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Die Wahrheit · 1907-04-12 · Heft 14 (12.4.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 14 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit iHebnftiou u. Slbmimftratiou: ipieil. II/, Äkovaragasse 27. Leleph»« Nr. der Druckerei 15302. 3 Hiev *\t£ Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsu. Sujeittouä* betrage sind in Wie» zahlbar und klagbar. nabhängige Heitfchrift für jüöische Interessen. Erscheint jeden Kreitag. Notto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Kerngspyeis. Ganzjährig ... fl 14.— Halbjährig . fl 7.— Füt (iaUu^beumte: 'U.iiizjährig st. t» Für Auslnud; Äanziährig . . . a Mark 5 Rubel ober 16 Fcr Ur. 14. Wien. 12. April Inhalt: Aus der Woche. — Anfang und Ende des Peßachfestes. — Moses Chaim Luzzatto. — Hilfsaktion der „Israelitischen Allianz" in Rumänien. — Hilssverein „Jto". — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Amulette des Wunderrabbi. — SOjähriges Amtsjubiläum. — 25jähriges Amtsjubiläum. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Aprit begonnene 2. Kuartat ersucht, damit die regelmäßige Ausendung des Mattes keine Unterbrechung erleide. Die Redaktion. Ans der Woche. Die Werbekraft des kranken Führers Dr. Lueger geht den Herren Antisemiten bei den Vorbereitungen zu den Reichsratswahlen wohl auf allen Seiten ab, aber die Meister der Lüge und Verläumdung sind um ein zugkräftiges Agitationsmittel nicht verlegen und da die Juden gerade das Peßachfest gefeiert haben, sieht man die antisemitischen Hetzjournale bereits am Werke, das landesübliche Ritualmord-Märchen zu neuem Leben zu erwecken. Die vielen Blamagen, welche sich das „Deutsche Volksblatt" mit seiner infamen Ritualmordhetze geholt hat, hält die erfolgreichen Arrangeure der Polnaer Affaire von der Erfüllung ihrer Lieblingsaufgabe nicht ab, und so wird die lügenhafte Erzählung eines schwachsinnigen oder geisteskranken Dienstmädchens, das bei jüdischen Arbeitsgebern bedienstet war und eigenmächtig dem Dienste entwich, mit blutrünstiger Phantasie und infamer Entstellungskunst zu einem Ritualmordversuch gestempelt. Die polizeilichen Erhebungen und die Untersuchung der Dienstmagd Karoline Posednik durch zwei, notabene, christlichen Polizeiärzte hat wohl ergeben, daß von den beiden Schnittwunden, die an der Unterseite des rechten Schenkels angeblich zur Blutentziehung für rituelle Zwecke gemacht wurden, keine Spur fei und daß das Mädchen wahrscheinlich geisteskrank ist, aber das „Deutsche Volksblatt", das nach bewährtem Muster seine eigene Uutersuchungskommission eingesetzt hat, hält seine lügenhaften Behauptungen noch weiter aufrecht und spricht von einem „mysteriösen Vorfall, der noch einer dringenden Aufklärung bedarf." -i- * * Die Aufklärung ist wohl durch eine polizeiliche Darstellung des Falles gegeben worden, aber sie ist nicht nach dem Geschmacke des Deutschen Volksblattes, das sich durch seine Hintermänner stark genug fühlt, die Angaben der polizeilichen Funktionäre als unwahr hinzustellen. Daß übrigens die Polizei, deren Organe in einem zweiten Artikel des Hetzblattes ziemlich despektierlich behandelt werden, nicht in Form einer amtlichen Berichtigung das Deutsche Volksblatt zur Aufnahme und Anerkennung des wahren Sachverhaltes gezwungen hat, ist immerhin ein Beweis der großen Schonung, deren sich die Antisemiten gegenwärtig überall erfreuen. * * * Angesichts solcher Vorkommnisse noch von ..jüdischem Einfluß" in Wien zu faseln, dazu gehört wirklich eine große Portion Frechheit und Böswilligkeit, und wenn ein Antisemit sich auch nur einen Funken von Ehrlichkeit bewahren könnte, müßte er geradezu darüber empört sein, daß zur Agitation für die bevorstehenden Reichsratswahlen in der antisemitischen Presse und in den antisemitischen Wählerversammlungen überall das abgebrauchte Schlagwort von der ..Berjudung" und dem „jüdischen Einflüsse" ertönt, mag von welchem Gebiete der öffentlichen Tätigkeit und des sozialen Lebens immer die Rede sein. Ja selbst am Bäckerstreik, trotzdem es nur verschwindend wenige jüdische Bäcker in Wien gibt, sollen die Juden schuld gewesen sein. Wenn man den Wort- und Schriftsührern der Antisemiten glaubte, dann muß man die Juden hassen; weil sie erstens alle Schacherer und Trödler seien; zweitens weil sie nur darnach streben, in der Kunst und in der Literatur eine Rolle zu spielen; drittens, weil sie samt und sonders nur hohe Stellungen im Staate und in der Wissenschaft erobern wollen; viertens, weil sie alle Bankiers und Finanzmänner sind.... rc. rc. Daß jede einzelne dieser Behauptungen die andere aufhebt, da die eine Beschuldigung die andere aus der Welt schafft, liegt klar auf der Hand, aber einen echten Antisemiten darf das nicht anfechten, und so wird auch diesmal das „Volk von Wien" dem Rufe der Hetzer folgen und mit ungeschwächter Begeisterung die Gesinnungsgenossen von Schneider und Bielohlawek wühlen. =*= * Der strammen Disziplin und Einmütigkeit der Antisemiten stehen Zerfahrenheit und Zersplitterung in jüdischen Wählerkreisen gegenüber, und wenn nicht bald die Erkenntnis platzgreift, daß es geradezu töricht ist, wenn um die beiden Mandate, die die Wiener Juden gewinnen könnten, unzählige Kandidaten sich herumstreiten, dann ist große Gefahr vorhanden, daß auch das Kaiviertel in der inneren Stadt und der erste Wahlkreis in der Leopoldstadt an die Antisemiten verloren gehen. Die im Hinblicke auf diese Gefahr in unserem Blatte gegebene Anregung, von sämtlichen bisherigen Kandidaten abzusehen und zwei neue Kandidaten zu nominieren, die kraft ihrer Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeit nicht nur für ein Abgeordnetenmandat berufen erscheinen, sondern auch geeignet sind, vermöge ihrer Popularität die gespaltenen Parteien in unserer Mitte zu vereinigen, reift wohl der Verwirklichung entgegen, aber immer sind noch große Widerstände zu besiegen. Hält man jedoch an der

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