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Die Wahrheit · 1907-05-03 · Heft 17 (3.5.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 17 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 9. Nr. 17. herige Wirksamkeit nur als pure Vorrede zu seinem eigentlichen Lebensbuche zu betrachten sei; denn hier in der Schirmann'schen Atmosphäre machte er mit bebendem Herzen die Wahrnehmung, wie vieles es noch zu erringen gab, was bis nun so ganz außerhalb seiner musikalischen und gesanglichen Begriffswelt lag. Schirmann galt als exzellent polnischer Chasan, allein seine Kunst war, vielleicht nur notgedrungen, gewissermaßen dem schon modernen Geschmacke zugeneigt. *) In dieser Periode hatten sich ja schon Gesangsform und Gestaltung der meisten auch polnischen Chasanim verändert, seitdem auch sie von dem modernen Zaubertrunke (?) S u l z e r's, Naumburg's Lewandowsky's rc. gekostet und zum Bewußtsein gelangten, daß es einem Synagogenpublikum gegenüber, welches bereits Gelegenheit fand, auch außerhalb der Judengasse, also nichtjüdische Musik zu hören, bei der gewiß anzuerkennenden klassisch-polnischen Singweise allein sein Bewenden nicht haben könne, man vielmehr auch am rechten Platze den Anforderungen der Neuzeit gerecht zu werden verpflichtet sei. Allein, selbst in diesem schon künstlerisch beträchtlicheren Schaffenskreise fand Weißmann immer noch kein Genügen; . sein Streben nach stets weiterer Vervollkommnung drückte ihm abermals den Wanderstab in die Hand. Die interessanten, anders gestalteten Verhältnisse des nichtheimatlichen Bodens zogen ihn mächtig an und er wendete sich nach S.A.-Ujhely, um bei dem renommierten Kantor E. Eibuschitz in Wirksamkeit zu treten. Bei den erstgenannten von Weißmann verehrten Lehrmeistern fand er Gelegenheit, mit dem Charakter des sogenannten „Zusammensingens" vertraut zu werden. Eibuschitz jedoch war es, von dem er eigentlich das richtige Chasonus erlernte. Daß Weißmann bei seinem leicht zu begreifenden schweren Daseinskämpfe ums tägliche Brot noch Gelegenheit und Muße fand, in autodidaktischer Weise Harmonie- und Kompositionsstudien zu machen, muß anerkennend vermerkt werden. Dieser kurze Lebens- und Werdegang Weißmann's mußte vorausgeschickt werden, um gewisse Eigentümlichkeiten vorliegender Kompositionen mit dem richtigen Verständnisse zu erfassen. Die Weißmannsichen Kompositionen beschränken sich ausschließlich nur auf Kantorrezitative mit Orgelbegleitung und zwar, wie wir gleich betonen, Orgelbegleitung unter allen Umständen. Die melodische Gestaltung des ersten Lecho do di in F-dur muß als einfach, lieblich und wortinhaltsgemäß bezeichnet werden. Die obligate Orgelbegleitung der Cantilene- Stellen wird dankbar akzeptirt, nur gegen die rhythmische Fessel, die dem Rezitativ seitens der auf Achtelnotenschritten folgenden Orgelharmonien auferlegt wird, müssen wir insoferne Einwand erheben, als es wirklich nicht erklärlich ist, wie die Kantorstimme mit der Orgelbegleitung beispielsweise bei Stellen wie usoluuo echod, leschem ul’siferes, welis’hilloh oder bei raw loch schewes be-emek habocho, selbst beim gewissenhaftesten Wertzählen gleichen Schritt halten soll, um bei der gegenbewegenden Harmonie des Orgelsatzes den sich selbstredend ergebenden Dissonanzen auszuweichen. Die Melodieführung als solche ist, wie bereits erwähnt, eine zweckentsprechende, und auch der Orgelsatz weist eine der jeweiligen textlichen Situation vollkommen entsprechende und mitunter farbenprächtige Modulation auf; allein die Orgel in der Synagoge darf keineswegs als T r ä g e r i n, sondern ausschließlich als Stütze des zu rezi Liren den Wortes erachtet werden. Die Rezitative im allgemeinen sind .einfach und tragen daher den Stempel der Natürlichkeit; die bei jedem V e r s s ch l u s s e wiederkehrende Modulation von F-dur zur verwandten Tonart 6-dur und Rückkehr nach F-dur wirkt etwas monoton und hätte von dem allenthalben zielbewußt schaffenden Komponisten sehr leicht vermieden werden können. Der hierauf folgende „Mah godlu“ ist stimmungsvoll einfach gearbeitet und kann bei dem praktisch gewählten Tonumfänge von jeder Stimmgattung leicht ausgeführt werden. Als ein treffliches, jüdisch empfundenes und musikalisch bedeutsam ausgestaltetes Rezitativ muß der nun verzeichnete Adcmoj moloch *) Man bezeichnet diese moderne Richtung im Gegensätze zum „polnischen Singen" mit dem Ausdrucke „deutsch Singen." 