Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akfhsit »(ebnftion «. Sldminist, alion: Wien, II/, Novaragasse 27. Abonnementsii. Znierrioiis. betrüge sind in Wien zablbcir und klagbar. ünlrrate Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile Sä Heller. Telephon Nr. der Druckerei 1531)2. Unabhängige Aeitschrift für Mische Sniere^en. Erscheint jeden Kreitng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Kerngspvets: Äanzjähri., . . ft i4 — Haldjähri« ft 7 — tViu iLiiltiiSveuinle: itt.iinjntjrirt . . ft i» - Für Ansland. lÄnnzjährig . . . s Ufturf 6 Nudel oder ltf Fcs |lr. 9. Wien, 1. pari «997 Zuhalt: Aus der Woche. — Die Großen und Kleinen für und gegen das nationale Judentum. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Dr. Samuel Mühsam. — Amerikanischer Brief. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Rose von Saron. — David Kohn, Lberkantor in Arad — Ueber die einheitliche Gestaltung des Gottesdienstes. Ans der Mache. Der Mangel einer politischen Organisation der Juden in Oesterreich und besonders der Mangel an wirklich führenden Persönlichkeiten innerhalb der Wiener Judenschaft ist nie so recht fühlbar geworden wie jetzt, wo wir mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes vielleicht in eine der bedeutungsvollsten Phasen der österreichischen Geschichte eintreten. Uns Juden hat das neue Wahlrecht nur blutwenig gegeben, aber um dieses Wenige, das angesichts der sicheren Zunahme der reaktionären und antisemitischen Elemente in dem neuen Volkshause, mit politischer Klugheit zielbewußt ausgenützt werden sollte, herrscht kleinliches Gezanke, und wie auf offenem Markte liegen die wenigen jüdischen Abgeordnetenmandate, nach denen jeder, ob er dazu berufen ist oder nicht, seine Hand begehrlich ausstrecken kann. Und ganz besonders bezüglich der beiden Reichsratsmandate im Wiener Quaiviertel und im ersten Wahlkreise in der Leopoldstadt, welche jüdischen Bewerbern sicher zu sein scheinen, drängt sich die Frage auf, ob denn die offizielle Vertretung der Wiener Judenschaft nicht den Einfluß und den Mut besitzt, Männer vorzuschlagen, die vermöge ihrer bedeutsamen und nach jeder Richtung einwandfreien Persönlichkeit nicht nur die einmütige Zustimmung der eigenen Wühlerkreise sondern auch die Achtung der Gegner finden müssen, und jene energisch abzuwehren, die wohl die Aspiration aber nicht die Eignung besitzen, die Wiener Judenschaft im Parlamente zu vertreten. * * * * Während die Gegner bereits gerüstet dastehen, herrscht im jüdischen Lager noch eine völlig unklare Situation, die auch in der durch die . österr. israel. Union" jüngst einberufenen Wählerversammlung nicht klarer wurde. Als Kandidaten für das Quaiviertel traten kais. Rat Anninger, Gemeinderat Dr. Hein, Dr. Viktor Rosenfeld, der allerdings zur Ueberraschung der über diese Komödie empörten Versammlung nach einer Stunde seine Kandidatur wieder zurückzog, und Dr. Schreiber auf, und für den I. Leopoldstädter Wahlkreis kandidierten Dr. Josef S. Bloch, der bisherige Reichsratsabgeordnete Dr. Ofner und der Obmann des zionistischen Landeskomitee Dr. Schallt, wobei, wie wir bemerken müssen, die Zahl der Bewerber noch nicht abgeschlossen ist. Sämmtliche Kandidaten fanden bei ihren Ausführungen ebenso viel Widerspruch als Zustimmung, und man mußte fast den Eindruck gewinnen, daß kein einziger der Versammlung ganz besonders ans Herz gewachsen sei. Zu dieser Unentschlossenheit und Unklarheit in der Kandidatenfrage kommt noch eine gewisse Unaufrichtigkeit hinzu, die immerhin ein Zeichen ungesunder Verhältnisse ist und die besonders bei der Kandidatur des Dr. Bloch zu Tage tritt. Wo man in Wien geht und steht, kann man, bei aller Anerkennung der Verdienste Dr. Blochs in der Robling-Affaire, es hören, daß man sich bei Vergebung eines Abgeordnetenmandates nicht von Gefühlen persönlicher Dankbarkeit, sondern von den Rücksichten auf das allgemeine Interesse leiten lassen müsse und daß gerade aus diesem Grunde Dr. Bloch nicht geeignet sei, die Wiener Judenschaft im österreichischen Parlamente zu vertreten. Trotzdem haben manche, sogenannte maßgebende Personen, vielleicht aus allzugroßer Vorsicht, weil Dr. Bloch als Herausgeber einer Zeitung eine gewisse, nicht zu unterschätzende Macht repräsentiert, nicht den Mut, ihrer Meinung ehrlich Ausdruck zn geben, und andere wieder unterstützen angeblich seine Wahl, um nachher, kaum sie seinem Gesichtskreis entschwunden sind, schmählich auszukneisen. Das ist allerdings kein würdiger Vorgang. Soviel hat der Mann doch verdient, daß man ihn offen und ehrlich ablehnt, und wenn seine Liebe zum Judentum, woran, wir gewiß nicht zweifeln wollen, aufrichtig ist, wird er auch nach erfolgter Ablehnung seine reichen Talente weiterhin auf publizistischem Gebiete im Dienste des Judentums verwerten. * Wie wir vernehmen, soll die Stntungsnrkunde für die 20 Millionen-Sliftung des Baron Rothschild bereits fertiggestellt fein und die Aktivierung in nächster Zeit erfolgen. Die behördlichen Vertreter im Kuratorium sind bereits nominirt und auch der antisemitische Landesausschuß hat drei Vertreter in dasselbe entsendet. Ueber die weitere Zusammensetzung des Kuratoriums ist bis jetzt noch nichts Näheres bekannt, doch hoffentlich wird Baron Rothschild für alle Zukunft Kautelen schaffen, daß von dieser von einem jüdischen Wohltäter errichteten Stiftung Juden zumindest nicht ausgeschlossen werden. Bei den schlimmen Erfahrungen, die man mit anderen aus jüdischem Gelde geschaffenen Stiftungen machte, auf welche die antisemitische Stadtvertretung Einfluß gewann, ist die Besorgnis, die sich uns bezüglich der Zukunft dieser Stiftung aufdrängt, keineswegs aus der Luft gegriffen. -i- -i° * Die Herren Konservativen und Antisemiten in Deutschland haben es bei der letzten Reichsrätswahl bekanntlich nicht verschmäht, auch mit Hilfe jüdischer Stimmen Mandate zu erlangen, aber wenn ein Jude in irgend einen Vertretungskörper berufen wird, das können sie nicht vertragen. So regt sich das Stuttgarter konservative Organ, die zugleich antisemitische „Deutsche