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Die Wahrheit · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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♦ Moritz Pereles, Moritz MaUerstei«. Ein kantorales Bild von B. Singer, Jungbunzlau. (Fortsetzung.) Unser Kollege aus der Meisel-Synagoge war jedoch stets non gleicher Charakterfestigkeit, wenn auch ein gewisser vornehmer Zug, der, fast möchte ich sagen, wie stolz aussah, nicht jeden an ihn heranzog; über auch diese kühle Zurückhaltung, wie sie Männern von hoher Bildung eigen ist, hatte ihren Grund in seiner ernsten und vornehmen Persönlichkeit. Wenn nun dieser Mann vielleicht unter der Kollegenschaft nicht so Populär und bei der Wiener Kantoren-Vereinsleitung nicht so bekannt war, so ist dies leicht erklärlich. Sein viel älterer Fachgenosse P e r e l e s hingegen, war wegen seiner burschikosen Art, in welcher er sich gerne gab, namentlich bei den Kantoren auf dem Lande sehr beliebt. Dies brachte eben auch seine Geschäftstätigkeit mit sich, wie ich seinerzeit über ihn schrieb: „P e r e l e s hätte große Beziehungen zu Handelsfirmen, und seine Popularität wuchs in dem Maße, als er eben nicht nur fahrender Kaufmann, sondern auch fahrender Sänger geworden war. In dieser Doppelstellung wußte er stets sein Geschäft zu machen. Man kannte nicht nur sein Geld, sondern auch sein Lied, und beides fiel schwer in die Wage." Schreiber dieser Zeilen weiß sich aus seiner ersten Jugendzeit genau zu erinnern, daß er auch sein Clternhaus in Leipa einigemale besuchte. Es war eines Abends, gerade hatten wir den Chorverein bei uns, und der Vater unterrichtete. Da kam P e r e l e s wie hereingeschneit zu dieser Probe, und aus der strengen Gesangsstunde war nun eine der gemütlichsten Unterhaltungen geworden, die bis in die grauen Morgenstunden mährte. Treten wir nun dem Komponisten P e r e l e s näher und Dergleichen wir seine Produkte mit denen seines jüngeren Genossen. Pereles arbeitete noch ganz im Style der sogenannten Biedermannszeit, in welcher jede halbwegs angemessene Melodie -gut genug war, um sie den Zwecken des gottesdienstlichen Gesanges nutzbar zu machen. Es war eben jene Uebergangszeit, die in dem Spiegelbild des alten „Schn- Zion“ alles wiederzuschauen vermeinte, was ästhetisch schön war, ohne skrupulös zu fragen, ob es auch jüdischen Charakters ist. Daher ist nicht zu bsrwündsrtt, wenn sich der Schüler S u l z e r s zum Transskriptor verschiedener aus Opern und anderen profanen Musikstücken stammenden Sachen machte, die er freilich mit dem ihm eigenen Talente auf hebräische Texte verarbeitete. So eine Lsänsoüa auf die Melodie „Die volle Börse" (..Nachtlager von Granada"), ein Kiddnsch. der aus „Lncretia" entlehnt ist> rc. Die ernst Denkenden in der Musik konnten ihm das nicht verzeihen; seine Schwärmer hingegen erblickten hierin eine neue Seite seiner Genialität. Doch vergessen wir auch seiner liturgischen Arbeiten nicht, wie: Grvs8obo1or godol, Geschem, ¥eschomru rc. Der Studiengang W a l l e r st e i n s und auch die spätere Zeit brachte es mit sich, daß die jüdische Tonkunst von ihm wie von seinen Zeitgenossen schon selbständiger und stylvoller, systematischer äufgefäßt wurde. Dies in seinen Kompositionen zu betätigen, hat W a l l e r st e i n sich ernstlich bemüht. Ich erinnere an die vor Jahren von Dr. v. B e l s k y erschienene Kritik über Hochzeitsgesänge W a l l e r st e i n s, in welcher er den echten orientalischen Charakter mit den markanten übermäßigen Intervallen hervorhebt. Weiteres Zeugnis von edlem Bestreben gibt sein Werk „Ner Tomid“. Darin kommt jenes Jöscköw besseser vor, welches 1883 zum erstenmal anläßlich dss LsicheühegäUßnisses des verstorbeüett Predigers Dr. Stein gesungen wurde. EZ ist etile tief stimmungsvolle Piere, welche, einmal gehört, UttäUslöschlich ittt Ohre des Hörers fortlebt. Ihre Töne erheben sich gleich den mächtigen Quadern, die sich zu einem hehren Gebäude fügen, und in Begleitung dieser Töne haben wir den Komponisten selbst ruhmgekrönt zur ewigen Ruhe bestattet. Daß sich unsere beiden Männer auch persönlich näher standen, ist daraus zu ersehen, daß bei der 25jährigen Jubelfeier zu Ehren Pereles" neben R o s e n t h a l auch der kaum 18jährige W a l l e r st e i n als Pianist ausirat. Beide konnten sich rühmen, die bedeutendsten Zeitgenossen der Prager Kunstivelt ihre Freunde zu nennen. So war Richard Geuse ein Intimus von