1fr. 3 erachtet werden. Rezitative dieser Gattung scheinen die eigentliche Stärke der Weißmannschen Muse zu sein. Wir begegnen in dieser Darbietung einer Piece im Baue des alten Steiger mit allen alt-chasanischen Ausschmückungen und steigergerechten Ausweichungen, deren Gesamtwirkung uns wirklich erquickt und abermals den Beweis erbringt, daß der alte Gesangsftil auch in den modernen Synagogen wieder aufzuleben beginnt, nachdem man gar so lange mit Vorliebe fremden Göttern gedient hat. Weißmann huldigt allerdings der unserer Ansicht geradezu gegnerischen Anschauung, daß ein in der Gegenwart geschaffenes, traditionell-synagogales Rezitativ zwar steigertheoretisch gebaut sein, jedoch auch der modernen Elemente nicht entbehren darf. Wir wollen, angesichts der Trefflichkeit des vorliegenden Opus mit ihm nicht hadern, müssen jedoch hier einer Erklärung Raum verleihen, die wir vor Jahren dem verewigten Lewandowsky gegenüber, der auch dem Weißmannschen Prinzipe zuneigte, kundgaben, und zwar der Ansicht, daß eine Mixtur des alten und modernen Stiles erst dann stattfinden darf, wenn die verschiedenen Anschauungen bezüglich der Steigertheorien geklärt erscheinen. Diese Tatsache ist aber de Laote im Seelenleben Weißmann's zur Reife gelangt; erbeherrscht die alte Rezitationsweise, die er ja bei Meistern allerersten Ranges kultivierte, ebenso souverain, wie er mit dem modernen Synagogengesangsstile vollkommen vertraut ist — nun denn, ein Kantorkomponift solcher Gattung darf nicht nur, sondern muß seine eigene Anschauung habe n*). Uebrigens galt und gilt ja noch heute die Mischung der Steiger innerhalb eines Tonstückes als hervorragende Qualifikation eines Chasen von Ruf. und muß es zugestanden werden, daß eine solche genial angewendete Mixtur von packender Wirkung ist, wie wir es auch beim Haschki- 'wenuNr. 4 desselben Autors erfahren. Nach einem charakteristischen kurzen Orgelvorspiele und ruhig im Steiger gehaltenen Rezitativ beginnt es mit einemmale bei der Stelle „^tzsakusuu beezo towo“ im Gedankenkessel des Autors zu zischen und zu brodeln, als ob er des Beirates einer höheren Macht sich um jeden Preis vergewissern wollte; Modulationen von F-dur nach 0-dur, A-moll, Gr-dur, Rückleitung nach C-dur, A-dur, Anklänge an andere Steiger und endliche Einkehr in den Hafen der Ruhe zur anfänglichen Tonbasis, wechseln im gegenseitigen Andrängen mit einander ab. Doch betrachtet man die Gesamtwirkung objektiv, so gelangt man zur Ueberzeugung, daß hier kein unbeabsichtigtes Ueberwuchern forciert tonlicher Momente, kein äußerliches Vordrängen einer gewissen Tendenz, sondern allein d i e Tatsache obwaltet, daß eine echt jüdische Sängerseele das Bedürfnis fühlt, die zarten Töne des Gemütes und die Regungen des Herzens auch im Seelenleben des zuhörenden Beters wachzurufen. Diese Weißmann'schen Rezitative schreiten elegant und salongerecht, modern und dennoch so traditionell warm tonillustrierend mit dem behandelten Wortinhalte einher, daß selbst wir, Kinder einer späteren Epoche, in tiefer Ergriffenheit eine Ahnung einstiger chasanischer Herrlichkeit erhalten. Wir vermeinen nun, den Charakter der Weißmannsichen Rezitativ-Komposition erschöpfend gezeichnet zu haben, so daß wir eines Eingehens auf die im Werke noch vorfindlichen Kompositionen uns enthoben erachten; denn allesamt tragen dieselben das gleiche, von uns dargelegte, edle und zielbewußte Gepräge, es müßte denn sein, wir wiesen noch nachdrücklicher auf den prächtigen Ni8cheberach Nr. 9, jehi rozon Nr. 10, mi scheosso Nr. 11, weal jede Nr. 13 rc. hin, welche in ihrer altväterischen Lieblichkeit und fachmännisch modernen Charakteristik uns eine wirklich beinahe vergessene Tonwelt erschließen. Wir leben der sicheren Ueberzeugung, daß Herr Weißmann dem Synagogengesange noch manche willkommene Gabe darbringen wird. Möge er sich bemühen, auch der grammatikalisch richtigen Wortdeklamation, sowie . der logisch-zweckentsprechenden Satzphrase sein Augenmerk zuzuwenden. *) Gelegentlich eines demnächst zu veröffentlichenden Aufsatzes „Das Verhältnis des Kirchengesanges zum alten Tempelgesang und deffen Rückwirkung auf den modernen Synagogengesang" dürste Gelegenheit geboten sein, diesen Gegenstand ausführlicher zu behandeln.

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