Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oestrrr-Ungar. Kantoren -Zeitung. Moritz Pereies, Moritz Wallerstein. Ein kairtorales Bild von B. Singer, Jungbunzlau. Nachdem die Prager Altschule in einen Neubau verwandelt worden war, woselbst Milte der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhnnderles unter dem Namen „Neuer Tempel" ein .zeitgemäß reformierter Gottesdienst entstand und Meister S kr a up Sulzerische Gesänge einsührte, auch das Borlesen aus der Thora nicht mehr in dem veralteten Style vorgetragen wurde, war der großen Oeffentlichkeit der Tempelgesang zum allgemeinen Bewußtsein gelangt. In dieser Erkenntnis ivnchs der Enthusiasmus für den religiösen Gesang. Obwohl es in den alten Chroniken heißt, daß die Einweihung der Meisel-Synagoge vor mehr als dritthalb Jahrhundert unter Musik und Gesang vor sich ging, "konnte doch erst von einer musikalischen Begleitung nach dem Umbau obiger Synagoge die Rede sein. Die Früchte, die solcher Enthusiasmus zeitigte, waren zwei Persönlichkeiten, die dem Prager Kantorat den Stempel der echten Kunst aufgedrückt hatten, und unvergessen werden ihre Leistungen bleiben. Beide echte Kinder des Prager Ghetto, war Moritz P e r e l e s, der Oberkantor der Tempelgemeinde, Sohn achtbarer, aber mittelloser Eltern, die ihn, da sie keine Mittel besaßen,- ihn studieren zu lassen, bald zur Selbständigkeit erzogen, indem, sie ihn frühzeitig dem Handelsgeschäfte widmeten. Moritz Wallerstein, der Oberkantor der Meisel-Synagoge, war Sohn gutbemittelter Eltern. Der Vater, langjähriger Vorsteher der Fränkel-Synagoge, der sofort, dem musikalischen Wissensdrange ihres Sohnes nachgebend, ihn der Musik widmete. Ich will hier nicht noch einmal die ganze Biographie M. Pereles^ wiedergeben, ich habe dies erschöpfend in den Nummern 31 und 32 der „Kantoren-Zeitung" vom Jahre 1891 getan; nur möchte ich hier eine Gegenüberstellung dieser zwei Persönlichkeiten versuchen, nämlich Pereles, den Realisten, und Wallersteiu, den Idealisten. Beide gleich gottbegnadet, der erste als Sänger, der zweite als Komponist. Wie früher bemerkt, war Moritz Pereles von Jugend auf Geschäftsmann. Hätte er, der von der Natur mit einer seltenen Gesangsbegabung bedacht war, sich ganz seinem Kantorberufe, für den ihn S u l z e r vorbereitet hatte, hingegeben, er hätte, nachdem er auch seine Studien in Paris vollendet, die ganze Welt in Erstaunen gesetzt; aber sein ruheloses Wesen und sein unglückliches Temperament haben ihn nicht in die ruhige Bahn der Selbstzufriedenheit leiten können. Bei M. W a l l e r st e i n ist's der entgegengesetzte Fall. Schon sein Studiengang beweist, daß er ganz Herr seiner Sache sein wollte. 1847 geboren, oblag er seinen Studien bei dem bekannten Klavierpädagogen T u l l a ch, später beim Gesangsmeister E m i n g e r, dem ehemaligen Heldentenor des deutschen Landestheaters, besuchte neben der Talmud Thoraschule die von Skuhersky geleitete Prager Orgelschule, lernte das Chasonns und das sonstige Kantorale bei Anselm Popper und vollendete seine musikalische Ausbildung bei Professor B l a 2 e k. Im Jahre 1868 folgte W a l l e r st e i n, nach einer kurzen Wirksamkeit im israelitischen Tempel in der Geistgasse, einem Rufe nach London, wo er die Stelle eines ersten Kantors an der German-Synagoge bekleidete. Hier schuf er einen gemischten Chor, der als einer der besten unter denen der Londoner Synagogen galt. Daselbst hatte er auch die Stelle eines Dirigenten des holländischen Männergesangvereines inne. Im Herbst 1870 kehrte er nach Prag zurück und trat am 9. Oktober fein Amt als Kantor und Chordirektor der Meisel-Synagoge an, das er bis an sein Lebensende in musterhafter Weise bekleidete. Aber auch als Mensch und Bernfsgenosse war W a ll e r st e i n stets von leutseligster Art, und jeder Kollege konnte gewiß sein, daß, Wenn er ein Anliegen vorzubringen hatte, es