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Die Wahrheit · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3 Die Wahrheit Leite A. Budapest. (Jude und Kalviner.) Die Anekdote handelt :von Desider Szilä. ghi aus seiner Ministerzeit und dem witzigen Chefredakteur der „Budapester Korrespondenz", Prof. Albert Stur m. Der Minister ließ den Offiziosus rufen,' um ihn ein Communique zu diktieren. Nachdem das Diktat niedergeschrieben war, schlug Sturm einen Ausdruck vor, der verschieden war von dem, welchen der Minister gewählt hatte. Szilägyi fand die Korrektur gut und akzeptierte sie. Als das Communiqus nun in der neuen Fassung durchgelesen wurde, hatte Sturm abermals daran auszustellen und schlug wieder einen neuen Ausdruck vor. Szilügyi war in guter Laune und akzeptierte auch diese Aenderung. Als nun das fertige Communiqus zum letzten Male durchgelesen wurde, konnte Stürm es sich nicht versagen, befriedigt und auch ein bischen selbstgefällig auszurufen : „Was, Exzellenz, es ist doch gut, wenn der Alte im Hause ist!" Da wurde Szilagyi böse und die Löwenstirn in drohende Runzeln legend, fuhr er den Professor barsch an: „Sie, Sturm!" Nicht wahr. Sie sind Jude?" „Warum, Exzellenz?" fragte Sturm eingeschüchtert. „Weil Sie vorlaut sind!" donnerte ihm die ministerielle Antwort entgegen. Sturm steckte die ungnädige Behandlung ein und schritt scheinbar gebeugt zur Türe. Als er außer Schußweite war, blieb er stehen und fragte den Minister: „Exzellenz, nicht wahr, Sie sind Kalviner?" „Warum?" knurrre Szilügyi grimmig. „Weil Sie undankbar sind." war die Antwort Sturms, der damit aber auch schon zur Türe hinaus war. Berlin. Am 28. Dezember 1906 feierten Herr Hauptkantor Josef Epstein mit seiner Gattin Klara, geb. Bobrecker, das Fest der silbernen Hochzeit. Es war erhebend, zn sehen, welcher Beliebtheit und Wertschätzung sich das Jubelvaar erfreute. Zahlreiche Gönner und Freunde versammelten sich im Hause des Jubelpaares, um es durch mannigfache Ehrungen und Geschenke zu erfreuen. Unter den vielen Aufmerksamkeiten sind besonders hervorzuheben ein prächtiges Blumenarrangement des Vorstandes der Synagoge Kaiserstraße und ein Glückwunsch-Telegramm des Vorsitzenden, Herrn Justizrat Timendorfer, im Namen der vereinigten Synagogenvorstände. Literatur. Moses Maimonides und Moses Mendelssohn in ihrer Bedeutung für die Zukunft des Judentums. Zur Erinnerung an den 700jährigen Todestag des jüdischen Geisteshelden Moses Maimonides. I Bon Pros. Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner und Prediger in Brüx. 1907. Druck und Verlag von Julius Ach in Brüx. 4. Auflage. Preis 40 Heller. — Die anerkennende Besprechung, die Herr Dr. D. Feuchtwan g, Rabbiner in Wien, der 3. Auflage vorliegender Schrift in der „Neuen Freien Presse" vom 2. September 1906 widmet (vgl. Seite 16), schließt mit den Worten: „Biachs Schrift sei namentlich der Jugend wärmstens empfohlen." An diese Worte anknüpfend, macht der Verfasser im Vorworte zur 4. Auflage folgende Bemerkungen: „Io sehr auch die gut gemeinte Empfehlung an die Jugend der Verbreitung meiner Schrift förderlich sein könnte, so halte ich es doch, um Mißverständnissen vorzubeugen, für meine Pflicht, hervorzuheben, daß ich bei Abfassung dieser populär-wissenschaftlichen Volksschrift vor allem die jüdische Intelligenz, die Hochschuljugend. dann auch die obersten Klassen der Gymnasien und Realschulen im Auge hatte. Volks¬ und Bürgerschülern, auch Schülern des Untergymnasiums und der Unterrealschulen fehlen die nötigen Vorkenntnisse zum Verständnisse dieser Schrift. Jedenfalls sei Herrn Dr. Feuchtwan g der innigste Dank für seine freundliche Rezension ausgesprochen. Vorliegende 4. Auflage ist ein unveränderter Abdruck der 3. Auflage. Etwaige Anregungen aus Fach- oder Laienkreisen werde ich gerne berücksichtigen, wenn vorliegende Auflage ebenso freundliche Aufnahme wie die früheren finden wird." Zehn Jahre Zionismus. Wer sich schnell und doch gründlich über die modernste Bewegung des Judentums orientieren will, dem raten wir die im Verlage der „Welt" in Köln. Ubierring 23, erschienene Broschüre „Zehn Jahre Zionismus" zu lesen. Die Broschüre zeichnet nicht nur in knappen Zügen ein übersichtliches Bild der Geschichte der zionistischen Bewegung, sie informiert auch ebenso klar wie zutreffend über die innere Entwicklung der zionistischen Idee, ihre nationale und politische Grundlage und ihre ethische und soziale Bedeutung. Der vornehme, von feder Tendenzmacherei freie Ton des Büchleins macht seine Lektüre auch dem Gegner angenehm, ein Literaturverzeichnis und eine übersichtliche Aufstellung der zionistischen Zeitungen und Institutionen gewährt schätzbares Material. Wir ersehen daraus, daß zionistische Landesverbände