Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 48 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063364--04599-3071453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 48. Die Wahrheit Lette 9. Da lächelte Hanna auf die ihr eigene schmerzliche Weise und sagte: „Ja, merkwürdig seid ihr alle, ihr meine Erlebnisse und Erfahrungen, merkwürdig und interessant! Aber ihr kranket alle an ein und demselben Fehler — der Unwahrscheinlichkeit. Wer könnte euch lesen und glauben, daß alles wahr oder auch nur möglich sei, was ich da schilderte? Wer könnte glauben, daß ein Frauenherz das alles ertragen kann, ohne zu brechen?" Doch da fielen ihr die Verse ein: „Was fordert ihr so kleinlich, Wahrscheinlichkeit in Kunst und Lied? Nichts ist so unwahrscheinlich, Als was geschah und noch geschieht." Da schrieb sie eifrig darauf los. Es waren das keine Meisterwerke der Belletristik, die sie da zu Papier brachte, aber es waren wahre, mit Gefühl und Geschick geschilderte Erlebnisse aus ihrem eigenen, reich bewegten Leben, es waren die von ihrem Vater in einem langen tatenreichen Leben gesammelten Erfahrungen, die er in trauten Abendstunden im Kreise seiner Familie erzählt hatte. Es war da oft ein Griff ins volle Menschenleben, die sie nach Anleitung des großen Dichters machte, und da, wo sie es auch „packte", da war es interessant, besonders da sie ungemein fesselnd zu erzählen verstand. Es waren auch keine glänzenden Honorare, welche der unberühmten, noch namenlosen Anfängerin gezahlt wurden, aber es war doch eine nennenswerte Ausbesserung ihrer knappen Einnahmen, die ihr einen Teil ihrer Nahrungssorgen abnahm und ihr auch gestattete, in Begleitung der Heranwachsenden Kinder hie und da das Theater zu besuchen, wenn ein klassisches Stück gegeben wurde, den: einzigen Vergnügen, welches sie sich gönnte. Hauna schrieb unter dem Pseudonym: Hilda Bürger. Sie wollte nicht erkannt, denn ihr lag nichts daran, berühmt zu werden. Sie wollte nur Eines: leben und ihre Kinder gut erziehen. Außerdem hätte sie es nicht ertragen, ihren 'eigenen Namen in gedruckten Lettern vor sich zu sehen, es hätte sie an die Firmatafel erinnert, auf welcher er gestanden, und sie wollte jede Erinnerung an ihre kurze geschäftliche Laufbahn von sich weisen. Seitdem Hanna nicht mehr,' wie in jener unseligen Zeit, klopfenden Herzens die Ankunft des Briefträgers erwartete, der ihr gewöhnlich nur Hiobsposten brachte; seitdem ihr nicht mehr der Anblick blankgeputzter Knöpfe eines Uniformrockes Ohnmachtsanfälle erregten, seitdem war sie wieder ganz Mutter geworden. Jetzt erst begann sie ihre Kinder zu lieben, sich mit ihnen zu beschäftigen, sich ihres körperlichen und geistigen Wohles zu freuen. Diese ihre erwachte Mutterliebe zog sich wie ein roter Faden durch alle ihre Erzählungen und Schilderungen und machte diese sowohl für Mütter als auch Töchter anziehend. Anfangs hatte sich Hanna ihre schriftstellerischen Arbeiten leicht gemacht. Sie schrieb ihre Memoiren, wobei sie ganze Seiten ihres von Jugend an regelmäßig geführten Tagebuches vollinhaltlich, fast ohne Kürzung abschrieb. Was vom Herzen kam, das, hoffte sie, werde wieder zu Herzen gehen. Diese Memoiren übergab sie einem Schweizer Blatte, welches in Oesterreich, wo sie doch überall Bekannte hatte, wenig oder nicht gelesen wurde. Diese Herzensergüsse erschienen in demselben als eine Serie von Feuilletons unter dem Gesamttitel: „Das Leben und Denken einer Häßlichen" und hatte als Motto die bekannten Heineschen Verse: „Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu, Und wenn sie grad passieret, dann bricht das Herz entzwei." Fast gleichzeitig erschienen auch in den heimischen Blättern diverse Arbeiten von ihr, welche sämtlich vom Publikum und der Kritik wohlgefällig ausgenommen wurden. Niemand, so sehr man sich allgemein für ihre Arbeiten interessierte, ahnte den wahren Namen der Verfasserin derselben. Wer hätte auch in der kummer- und sorgenbeladenen Hanna, welche von jeher mißachtet und bei Seite geschoben wurde, diesen Schwung