von W a l l e r st e i n gern erfüllt wurde. Während nun sein Antipode Pereles von momentaner Gutherzigkeit überströmte und gewiß auch viel Gutes an Wohltätigkeit übte, änderte er doch gern kurze Zeit darauf, vollends seinen Freunden gegenüber, sein Verhalten. Ich will hier ein kleines Beispiel seiner Wankelmütigkeit geben. Pereles gelobte anläßlich des glänzenden Jubiläumsfestes, das ihm seine Verehrer und Freunde am 25. November 1867 veranstalteten, eine Stiftung für Kantoren ins Leben zu rufen, und versprach, 5000 Gulden als Grundkapital zu widmen. Als er einige Zeit später darauf aufmerksam gemacht wurde, was es denn mit dem versprochenen Gelde sei, da antwortete er ausweichend, er hätte sich die Sache iiberlegt — er werde später noch mehr tun! (Fortsetzung folgt.) Ans dem öst. nng. Kantoren Kerei». In der Mittwoch, den 16. d. Munter dem Vorsitze des Präsidenten I. Singer stattgehabten Vorstandssitzung, an welcher die Vorstandsmitglieder Baue r, D ü n m a n n, I n r b e r g e r, L ö w i t, Schiller, Schleifer, Schorr und Smo tritzky teilnahmen, wurde der jüngst veröffentlichte Entwurf eines Lehrplanes für die im Anschluß an die Lehrerbildungs-Anstalt in Wien zu kreierende Kantorenschule einer eingehenden Beratung unterzogen. Im Einlaufe befanden sich zwei Dankschreiben von Oberkantor F r i e d m a n n - Berlin und Kantor K o h n -Rakonitz, die wir als höchst bemerkenswert nachstehend veröffentlichen: Wohllöblicher Vorstand, hochgeehrte Kollegen! Ihre in künstlerischer Ausstattung mir gütigft übersandte „Ehrenadresse" hat mich hochbeglückt und tiefgerührt. Haben Sie vielen Herz- Dank für die mir erwiesene Ehrung. Ich fühle mich dadurch gehoben und doppelt geehrt, weil diese Kundgebung aus einer Stadt kam, die als geistiges Zion, von dem die Lehre für das jüdische Kantorat ansgeht, angesehen wird. Und wenn ich durch die Veröffentlichung meiner Werke ein wenig für die Bereicherung der synagogalen Musikliteratur beigetragen habe, so verdanke ich dieses in erster Reihe den Lehren und Anregungen, die ich aus Wien erhalten habe. So werden meine Augen stets auf diese Stätte gerichtet sein, wo Männer von großem Geiste und hoher Bildung gewaltet haben und auch noch heute walten. Ich will auch zugleich die Intentionen des österr.-ung. Kantoren- Bereins nach Kräften unterstützen. Und wenn einst die jüdische» Kantoren von dem hohen Gedanken beseelt sein werden, nur einem Kantoreu-Verein anzugehören, so werden sie sich alle um die Fahne des österr.-ung. Kantoren-Vereines schaaren. Mit tiefgefühltem Dank und kollegialen Grüßen zeichnet unter vorzüglicher Hochachtung Aron F r i e d m a n n, Hauptkantor der jüdischen Gemeinde zu Berlin. * -i- * Hochgeehrter Vorstand! Unter den zahlreichen Ehrenkundgebungen aller Art, die mir anläßlich meines vierzigjährigen Amtsjubiläums von nah und fern zugekommen sind, nimmt unstreitig die Widmung des „österr.-ung. Kantorenvereines den ersten Platz ein. Schon ihre äußere wunderschöne, meisterhafte Ausstattung, in erster Reihe aber ihr in so vornehmem Stile, in so herzlichen Worten abgefaßter Inhalt hat einen äußerst wohltuenden, höchst freudigen Eindruck auf mich gemacht, der mir zeitlebens unvergeßlich bleiben wird. Die Widmung gereicht aber nicht allein mir, sondern auch dem Vereine und der Leitung desselben zur Ehre. Sagen ja unsere Weisen: -csan -rroo \-rrx rrr-cn na Und diesen Ausspruch haben Sie. hochverehrte Herren Kollegen, in so würdiger und rühmenswerter Weise in die Tat umgesetzt, und ich komme nur dem Drange meines Herzens nach, wenn ich dem hochgeschätzten Vorstande hiemit meinen besten und tiefgefühltesten Dank ausdrücke mit der Versicherung, daß ich Ihre Widmung als ewiges Andenken für meine Nachkommen in bester Verwahrung behalten werde. Mit den innigsten und wärmsten kollegialen Grüßen zeichne ich hochachtungsvoll David K o h n, Kantor und Lehrer, Rakonitz.