in allen Teilen der bewohnten Erde bestehen und daß die Bewegung heute Iber mehr als 30 Zeitungen in allen Weltteilen verfügt. Die Broschüre st im Vergleich zur hübschen Ausstattung überaus billig (6 Pfg.) und ebenfalls sehr lesenswert. Die Aose von Saron. Novelle von Babette Fred-Prag. (Fortsetzung.) „Er hatte keine Gelegenheit dazn. Die Furcht, in seinen Augen lächerlich zn erscheinen, eine Scheu vor dem Urteil über mich, welche mich von Jugend an beherrschte und mein Leben uns so traurige Weise beeinflußte, hat mich später davon abgehalten, ihm meine Schriften zur Ansicht vorzulegen, nachdem er die wahre Verfasserin kannte. Und da er fast nur wissenschaftliche Werke und Zeitschriften las, so kam ihm nichts von mir Geschriebenes zu Gesicht. Daraus aber hatte ich mich kindisch gefreut, ihm mein großes Werk, wenn es gedruckt ist, vorzulegen — leider hat er es nicht erlebt." — Der Buchhändler, welcher den Druck von Hannas neuestem Werke: „Die Rose von Saron" übernommen hatte, konnte sich kaum der Anfragen erwehren, die an ihn ergangen, um den Namen und die Adresse der Verfasserin dieses herrlichen Meisterwerkes zu neuneu. Auf alle Anfragen hatte er die eine gleichmäßige Antwort bereit: „Ich habe mein Ehrenwort gegeben, das Inkognito gegen jedermann, wer es auch sei, zu wahren; ich darf nichts verraten." Diese Antwort erteilte er auch einem Herrn, welcher über eine Stunde lang ihm in seinem Bureau gegennbersaß und dringend den Namen zu erfahren wünschte. „Gut," entgegnere ihm dieser. „Ich ehre ihre Gründe zur Verweigerung des Narnens, selbst wenn ich Ihnen das Versprechen gebe, ihn gegen jedermann geheim zu halten. Ich glaube aber dennoch zu wissen, wer die Verfasserin des Werkes ist. Sie dürfen den Namen nicht nennen, aber ich will es tun. Versprechen Sie mir wenigstens, mir es ehrlich einzngestehen, wenn ich den richtigen Namen genannt habe." Auch dies darf ich nicht tun, bemerke aber, daß Sie unmöglich den Namen dieser Dame erraten werden. Wer sie kennt und spricht, die Einfachheit ihrer Person, Toilette und Ausdrucksweise bemerkt, kann niemals aus den Gedanken kommen, daß unter dieser unansehnlichen Gestalt sich ein so hoher Geist verbirgt. Sie sehen also, daß Sie sich auf falscher Fährte be-! finden. Brechen wir dieses unerquickliche, weil zu keinem Ergebnis führende Gespräch ab, lieber Herr Binder, und sprechen wir lieber von dem Geschäfte, welches Sie zu mir hergeführt hat." „C, Sie Geschäftsmann, Sie," sagte der Binder genannte Herr mit einem leisen Seufzer: „wie Sie aus meinem gebräunten Angesichte und struppigen Barte, sowie meiner mit Brocken aus allen Sprachen der zivilisierten und unzivilisierten Welt durchsetzten Ausdrucksweise, vielleicht auch aus meiner allen Weltreisenden mehr oder minder anhaftenden Neugierde ersehen haben, bin ich den ganzen Erdkreis kreuz und quer durchwandelt. Anfangs ans Langweile, zum eigenen Vergnügen, später auch in dem Wunsche, es einmal schriftstellerisch zu verwerten. habe ich auf meinen Reisen ein ausführliches Tagebuch geführt, Wahrheit und Dichtung im krausen Durcheinander. Diese meine Beobachtungen zu Wasser und zu Lande, habe ich jetzt fein säuberlich zu Papier und in Druckbrief-Form gebracht. Wollen Sie Druck und Verlag dieser Arbeit übernehmen? Eine „Rose von Saron". ist es nicht, das sage ich Ihnen im vorhinein, aber es wird auch seine Leser finden." Buchhändler Lommer zog bei diesen Worten die Stirne kraus und machte ein ernstes, bedenkliches Gesicht. „Ich weiß nicht, ich weiß nicht," sagte er kopfschüttelnd, „ob was dabei herauskömmt. Der Markt ist momentan mit solcher Ware überhäuft, und für Weihnachten ist es bereits zu spät. Die Sache ist zu gewagt." „Also nicht, ist mir auch recht/ sprach Binder ganz gelassen, „Ich werde das Zeug schon wo anbringen. Es gibt mehr Verleger in Wien." Darauf begann er die Blätter des Manuskriptes, die auf dem Tische zerstreut lagen, zusammenzupacken. „Gemach, mein Freund, was haben Sie es denn so eilig? Ansehen werde ich mir diese Arbeit doch dürfen." „Aber gewiß, nur konveniert mir ein Ansehen nicht recht, wo im vorhinein keine Lust zur Annahme besieht, da ist es schade um die Zeit. I'ivae is money, sagen die Engländer und haben auch recht damit, das ist auch mein Grundsatz." „Aber das ist kein Geschäft, das sich übers Knie brechen läßt. Gut Ding will Weile haben. Sie sehen also, daß ich Ihnen das weitgehendste Entgegenkommen beweise, so müssen Sie mir auch Zeit zum Bedenken gestalten." „Entgegenkommen, sagen Sie? Nein, das sehe ich nicht, davon habe ich bis jetzt blutwenig verspürt," sagte Binder, „ergo fühle ich mich auch nicht verpflichtet. Ihnen ein solches zu beweisen." (Fortsetzung folgt.)

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