Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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OkKkrr.-lingar. Kantoren-Zeitung. Weber die einheitliche Gestaltung des Gottesdienstes. An die g e e h r t en H er r e n K o l l e g en d es A u s l a n d es! Bei einem Teil der Gründer des allrussischen Kantoren- Verbandes, für welchen gegenwärtig bei uns lebhaft propagiert wird, wurde die Idee wach, den Gottesdienst in allen Synagogen Rußlands konform zu gestalten. Dieser Idee liegt weder Reformationssncht zugrunde, noch wird nnt der geplanten Egalisierung beabsichtigt, etwa an der Dogmatik der verschiedenen Sekten zu rütteln, oder sie betreffs ihres differierenden Nuschaoth zu eil.em Kompromiß herbeiznsühren. Aschkenasim, Sephardim, -jefcer sott nach seinem Glauben, nach seinen Gebräuchen selig sein (ept: nviba -nrn r6ai nPa). Mit dem textlichen Teil hat die Idee nichts zu tun, sondern ausschließlich mit dem musikalischen Teil des Gottesdienstes. Haben doch die Gemeinden diesen Teil uns Kantoren vollständig anheim gestellt; sind wir doch die alleinigen Presbyten dieses Zweiges der Liturgie, und warum soll es denn uns schwer fallen, in dieser Beziehung uns zu einigen und eine impermntable Musik für alle Synagogen einfür allemal festzustellen? Welche Uneinigkeit und welche Ungleichheit sehen wir, wenn wir beispielsweise der Musica sacra in 10 Synagogen in Rußland lauschen! Selbst in Oesterreich-Ungarn ist für das gleichförmige Musizieren in sämtlichen Synagogen oder wenigstens in einem bedeutenden Teil derselben noch sehr wenig gesorgt worden. Wohl kümmert sich jeder Kantor um seine, aber nicht um die allgemeine Synagoge. Für uns Kantoren und für unsere Chöre haben wir bereits eine bedeutende Mnsikliteratnr geschaffen; für die Synagoge, respektive für die Gemeinde jedoch — noch nichts. Wir besitzen ein Kol nidre, einen Kadisch für Tal und •Gesckem und dergleichen Gesänge, welche schon einen gewissen Grad künstlerischer Ausführung erfordern; aber fast gar keine traditionelle, für das Volk zugängliche Hymne, die von der Gemeinde mitgesungen werden soll. Allerlei Improvisationen, Inventionen, Stegreif, Steiger haben wir, welche mitunter das Publikum inspirieren; zum größten Teil jedoch rufen sie nur Bewunderung von Seiten der Zuhörer hervor und sachkennerische Aeußerungen und Meinungsanstansch über die admirablen Künsteleien des Kantors. Der Mangel an leichten, für die Gemeinde sangbaren Hymnen, mit Hilfe derer sich das ganze Volk vereint mit Verve und Seele an dem Gottesdienst beteiligen soll, wie es in allen Kirchen der Fall ist, hat viel zur, Entweihung und Geringschätzung der Synagoge beigetragen. Wir haben in der Synagoge wenig Betende; aber viel Zuhörer, Zuschauer und Rezensenten! An diesem Hebel — legen wir die Haild ans Herz — tragen leider nur wir Kantoren die Schuld. Wir haben auf uns nnnö tig eine schwere Last genommen, uns mit Arbeit überspannt, ohne dadurch der Synagoge die erwünschten Dienste zu leisten, sondern umgekehrt: wir haben die Synagoge dadurch vernachlässigt. Wir haben für Chor Choräle, für uns Rezitative und Soli mit und ohne Chor geschaffen, andererseits aber die Synagoge ignoriert. Der Kantor trägt beispielsweise das -0ka8ora1k haschatz bis zum Ermüden und Erschöpfen der Kräfte vor. Er muß Künstler und stimmbegabt sein, um packende Effekte zu erzielen; das Verblüffen ist jedoch nur für wenige Momente. Bald läßt sich das Publikum behaglich, ein jeder auf seinen Lehnplatz, nieder und nun beginnen verschiedene Aeußerungen für und wider, ein Gespräch, welches gewöhnlich mit profanen Geschäften endigt. Kein Wunder, daß die •b’KMjHr. •) bvzb ist. Run sind wir im Begriffe, ein Konsistorium ins Leben .zu rufen, das sich in erster Reihe zur Aufgabe machen wird, i einen Teil der Kollekten des Kantors nach den üblichen Weisen, j ungefähr