Pereles und Domkapellmeister Johann Nep. Skraup verkehrte viel in seinem Haus. Auch mit Franz Arnold Vogel und dem alten T a u w i tz haue er innige Beziehungen, weil Pereles auch eine Zeit hindurch Leiter des Gesangsvereines „Arion" war. (Schluß folgt.) Vierzigjährige Amtswirksamkeil. In den letzten Tagen des vorigen Monates ist Oberkantor I. Süßkind nach 40jähriger, hervorragender Amtstätigkeit in der Hamburger deutschisrael. Gemeinde in den Ruhestand getreten. In welch auszeichnender Weife er aus diesem Anlässe allgemein geehrt wurde, darüber wird der „Jüv. Pr." aus Hamburg folgendes berichtet: Im Jahre 1667 kam S ü ß k i n d ans seiner Heimatstadt Wilna nach Hamburg, wurde hier von Herrn Oberrabbiner Stern als Schochet angestellt und fungierte zugleich im benachbarten Altona m der Hauptsynagoge als Vorderer. Acht Jahre später wurde er als Oberkantor an die hiesige Gemeindesynagoge Kohlhöfen berufen. Mit seiner geradezu phänomenalen Tenorstimme zählt S ü ß k i n d seit vielen Jahrzehnten zu den berühmtesten Berufsgenossen in Deutschland. Alle Angebote, sich der Bühne zu widmen, schlug er aus; denn als echter, treuer Jehudi wollte er die ihm gegebene Gottesgabe auch nur zu Ehren Gottes verwerten. Der Altmeister des synagogalen Gesanges, dessen Verdienste um die Ausgestaltung des Gottesdienstes in unserer Gemeinde gelegentlich seines 28jährigen Jubiläums allgemein anerkannt wurden, befindet sich noch heute im Vollbesitz seiner herrlichen Stimmittel; sein Rücktritt vom Amte wird daher allgemein bedauert. Eine besondere Auszeichnung wurde dem scheidenden Beaniten vom Hamburger Senat zuteil, der ihm folgendes Schreiben zu-! gehen ließ:! „Geehrter Herr S ü ß k i n d! Es ist der Senats-Kommission zur j Kenntnis gekommen, daß Sie, nachdem Sie fast vierzig Jahre im Dienste! Ihrer Gemeinde gewirkt haben, mit Rücksicht auf Ihr vorgerücktes Alter ' im Jänner dieses Jahres von dem Amte eines Oberkantors zurückgetreten sind. Sie haben Ihr Amt. wie der Kommission bezeugt ist, alle Zeit in hingehender Treue verwaltet und durch die Ihnen verliehene schöne Gabe des Gesanges zur Hebung und würdigen Ausgestaltung des Gottesdienstes wesentlich beigetragen. Zugleich hat die Ehrenhaftigkeit Ihres Charakters Ihnen das Vertrauen und die Zuneigung weiterer Kreise erworben. Die Kommission benutzt daher gern den Anlaß des Ausscheidens aus Ihrem Amte, um Ihnen die Hochachtung, die sie Ihnen zollt, zum Ausdrück zu bringen. Sie verbindet damit den Wunsch, daß Sie sich des wohlverdienten Ruhestandes im Kreise Ihrer geliebten Söhne noch viele Jahre zu erfreuen vermögen, und daß Ihnen Ihre gute Gesundheit und damit der Sonnenschein erhalten bleibe, den das höhere Alter am wenigsten entbehren kann. Die Senats-Kommission für die Angelegenheiten der israelitischen Religionsgemeinden. gez. Kahler." Eine Anzahl angesehener Gemeindemitglieder war zu einem Komitee zusammengetreten und veranstaltete am 27. Jänner zu Ehren des Scheidenden im Logenheim einen Festabend, zu welchem mit Herrn Oberrabbiner M. Hirsch Vertreter des Gemeindevorstandes und anderer Institutionen erschienen waren. Nachdem Herr S ü ß k i n d zu seinem Ehrenplatz neben dem Herrn Oberrabbiner geleitet worden war. begann die Feier mit dem vom Synagogenchor ausgeführten Gesang des Psalms 24. Hierauf trug Herr Oberkantor Dreiblatt unter Harmoniumbegleitung „'Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", Herr Schriftsteller S. G o l d s ch m i d t einen von ihm verfaßten schwungvollen Prolog vor. Im Anschluß an ein sinniges Festspiel ergriff sodann Herr Alfred Cohn das Wort zur Festrede, welche die Verdienste des Allverehrten in herzlichen Worten gerechter Anerkennung feierte. Seitens des Komitees wurde sodann eine kunstvoll ausgeführte Adresse in einer gepunzten Ledermappe, deren Deckel das Bild der Gsmeindesynagvge trägt, und das lebensgroße, von prachtvollem Bronzerahmen eingefaßte Oelgemälde des Herrn S ü ß k i n d. das ihn im Ornat darstellt, überreicht. Bei dem sich anschließenden Bankett wechselten Toaste und Festlicher mit einander ab. Einhelliger Jubel durchbrauste den Saal, als Herr Süßkind zum Schluß der Tafel noch einige Gesangstücke vortrug und damit den Beweis erbrachte, daß er noch heute als Siebzigjähriger im Vollbesitz seiner herrlichen Stimme ist. Erst in später Nachtstunde fand die wohlgelungene Feier ihren Abschluß.

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