der Phantasie, diese Begeisterung für alles, was groß und edel ist, gesucht? Jetzt, wo sie noch obendrein körperlich so schwer arbeiten mußte, nicht nur für sich und die Kinder, sondern auch für fremde Herren zu kochen und zu wirtschaften hatte, jetzt sollte sie schreiben, und so schreiben? Wer könnte je diese Idee haben? Ihr einfaches, anspruchsloses Wesen, ihre mehr als einfache Toilette bildeten einen gar zu großen Kontrast zu den glänzenden Gedanken, die sie in ihren Schriften niederlegte. Später kamen größere Novellen an die Reihe, zu deren Fertigstellung ihre Phantasie schon tüchtig herhalten mußte. Die Kunst des Fabulierens, die sie besaß, machte diese Arbeiten spannend und fesselnd. Angeborenes Talent, Lust und Liebe zu ihrer jetzigen, ihrer Individualität entsprechenden Beschäftigung und vor allem die mächtige Triebfeder „Muß" beseitigten alle Schwierigkeiten, und als ihr durch Vermittlung der betreffenden Redaktionen, welche ihrem Wunsche gemäß ihr Inkognito strenge wahrten, belebende und ermunternde Zuschriften von bedeutenden Männern zugestellt wurden, wuchs mit dem Erfolge ihr Mut und Hanna wagte sich an einen größeren historischen Roman, aus der Zeit nach der Zerstörung des Tempels, während des Bar Kochba-Aufstandes. Niemand hätte in der von Büchern und Schriften umgebenen Frau, welche eifrig schreibend an ihrem Schreibtische saß, die vergrämte, verbitterte Gestalt wieder erkannt, welche ehemals hinter dem Verkaufspulte stand, die sporadisch erscheinenden Käufer erwartend und bedienend und nervös zusammenzuckend, wenn ein ihr unbekannter Herr zufällig ins Geschäft trat, weil sie in jeder neuen Erscheinung einen neuen Dränger vermutete, welcher gekommen war, ihre gefährdete Existenz vollends zu vernichten. Schöner? Nein, schöner war Hanna in der Zeit, welche zwischen jetzt und damals lag, auch nicht geworden. Doch wer suchte Schönheit unter den graumelierten Haaren, welche in glatten Scheiteln ihre hohe Stirne umgaben? Wer vermißte wohl Liebereiz bei der ältlichen Dame, deren braune Augen in fast jugendlicher Begeisterung flammten? Wenn ihre kleine zarte Gestalt infolge anhaltenden Sitzens am Schreibtische und Mangel an Bewegung etwas plump geworden war, was schadete dies? Ihren Kindern war sie doch das Liebste, das Beste, das Herrlichste in der Welt und andern Verkehr verlangte sie nicht. , (Fortsetzung folgt.) Ausruf! Eine Reihe von Vereinen, welche die verschiedensten Zweige der Wohltätigkeit im Auge zu behalten sich zur Aufgabe gestellt haben, entfalten in Ottakring und Hernals eine rege, dankenswerte und segensreiche Wirksamkeit. Und doch fehlt ein Verein, der alle. Arm und Reich, Jung und Alt, zusammenzufassen und für das ihnen allen Gemeinsame zu interessieren imstande sein soll, ein Verein, der auf jüdischer Basis die breiteste Grundlage für das Wesen aller bildet. Die Gründung eines solchen Vereines soll nunmehr erfolgen: Ein „Jüdischer Bildunas- und Geselligkeits- Verein für den XVI. und XVII. Bezirk" soll ins Leben gerufen werden, soll durch Vorträge rc. jüdisches Wissen verbreiten, das Zusammengehörigkeitsgefühl erwecken und stärken, soll die Jugend mit dem Alter und das Alter mit der Jugend in versöhnende Verbindung bringen und soll allen zeigen, was unseres Lebens und Streben» höchstes Ziel und letzter Zweck sein muß. Zwei Punkte sollen ein einmütiges Zusammengehen aller ermöglichen: 1. ) Der Ausschluß einerseits jeder religiösen und andererseits jeder politischen Tendenz. 2. ) Soll durch den niedrigst festgesetzten Jahresbeitrag von nur Zwei Kronen der Beitritt jedem ermöglicht werden. Und darauf rechnen wir auch. Jeder, der in diesen schweren Zeiten sich seiner Abstammung und der daraus erfließenden Pflichten bewußt ist, trete bei und helfe einen Bund stiften, der ein wahrer Friedeusbund zu werden berufen ist. Dr. Julius Max Bach Rabbiner der israel. Kultusgemeinde Wien EduardPolitzer Leopold TrebitschD Obmann des Bethausvorstandes für Obmann der Bezirkskommission für den XVI. und XVII. Bezirk. den XVI. und XVII. Bezirk.