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Die Wahrheit · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit Seite 11. Mene Syrmgogen-Gesangswerke. Horinnob wehatefilloh. Songs and Prayers for tbe Sabbath Eve. Oomposed and arranged by _Rev. Salomon Baum, Cantor of Temple Beth Israel, New-York. Besprochen von Oberkantor Josef Singer in Wien. Der ausübende Kantor sowohl als der Synagogenkomponist soll bei seinen Schöpfungen nicht allein ein ehrlicher und getreuer Musikillustrator des zu behandelnden Wortmateriales sein; beiden fällt vielmehr noch die bedeutsame Aufgabe anheim, innerhalb ihrer gewissermaßen schablonenhaften Wirksamkeit auch Proben ihrer eigenen, mehr oder weniger geläuterten künstlerischen Individualität, wie nicht minder eine Charakterrstik ihrer Zeit zu bieten, um hiedurch entweder erbauend und befruchtend, oder oftmals leider im gegenteiligen Sinne auf Hörer und Leser einzuwirken. Wenn nun bei manchem nicht auf der Höhe feiner Aufgabe stehendem, trotzdem aber doch mit einem Amte betrauten Kantor wenigstens d i e Tatsache erlösend in die Wagschale fällt, daß seine kantoralen Darbietungen, dem dahinflatterndem Blatte gleich, von dein nächsten Windstoß hinweggefegt werden, so erscheint der durch den Druck festgefügte Ton gewissermaßen wie ein Vermächtnis für noch künftige Geschlechter. Diesem letzteren Gesichtspnnkle reiht sich bei dem vorliegenden Werkchen noch die interessante Tatsache an, daß wir gleichzeitig durch den Inhalt desselben in die Atmosphäre des amerikanischen Synagogengesanges eingeführt werden. Das vorliegende Bändchen behandelt den Freitag- Abendgottesdienst. Dieser erscheint selbst dem modernsten Juden, der nach vollendeter Wochenarbeit. Ruhe und Erbauung heischend, die Synagoge aufsucht, gleichsam als Herold des Friedens, daher sollen auch die Klänge, welche für einen Lecbo dodi rc. gewählt werden, nicht etwa welterschütternde Gesangsoffenbarungen verkünden, oder in larmoyant-düsterer Weise durch kaum vernehmbares Pianogesänsel bald, bald auch durch titanenhaft - gewaltsanies Hinausschmettern ungerechtfertigter Töne vermittelt werden, sondern es muß die lauterste komponistische Absicht obwalten, dieser liebenswürdigen, friedlichen, ruheatmenden Stimmung, der Freitagabend-Stimmung, gerecht zu werden. Das letztere ist dem Komponisten vorliegenden Merkchens trefflich gelungen. Keusch, wie der Lockruf einer Braut dem Geliebten gegenüber, tönt der Lecho dodi in Gr-Dur, 3/4-Takt. dprch das in einfachste Farben getauchte melodische Kolorit uns entgegen und behält das letztere, sowohl in dem Kantorsolo, als im Chorsatze, als auch in der Orgelbegleitung eine geraume Meile getreulich fest, obgleich die polyphone Ausgestaltung so manch interessante, um nicht zu sagen blendende Wendung erfährt, um beim Hisosori, diesem inhaltlich vermittelten Szenenwechsel, für die Aufforderung zum Jubeln mit einer etwas helleren Tonmalerei einzusetzen. Das hierauf folgende Boi wescholom-Largo erscheint uns etwas zu ungerechtfertigt in kirchliche Choralnoten gekleidet, welche Lizenz wir schon mit Rücksicht auf die im Texte vorkommenden mannigfachen scbwa und -chataf und in weiterer Berücksichtigung seiner später bekundeten konservativen Gesinnung vom Komponisten nicht erwartet hätten. Was hat der Choral in der Synagoge zu suchen? Doch der Komponist scheint sich noch rechtzeitig seines Unrechtes bewußt zu werden: denn der zweite Teil dieses Boi wescholom und namentlich der Schluß-De'obo dodi ist der äußeren Musikform gerecht und melodisch wie harmonisch, wenn auch kontrapunktistisch nicht ganz einwandfrei, doch im ganzen annehmbar gehalten. Das hierauf folgende Mismor scbir ljom reiht sich der ersten Komposition würdig an; die modulatorische Ausgestaltung ist, dem Texte getreu, zumeist lebendig und kann bei korrekter Aufführung entsprechender Wirkung sicher sein; die Rezitative bewegen sich in der allgemein bekannten Sulzerschen Weise, ohne derselben jedoch sklavische Folge zu leisten, was anerkennend vermerkt werden soll. Noch bedeutsamere Anerkennung gebührt dem Komponisten für seine liebevoll ergebene Behandlung des Traditionsgesanges und der Steiger. Man erachte diese Begriffsznsammenstellung ja nicht als Tautologie; denn der Traditionsgesang bedeutet eine bestimmte, von unseren Altvorderen übernommene melodische Tongruppe, während der „Steiger" das theoretische Jntervallverhältnis für die letztere dartut. Die theoretische Aufstellung der „Steiger" ist ein Ergebnis der letzten Jahrzehnte, und es erfüllt uns mit wahrhafter Genugtuung, hier in diesen! Büchelchen der ersten praktischen Nutzanwendung derselben zu begegnen. Dieser erstmalige Versuch, die Steigertheorie auch im Orgelsatze zu verwenden, verleiht uns — beim vollen Zugeständnisse der in vorliegender Komposition vorhandenen Verstöße gegen den