Gespräch war durch die Ankunft des Grafen unterbrochen worden. Eingehüllt in ihr warmes Tuch folgte Marjim dem Grafen auf dessen Aufforderung. Wer die Beiden so mit einander durch die zwar mondhelle aber sehr stürmische Nacht hätte gehen gesehen, der hätte alles eher vermutet, als daß es der Abkömmling eines der ältesten böhmischen Adelsgeschlechter, ein reicher Großgrundbesitzer ist, welcher den Arm der alten Jüdin unter den seinen zog und sie so vorsichtig über den glatten Pfad, der zum Schlosse hinaufführte, geleitete. Man hätte eher glauben können, es wäre ein fürsorglicher Sohn, der seine Mutter auf diesem nächtlichen Gange begleitete und sorgfältig bedacht war, daß sie nicht falle, oder sich durch rasches Gehen übermäßig anstrenge. Die beiden sprachen unterwegs nichts mitsammen. Nur von Zeit zu Zeit flüsterte der Graf seiner Begleiterin zu: „Geh' ich Dir nicht zu rasch, Marjim?" „Nein, nein, kommen Sie nur Berthel, ich wäre am liebsten schon oben, noch lieber aber glücklich zu Hause." Endlich gelangten sie vor das Schloßtor an. Es war nicht verschlossen, denn sie wurden auf Geheiß des Herrn von der Schloßwache erwartet. Das große Gebäude lag da vor ihnen, wie ein Steinkoloß ohne Leben, ohne Inhalt. Aus keinem der vielen Fenster drang ein Lichtschein. Die Fenster der Gemächer, welche die kranke Gebieterin des Schlosses und deren zarte Kinder bewohnten, lagen auf der anderen Seite desselben, wohin das Geräusch, welches die Landwirtschaft verursachte, nicht dringen konnte. Der große viereckige Hof, den sie durchschritten, war in tiefes nächtliches Dunkel gehüllt, nachdem die hohen Gebäude, die 'ihn umgaben, den Strahlen des Mondes den Einlaß verwehrten. Der Schloßherr führte seine Begleiterin in ein großes Gemach im ersten Stock, woselbst auch die Krankenzimmer untergebracht waren. Dieses Gemach war hell erleuchtet und gut durchwärmt „Mach' es Dir hier bequem und wärme Dich, bevor wir hinaufgehen." „Kalt ist mir nicht, aber meinen Kleidern möchte ich zuvor die ihnen anhaftende Kälte benehmen, bevor ich ins Krankenzimmer eintrete." „Das dachte ich mir voraus, deswegen ließ ich hier zuvor gut durchheizen." „Sie sind vorsorglich wie immer, liebes Kind," sagte die Alte, indem sie die feine Hand des Grafen mit mütterlicher Zärtlichkeit streichelte. Nach Ablauf einer kleinen halben Stunde sagte sie entschlossen : „Gehen wir, Herr Graf!" Dieser erhob sich und sagte: „Sollten wir zufällig dem Geistlichen begegnen oder dem Amtmann, so mach' Dir nichts daraus, es dars Dir nichts geschehen, ich schütze Dich." „Ich fürchte nichts." (Fortsetzung folgt.)