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Die Wahrheit · 1907-05-17 · Heft 19 (17.5.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 19 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 19. Die Wahrheit Leite 9. wusch und reinigte, ihm dann Geschichten erzählte und bisweilen Näschereien zutrug. Hie und da nahm sie den Knaben in die Kille mit herunter, ohne daß er oben von irgend jemand vermißt worden wäre. Da unten war es dem kleinen Grafen recht wohl. Mit den Judenbuben konnte er spielen und raufen nach Herzenslust. Er nannte alle mit ihren jüdischen Namen, wie es in der „Gasse" gebräuchlich war, während sie zu ihm einfach Berthe! sagten. Das dauerte so lange, bis einstmal ein junger geistlicher Herr, ein französischer Abbe aufs Schloß kam und ein Schreiben des Grafen vorwies, das ihn zum Gouverneur, des jungen Grafen ernannte. Während seines Aufenthaltes in Paris hatte der Graf daselbst den Abbe kennen gelernt und verkehrte viel mit ihm. Als dieser eines politischen Deliktes wegen sich nach einem Asyl außerhalb des Landes umsehen mußte, bot ihm der Graf in liebenswürdiger Weise sein in Böhmen gelegenes Schloß an, wofür dieser die Erziehung und den Unterricht seines daselbst zurückgebliebenen Söhnleins übernehmen sollte. — So war der Abbe nach Sokolav gekommen und mit ihm ein neuer Geist, ein Geist aber, der mit der Tradition des gräflichen Geschlechtes im grellsten Widerspruche stand. Die Besuche des jungen Grafen im Dorfe mußten von da an aufhören oder geschahen bloß in Begleitung des Gouverneurs, der einen Verkehr seines Zöglings mit den Jndenjnngen nicht duldete. Voller Sehnsucht blickte Graf Berthold auf seine ehemaligen Spielkameraden, die scheu auseinanderstoben, wie Taube n, w e n n e i n H a b i ch t unter sie kommt, wenn der allgefürchtete Abbee mit seinem T e l e m a ch vorüberschritt. Wie gerne wäre der hochgeborene Jüngling wieder wie ehemals zwischen sie getreten, hätte mit ihnen gespielt und herumgetollt, Püffe ausgeteilt und empfangen; aber jetzt war keine Rede mehr davon. Fein sittlich mußte er an der Seite seines Mentors ausschreiten, kaum daß ihm dieser gestattete, auf den scheu ehrerbietigen Gruß seiner ehemaligen Kameraden mit einem Kopfnicken zu danken. Ihm war so weh zu Mute dabei, daß er hätte weinen mögen. Was ihm am schrecklichsten war, daß seine treue Marjim nicht mehr aufs Schloß kommen durfte. Wie hatte er sich allwöchentlich ans die frischen knusperigen Barches gefreut, die sie ihm mitbrachte, nebst einer großen Düte mit Putschalky*), dem jüdischen Confetti, das am Sabbat in keiner jüdischen Familie, wo Kinder sind, fehlen durfte. Und jetzt 'mußte er alles entbehren. Einigemal hatte sich Marjim unter irgend einem Vorwände doch aufs Schloß geschlichen, um dem Gräflein unter der Hand das schön geflochtene Barches zuzustecken, aber als es entdeckt wurde, ließ der Amtmann, der mit dem Abbee unter einer Decke spielte, die Hunde auf das treue Weib hetzen, und nur der zufälligen Dazwischenkunft des jungen Grafen, der die Hunde an sich lockte, hatte sie es zu verdanken, daß sie das Schloß unverletzt verlassen konnte. Doch endlich war auch für ihn die Stunde der Freiheit gekommen. .Der alte Gras war in der Fremde gestorben, und der junge Erbe hatte unter der Oberaufsicht eines edeldenkenden Vormundes die Zügel in die Hand genommen. Der geschmeidige Franzose hatte sich indes als Schloßkaplan fest eingenistet, sein Einfluß auf dem jetzigen Gebieter war aber ein minimaler. Mit verhaltenem Grolle mußte er zusehen, wie Graf Berthold seine früheren Beziehungen zur Judengemeinde wieder ausnahm. Gar viele von dessen ehemaligen Freunden hatten schon geheiratet, seine gute Marjim war Witwe geworden und war zu ihrem Neffen Chajim gezogen, bei dem sie nun lebte und sonst ihre Hilfe überall angedeihen ließ, wo es notwendig war. Wirklich wohl war es dem jungen Grafen nur unten in der Kille und er verschmähte es nicht, sich bei einem oder dem anderen seiner