reinen Satz — die sicherste Gewähr, daß der Stützpunkt für die Gemeinsamkeit des synagogalgesanglichen Stiles ausschließlich eben nur in der Steige rt h e o r i e z u suchen und auch zu finden sei. Man betrachte das Orgelpräludium zu Haschkiwenu, Nr. 7. Der Komponist ist augenfällig bezüglich der Tonartfixierung im Zweifel, trotzdem die ersten Töne des Orgelvorspieles E, F, Gis, A, H, C, D lauten, daher zweifellos das Jntervallenverhältnis der disvbtabaob-Tonart aufweisen und zudem die Komposition ganz formgerecht mit dem Dreiklang o-gis-b schließt. Wer von uns jemals einem Chasen als Meschorer assistierte, daher Nesbores machen mußte, dem wird dieses Plasobkiwenu-Orgelvorfpiel mit seinem exotischen Troß von musikalischen Begleiterscheinungen sofort als ein trauter, langgewohnter, aber auch schon langvergessener Klang entgegentönen — und wenn auch die einstigen Formen des uns so liebgewesenen „Sing-Sang" eleganter, sauberer und vornehmer gestaltet, wenn auch die einstige ästhetische Lüderlichkeit abgestreift und eine salonfähigere Gewandung gewählt wurde — das alte, liebe Angesicht unserer teueren Nesbore lacht uns allenthalben entgegen und grüßt uns, wenn auch nach moderner Meise, dennoch mit der einstigen alten Freundlichkeit. Dieses Orgelvorspiel kann unmöglich der Intention eines unserer nichtjüdischen Tonheroen entstammt sein, der Schöpfer derselben muß ganz entschieden ein Chasen oder zumindest ein einstiger Meschorer gewesen sein. Das hierauf anschließende Kantorrezitativ webogen baadenu bewegt sich im gleichen antiquen Geleise; um der Eintönigkeit vorzubeugen, moduliert der Komponist bei Beibehaltung des gleichen Jntervallenverhältnisses nach der A- Basis, um jedoch beim nächsten Ruhepunkte wieder mit der Originaltonart zu schließen; ein stimmungsvolles, trefflich gewähltes Intermezzo bietet das hierauf folgende, obgleich modern gestaltete uwezel kenofecho, während das Kantorrezitativ mit Orgelbegleitung „bapores“ wieder vollständig im Steigerstile gehalten erscheint. Mir führen die Piece notengetreu hier an, damit jedem der geehrten Leser Gelegenheit geboten sei, selbst zu prüfen und sich zu überzeugen, daß es ganz gut möglich ist, auch in polyphoner Beziehung streng steigergetreu zu arbeiten, ja die uns immer noch unjüdisch entgegenbrausenden Orgelklünge im gleichen Sinne für unsere Zwecke dienstbar zu machen; vielleicht gelangt dann auch die Anschauung zum Durchbruche, daß die Steigertheorie das einzige Mittel sei, um endlich eine musikalisch-einheitliche Srilgemeinsamkeit in den Gotteshäusern Israels anzubahnen. res suÄas scfia-Zom O - le — Ttuivalkäl Der Stil dieser winzigen, unscheinbaren Piece spricht selbst für sich und bedarf keines weiteren Kommentars; wie es auch einleuchtend erscheinen dürfte, daß die Borzeichnung von drei Kreuzen für die Jischtabach- Tonart der A-Basis irrtümlich gewählt sei; das einzige in der Baßfigur des dritten Taktes auftrelende Gis hätte stilgerechter mit G geklungen, wenn wir auch hiebei auf den allerdings nur durchgehend auftretenden, verminderten Septakkord verzichten müßten. Zum Schlüsse sei noch eines Adon olom in A-Dur gedacht, der mit allen overetlenhaften, polyphonen, melodischen und harmonischen Hilfsmitteln ausgestattet, ganz eklatant den amerikanischen Geschmack darlegt. Wir goutieren diese etwas zu romantische Glut keineswegs, allein, da die Komposition für andere Verhältnisse bestimmt ist, und unter diesen, unseres Erachtens, Anklang finden dürfte, zudem aber auch wirklich eine Opulenz von. wenn auch hie und da erborgten Schönheiten und melodischen Schmeicheleien in sich birgt, so wollen wir es hiebei bewenden lassen. An jüdische Mädchen und Frauen! Im Anschluß an das Spital der israelitischen Knltusgemeinde in Wien wird eine Schule zur Heranbildung von Krankenschwestern für Spitals- und Privatpslege errichtet werden. Mädchen und Frauen im Alter von 20—35 Jahren, welche mindestens Bürgerschulbildung besitzen, der deutschen Sprache vollkommen mächtig sind und Lust zum Pflegerinnenberufe haben, bietet sich dadurch Gelegenheit zu humanitärer Tätigkeit, sowie auch zu dauernder Versorgung. Bewerberinnen müssen sich nach dem ersten Lehrjahre verpflichten, mindestens 3 Jahre gegen Entlohnung dem Schwestern-Jnstitute anzugehören, können aber auch nach dieser Zeit im Verbände desselben verbleiben und nach einigen Jahren Pensionsberechtigung erlangen. Bewerberinnen, die bereits im praktischen Pflegedieust gestanden find, werden bei der Aufnahme nicht bevorzugt. Selbst geschriebene Gesuche (mit Angabe des bisherigen Lebenslaufes) sind zu richten an die Humanitäts-Vereinigung ..Eintracht" B. B. (Pslegerinnercheirn"), Wien, IX., Universitäts strafte 4, woselbst auch auf schriftliche Anfragen genauere Auskunft erteilt wird.

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