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Die Wahrheit · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Wahrheit Lette 9. Nr. 6. K 10.—, Ignaz Helueider K 10.—, Arpad Reil L 10.—, Michael Lach K 10.—, Dr. B. Lach L 10.—, Dr. S. Stransky K 10.—, Dr. Albert Spitzer L 10.—, Paul Spitzer K 10. — , Jenny Spitzer K 2.—, Karl Raunereis K 10.—, Hermann Spitzer K 10.— . Budapest. Der durch Ableben des Rabbiners E l i a s e r P o ll a k vakant gewordene Rabbiner- und Predigerposten an der Rombachsynagoge soll nun bis zum nächsten Passahfeste wieder besetzt werden. Zu dem Behufe hat der Vorstand der Pester israelitischen Religionsgemeinde einen Konkurs ausgeschrieben und unter den zahlreichen Bewerbern vier Rabbiner zur Abhaltung von Probevorträgen eingeladen. Jeder von ihnen hat beim Freitag-Abendgottesdienst eine deutsche, und beim Hauptgottesdienste am Sabbat eine ungarische Kanzelrede zu halten. Als erster Prediger kam Dr. Elias Adler, Oberrabbiner von O'-Buda. Er wirkt in unserer Mitte, im dritten hauptstädtischen Bezirke und ist demnach weder ein Neuling noch ein Fremder. Die hiesigen Gemeindemitglieder kennen ihn und lieben ihn, da er sich durch seine eminente Kanzelberedtsämkeit, sowie durch sein konziliantes Gebühren im heiligen Dienste der Gottesverehrung und der Volksbelehrung sehr populär zu machen wußte. Dr. Adler, dem ein guter Ruf vorauging, rechtfertigte denselben im vollsten Maße. Ja, noch mehr. Man wußte, daß er zu den besten Rednern des ungarischen Israel gezählt werden kann, aber man wurde dennoch angenehm überrascht, da er bedeutend mehr geleistet hat. als man erwartete. Der Andrang zur Synagoge war em riesiger und mußten Schutzleute aufgeboten werden, um den berufenen Herren die ihnen reservierten Plätze freihalten zu können. Das herrliche Gotteshaus war gänzlich beleuchtet und von einer vornehmen Beterschaar vollkommen gefüllt. Auch die Damengallerie war dicht besetzt. Es waren erschienen: Die Vorstände der Gemeinde und der Chewra Kadischa, die Tempel- und die Synagogenvorsteher, Hofrat B e r t h o l d W e i s z, Schulinspektor Dr. Bernhard M a n k a c s a, Schuldirektor Nathan Halasz und die hervorragendsten Gemeindemitglieder. Das Rabbinat hatte sich ferngehalten, weil es neutral bleiben und die einzelnen Baalbatim nicht zu Gunsten des Einen oder des Andern beeinflußeu möchte, was nur gebilligt werden kann. Dr. Adler wurde zu seinem Sitze geleitet, ihm zur Seite nahm der Kultuschef L u d w i g Adler platz. Es begann das Minchagebet. dann vollzog Meister T k a t s die Einsegnung des Sabbats, worauf Oberrabbiner Dr. Adler die Kanzel betrar und ausgehend von der laufenden Perikope (Jithro), einen formvollendeten gottesdienstlichen Vortrag hielt, welcher dreiviertel Stunden in Anspruch genommen. Er schilderte den Zeitabschnitt vom Auszug aus Mizrajim bis .zur Offenbarung am Sinai, streifte den midjanitischen Priester I e tr o und den Erzfeind Israels. A male k, dessen Nachkommen noch am Leben sind, 'brachte passende Erzählungen aus dem Talmud, sprach von der Erziehung des Heranwachsenden Geschlechtes, das die Sprachen Galliens und Britaniens kennt, dem aber die „heilige" Sprache fremd ist; auch ist die Jugend in der Weltgeschichte gut bewandert, aber von der Geschichte ihres Volkes weiß sie soviel wie nichts, und schloß mit der Apostroftrung der Mutter. Er sprach von der Mutterliebe, von der Mutterzärtlichkeit. von den Thränen der Mutter und von — der frommen Mutter, welche die Hände ihres Kindes faltet und ihm das Sch'ma