im Umfange eines Hexakkordes rhythmisch und in Form l religiöser Hymnen, zu bearbeiten und letztere für die Gemeinde | in allen Synagogen als unveränderlich gelten zu lassen. Wir erlauben uns hierdurch die Frage: ob die geehrten Herren Kollegen des Auslandes nicht geneigt wären, an der diesbezüglichen konsistornllen Beratung Anteil zu nehmen? Schreiber dieser Zeilen ist bereit, eilt Schema über eine derartige Arbeit an dieser Stelle zu präsentieren, falls der Antrag Anklang finden soll. A. B. B i r u b a n m, Kantor in Czetlstochau. •B'-it lpnu» aP jyöb ’yb'z nns? 731« a? narrt man naan na *> ♦ijtqwbc Die Inden von Jamaiea. Ein furchtbares Unglück hat in den letzten Tagen die Blicke der Welt nach der Insel Jamaica gelenkt. Unsere Leser wird es wohl interessieren, bei dieser Gelegenheit einiges über die Geschichte und Entwickelung der bortigen Juden zu erfahren. Als im Jahre 1655 Cromwell die Insel eroberte, fand er daselbst bereits jüdische Ansiedler vor, die sich unter Kolumbus nach dessen Besitznahme von Jamaica dort niedergelassen hatten. Cromwell schätzte die Juden als einen wichtigen Faktor bet der Förderung seiner Kolonialpolitik und empfing von Simon de Caceres wertvolle Unterstützung. Die engltsche Restaulation änderte nichts an den Verhältnissen der Juden in Jamaica. Ihre Zahl nahm zu und ihre Gemeiitde erstellte sich fortdauernder Blüte. Eilt Teil von ihnen betrieb Kleinhandel, die meisten waren jedoch Großkanfleute nnd der Geschäftsverkehr mit Spanien lag in der Hauptsache in ihren Händen. Während der Regierungszeit des Gouverneurs Molesworth erhielten sie die Erlaubnis zum Bau einer Synagoge. Die kommerziellen Erfolge der Juden erregten indessen den Neid der Konkurrenten und im Jahre 1671 forderten die eligtischen Kauflenle die Vertreibung der Juden, dank der humanen Gesinnung des Gouverneurs Lynch jedoch mit dem Resultat, daß die Regierung in London den Wunsch aussprach, man solle im Gegenteil die weitere Einwanderung i von Juden veranlassen und begünstigen; aus Brasilien und! Slirinam kamen denn auch jüdische Kolonisten nach Jamaica, i Wiewohl so die Lage der Juden auf der Insel im allgemeinen l befriedigend war, fehlte es doch auch in Zukunft nicht an Ver- : suchen, ihnen den Aufenthalt dort streitig zu machen. Und wenn! die englische Regierung sich auch dem gegenüber ablehnend ver-! hielt, so wurde doch von der schweren besonderen Steuerlast, i die den Juden auferlegt worden war, vorläufig nichts hinweg-; genommen. Auch waren die Inden von allen öffentlichen Aemtern! und dem Wahlrechte ausgeschlossen. Daß sie mit.der übrigen : Bevölkerung nicht das Privileg des Sklavenhandels teilten,! brauchen wir freilich nicht zu bedauern. Die verschiedentlichen! Gesuche um Gleichstellung mit den übrigen Bürgern, die die j Judenschaft Jamaicas an die Regierung richtete, hatten keinen! Erfolg. Ja, sie wurde im Jahre 1702 wegen einer solchen! Petition mit einer Geldstrafe von 2000 Psd. belegt. Erst im! Jahre 1711 trat hierin eine Aenderung ein. Das Kingstoner! Parlament verlieh ihnen das passive Wahlrecht Und etwa 25 Jahre später wurde auf die Initiative des damaligen Gouverneurs, nachdem das Parlament wegen seiner widerspenstigen Haltung dreimal vertagt worden war, die Sonderbesteuerung der Juden endgültig abgeschafft. Es ward damals Sitte, daß die Judeuschaft dem Gouverneur nnd seinen Beamten alljährlich ein Geschenk überreichte. Die volle Gleichberechtigung erlangten die Juden auf Jamaica im Jahre 1831 und bereits 1849 bestand ein Sechstel des Jnselparlaments aus jüdischen Deputierten. Die Körperschaft hielt daher auf Grund einer Abstimmung, an der sich die jüdischen Mitglieder nicht beteiligten, am Jom Kippur keine Sitzung ab. In demselben Jahre wählte die Versammlung einen Juden zum „Sprecher", und ein anderer wurde kurz danach Direktor des Steuerwesens.