ehemaligen Freunde zu Tische zu laden, wenn ihm das Schotet oder die Kugel, oder sonst eine jüdische Nationallieblingsspeise verlockend in die Nase duftete. Er sprach sie alle noch mit Du an, während sie ihm schon das respektvolle Herr Graf, oder gräfliche Gnaden sagten. *) Halbweichgekochte Erbsen mit Salz und Pfeffer. Alle armen Leute der Kille, und es gab deren fürwahr nicht wenige, durften im Winter mit einem Sacke aufs Schloß kommen, um sich den zum Mehl auf Mazzes erforderlichen Weizen abzuholen, den ihnen der Graf je nach Anzahl ihrer Familienmitglieder ausfolgen ließ. Alljährlich ließ er bei Anbruch des Winters den armen Leuten einen Feuerungsbeitrag zuführen, und das Beshamidrosch ließ er gänzlich mit Brennholz aus den herrschaftlichen Forsten versehen. Kurz nach seiner erfolgten Volljährigkeit entschloß sich der junge Graf, zu heiraten. Die Tochter aus einem reichen aber bürgerlichen Hause hatte es ihm angetan, als er sie gelegentlich eines gemeinschaftlichen Jagdausfluges hatte kennen gelernt. Es war eine zarte Treibhauspflanze, die junge Gräfin, so sein und zart, wie ein Täubchen. Der geschmeidige Franzose wußte sich ins Vertrauen der Gnädigen einzuschmeicheln, und von ihm angestiftet, setzte es der Hausarzt, Dr. Smetana durch, daß der Graf seine alte liebe Marjim nicht aufs Schloß bringen durfte, als ihre Hilfe notwendig war. Die Gräfin genas eines Zwillingspaares, denen man die Nottaufe erteilen mußte, wobei sie die Namen ihrer Eltern, Berthold und Blanko, erhielten. Dr. Smetana und seine aus der Hauptstadt verschriebene Gehilfin taten alles, um das Leben der zarten Dame zu erhalten, aber alles vergebens. Wie der Graf am Purimabende zu Marjim sagte, war das Lebenslicht der armen Frau dem Verlöschen nahe, wie ein Flämmchen, dem es am notwendigen Oele gebricht, und auch die von Geburt an schwächlichen Kinder schienen nicht lebensfähig zu sein. III. In der Kille hatte ob der traurigen Vorgänge in dem Schlosse tiefe Traurigkeit Platz gegriffen. Am Esthertanis nach dem Morgengebete hatte man für die kranke Gemahlin des allbeliebten Schloßherrn Thillim gesagt, dann wurde vom Rabbinate aus das Verbot bekannt gemacht, an dem bevorstehenden Purim jede lärmende Lustbarkeit, als i Musik- und Tanzvergnügen, sowie das Herumgehen von Masken ' zu unterlassen. Es wäre dies Verbot eigentlich nicht notwendig gewesen. Jeder einzelne Bewohner der Gemeinde, vom reichen Vorsteher angefangen, bis zu Leb Hosenflicker herab, dem reichsten an Kindersegen, dem ärmsten an irdischen Gütern in der Gemeinde, war von größter Sorge und Teilnahme für das Grafenhaus erfüllt. Nirgends aber herrschte so wahrhaft tiefe Trauer, als in dem kleinen Hänschen, welches das Eigentum Chajim Lederers war. Chajim wußte wohl, wieviel er seinem ehemaligen Jugendfreunde, dem' Grafen Berthold verdankte, und seine Tante Marjim betrachtete sich doch quasi als Pflegemutter desselben. Sie hatten eben von dem traurigen Verhängnisse gesprochen, welches ihrem gütigen Grundherrn verfolge, während sie an dem Purimabend so auf der Bank neben dem großen Kachelofen saßen. — „Ich bleibe dabei, daß es ganz anders ausgefallen wäre, wenn statt der Pragerin Sie bei der Gräfin gewesen wären Muhme, ich begreife den Grafen nicht, daß er dies nicht hat durchsetzen können. Er läßt sich von dem Galach*) und dem Srure**) gar zu viel befehlen." „Alles ist von Gott, Chajimleben," sagte die Alte, „denn wenn es bei meiner Pflege so schlecht ausgefallen wäre, hätte man mir alle Schuld gegeben und es hätte eine große Gesere für uns alle herauskommen können. Mir ist nur der arme Berthe! so leid, so sehr leid; er hat sich so auf ein Kind gefreut, und jetzt hat er sogar zwei, wird sie aber, wie die Leute sagen, nicht aufziehen. Ich weiß, was das ist, um ein Kind zu kommen, ich trag ja an meinem Leide so lang, bis mich Schemborchu zu sich ruft." (Fortsetzung folgt.) *) Abbee. **) Herr, diesmal der Amtmann.

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