vorsagt. Dr. Adle r, der ein sehr sympatisches Aeußere besitzt, spricht — und das muß heutzutage in Ungarn besonders betont werden — ein schönes gewähltes Deutsch, sein kräftiges Organ durchdrang alle Räume des großen Gotteshauses und auch seine Gesten sind angenehm und nicht aufdringlich. Was Wunder nun, daß seine prächtige Rede eine sichtlich tiefe und nachhaltige Wirkung erzielte. Oberkantor Israel Tkats verrichtete sodann das Abendgebet. Nach demselben kamen die Koryphäen der Gemeinde zum Oberrabbiner um ihn zu beglückwünschen. Am Sabbattage hielt Oberrabiner Dr. Adler eine halbstündige ungarische Kanzelrede. Er sprach über den Dekalog, über die Heiligkeit und Wichtigkeit der Thora für das Volk Israel, wie auch für die gesamte Menschheit. Dabei kam er auch über die so tief eingeriffene Gleichgültigkeit des modernen Judentums in religiösen Dingen zu sprechen und findet er in der möglichst intensiven religiösen Erziehung unserer Jugend das Heilmittel für das gerügte Uebel. Nach dem Gottesdienste wurde Dr. Adler, dessen heutiger gottesdienstlicher Vortrag auf gleicher Höhe mit dem Gestrigen gestanden, von den Anwesenden vielfach beglückwünscht. Der Oberrabbiner, welcher des Sabbats wegen nicht nachhause gehen komue. nahm im Grand .Hotel Hunguria Wohnung. Daselbst beehrten ihn am Sabbatnachmittag der Gesamtvorstand der Gemeinde mit seinem Besuche und sprachen sich die Herren ungemein lobend über das Gehörte aus, das allgemeinen und ungeteilten Beifall gefunden. Er ist ein jüdischer Redner gar seltener Art. v. H. 8. Budapest. Sonntag abends hatte der Präsident der Pester Chewra Kadischa, Jakob B o s ch a n, die Mitglieder des engeren Aufnahmskomitees zu sich gebeten und gab ihnen zu Ehren und als Anerkennung ihres.unermüdlichen Wirkens «'in Souper, woselbst es große Tafelfreuden und noch eine besondere Freude. für den gastfreundlichen Hausherrn gegeben. Die Herren ließen nämlich aus eigenen Mitteln zwei kostbare Silberbecken anfertigen, die vermöge ihrer künstlerischen Ausführung wahre Kunstwerke bilden. Direktor Arnold Kohn überreichte dieselben namens des Komitees dem vielverehrten Präsidenten Jakob B o s ch a n. wobei er an ihn eine gediegene Ansprache richtete und denselben ersuchte, die beiden Becken in das Eigentum der Chewra Kadischa gelangen zu laffen. Sie sollen dazu dienen, bei den kommenden Aufnahmen in den Chewraverband die Spenden für das Alterversorgungshaus, sowie für das „Haus der Liebe" aufzunehmen. Präsident Bosch an dankte sowohl in seinem, wie auch im Namen der Chewra Kadischa für das sinnige und überaus wertvolle Geschenk, das er mit großer Freude seiner Bestimmungzuführen werden. Budapest. Das Budget der großen Pester Chewra Kadischa pro 1907 beträgt 739.150 Kronen. Wir kommen nächstens noch darauf zurück. Budapest. Gelegentlich eines Vortrages, den der hauptstädtische Lehrer Julius Gabel kürzlich in Gegenwart des Erzherzogs Josef und der Generalität über sein Schreib- und Leseunterricht-System hielt, versprach Gabel, die zur Demonstrierung beigestellten fünf absoluten Analphabeten werden nach zehn Lektionen ihren Tank für das Erscheinen des Erzherzogs schriftlich abstatten. Die letzte Lektion fand heute in der Lobkowitz-Kaserne mit glänzendem Erfolge statt; anwesend waren G. d. K. Graf lt ex kü ll- Gyllenband und andere hohe Militärs. Die fünf Ex-Analphabeten schrieben alle große und kleine lateinische Buchstaben, die Namen des Königs und des Korpskommandanten nach Diktando, sowie andere Worte nach Gehör ganz korrekt nieder. Nun wurden dem Korpskommandanten die Schriften der Zöglinge vorgclegt, darunter ein Dankschreiben an Erzherzog Josef und an den Korpskommandanten. G. d. K. Graf Uexküll- Gyllenband drückte seine besondere Zufriedenheit über das Gesehene und Gehörte aus. Der Unterricht ist vom Oberlieurenant A u l i ch geleitet worden, der auch Unteroffiziere im Unterrichten ausgebildet hat. London. Dem „Jewish Chrouiele" wird aus Tripolis über eine fürchterliche Bluttat berichtet, der eine jüdische Familie zum Opfer fiel. Ein Muhamedaner drang, als Frau verkleidet, in das Haus des Abraham Braka ein, dessen Gattin er sich in Abwesenheit des Mannes gefügig machen wollte. Als die Frau allen Drohungen und B'.tte'.r gegenüber standhaft blieb, tötete der Unmensch, um seine Drohung wahr zu machen, ihre beiden Kinder von fünf und sieben Jahren, um dann selbst einem Dolchstich der unglücklichen Mutter zum Opfer zu fallen. Die Frau wurde beim Anblick ihrer ermordeten Kleinen wahnsinnig und mußte in ein Asyl gebracht werden. Dem Ganzen setzte der Richterspruch die Krone auf. der — den unglücklichen Vater verhaften ließ, weil er sein Haus allein gelaffen und dadurch die Tragödie verschuldet habe. Die Wose von Saron. Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) „Gewiß kann es mir aus mehreren Gründen nur angenehm sein, wenn mein Werk in fremde Sprachen übersetzt wird, doch möchte ich nicht gerne selbst unterhandeln, um aus diese Art mein Inkognito zu gefährden. Bitte sehr, übernehmen Sie dies und schauen Sie, so viel Geld als möglich herauszuschlagen. Sie wissen, ich kann Geld immer brauchen." „Gnädige Frau sind ein Unikum. So ideal veranlagt, und dabei so praktisch." „O, bitte! Ich war ja auch einmal Geschäftsfrau, und zwar eine Geschäftsfrau wie sie nur eine Schriftstellerin sein kann, das ist unvorsichtig und unpraktisch. Doch ich mag nicht gerne an die trübste Zeit meines freudenarmen Lebens erinnert werden. Also Sie übernehmen die Unterhandlungen mit dem Ueberletzer? Wer ist es denn?" Hanna wurde durch einen neuen Besuch am Weitersprechen verhindert. An die Türe wurde gepocht, und auf das einladende Herein! das Sommer rief, war Binder eingetreten. „Ah! Herr Binder!" rief der Buchhändler scheinbar überrascht aus. „Das ist schön von Ihnen, daß Sie wieder einmal nach langer Zeit zu mir kommen. Gestatten Sie mir, daß ich Sie einer, meiner Familie sehr befreundeten Dame vorstelle." Dann watldte er sich Hanna zu, indem er mit der Hand auf den in ihrem Anblick versunkenen Fremden wies: „Herr Binder, der von einer Reise um die Welt zurückgekehrt ist, und mich mit der Herausgabe seines großen Reisewerkes betraut hat, Frau Bräuer, eine werte Freundin meines Hauses." Hanna reichte dem Fremden ihre kleine behandschuhte Hand, welche derselbe an seine Lippen führte und etwas länger in der seinen behielt, als es überhaupt gebräuchliche ist. Erstaunt blickte Hanna den sonderbaren Menschen an, daß er vermutlich die Sitten eines fremden Volkes, unter dem er längere Zeit gelebt, angenommen habe. Im Laufe des Gespräches begann sie der Fremde zu interessieren. Sie wollte sich bald nach seiner Ankunft empfehlen, doch beide Herren baten so eindringlich um ihr längeres Verweilen, daß sie schließlich nachgab. Hanna hörte dem mit den Ereignissen der neuen Literatur vertrauten Fremden gerne zu. Es schmeichelte ihr, daß er mit Begeisterung von ihrem neuesten Werke sprach, ohne zu wissen, daß es die Verfasserin selber ist, der gegenüber er die Schön-

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