Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063362--04575-3071427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46. Die Wahrheit Seite 15. Gotteshaus getragen und in die heilige Lade eingestellt wurden. Nachdem R Jsaac Ä b ramo v iß in hebräischer Spräche die Erschienenen begrüßt, trug;-Dr. .S. S o n y e n s ch e i n in deutschem Idiom das Einweihungsgebet vor, das mit einer Fürbitte für die unterdrückten Glaubensgenoffen in Rußland schloß. Nachdem das „Neir Tomid“ an gezündet war, betrat Pfarrer I. L. M a ü z e, der Seelsorger der Presbyteraner-Gemeinde, welcher das Gotteshaus gehört hatte, .die Kanzel und nahm iit herzlichen Worten Abschied von der liebgewordenen Wirkungsstätte. Er verbreitete sich des weiteren über die Verdienste, welche sich die jüdische Rasse dadurch erworben, „daß sie die monotheistische Idee in der Welt erhalten und „Christus, den König der Könige", hervorgebracht habe. Redner schloß mit einer Ermahnung, das heilige Gebäude, welches nun seit dreißig Jahren dem Dienste des gemeinsamen Gottes der Christen und Inden geweiht sei, in Ehren zu halten. Nach einer Jargon-Ansprache des Rabbi Zacharia R o s e n f e l d, hielt Herr Dr. A. R o s e n t r e t e r, der Rabbiner der B’nei Emunah-iSemeinbe, die eigentliche Festrede, in welcher er die Gebetstätte dem Gotte Israels weihte.' Es sprachen noch die Herren Dr. H. I. Messing, Rabbiner der Euitsd Hebrew Congregatione und Simon Goldmann, der im Namen der Gemeinde dem Baukomitee und den Mitgliedern, welche so eifrig für die Erwerbung des neuen Gotteshauses gewirkt, Dank sagte." Feuilleton. Pie Aase von Saron. Novelle von Ballette Frieds-Prag. (Fortsetzung.) Adolf Brauer ahnte, trotz seiner geistigen Trägheit, diesen Vorgang in dem Seelenleben seiner Frau, doch statt sich selber die Schuld zuzuschreiben, bemächtigte sich bitterer Groll gegen diese in seinem Herzen. Darum also hatte er sich dieses häßliche Weib aufgehalst, an deren Seite er nicht wagen dürste, vor seine Freunde zu treten, aus Furcht, von ihnen verspottet zu werden? Nein, darauf war er nicht vorbereitet gewesen, als er sie um dieser elenden paar Gulden wegen, die in seiner Hand verschwanden, wie Spreu im Winde, geheiratet hatte. Er ging ernstlich mit dem Gedanken einer Scheidung um. Er zog den alten Rechtsanwalt Dr. Landesmann in sein Vertrauen. Dieser, ein treuer FreUnd seiner nun verewigten Schwiegereltern, bat ihn himmelhoch, jeden Eklat zu vermeiden, welcher der jungen Frau, die ein so großes Gewicht auf das Urteil der Welt legte, den Todesstoß versetzen müßte. Bräuer aber erklärte, daß es ihm unmöglich sei, unter den jetzigen Verhältnissen weiter zu leben, und so suchte der treue Freund nach einem Auswege, um die beiden Gatten für eine Zeit zu trennen, ohne die Ehe zu lösen. Er verschaffte ihm einen Posten fern von der Heimat in Triest. Dorthin sollte er gehen — aber allein. Hanna mit den Kindern sollte vorerst Zurückbleiben. Er gab sich der Hoffnung hin, daß die längere Entfernung von einander einen günstigen Einfluß auf die gegenwärtig sich so feindselig gegenüberstehenden Gatten ausüben werde, und sie sich später wieder, und zwar zu einem glücklichen Zusammenleben vereinigen werden. Wenn nicht — so ist aber die Scheidung ganz in der Stille und ohne öffentlichen Skandal vollzogen worden. Bräuer nahm mit Freuden diesen Vorschlag an. Auch Hanna war einverstanden, nachdem ihr Bräuer die Zusicherung gegeben, ihr von seinem Gehalte die Mittel zur Führung eines bescheidenen Haushaltes anweisen zu lassen. Der Abschied wurde den Ehegatten leicht, nur als Bräuer seine Kinder zum letzten Male umarmte, stürzten Tränen über seine Wangen herab. Ungerührt sah Hanna diesem Abschied zu, denn das, was sie als selbstverständlich erwartet hatte, daß der scheidende Vater die Hände segnend auf das Haupt der Kinder legen würde, war nicht geschehen. Sie sah ein, daß ein ferneres Zusammenleben mit dem jedes jüdischen Gefühles baren Mannes für sie eine Unmöglichkeit sei. Hanna brachte es nicht über sich, dem abwesenden Manne zärtliche oder auch nur freundliche Briefe zu schreiben. Diese enthielten nichts anderes, als eine kurzgehaltene Schilderung ihrer Lebensweise, Berichte Über das körperliche und geistige Gedeihen , der Kinder kaum daß sie sich zu einer Frage nach seinem Befinden entschloß. Auf Bräuer wirkten diese Episteln wahrhaft erklärend, und er äußerte sich einmal gegen seine Frau, daß er ihre Priese als eine willkommene Abkühlung betrachte, welche ihm das für einen Nordländer unerträglich heiße Klima Triests erträglich mache. Diese Zustände dauerten ungefähr ein halbes Jahr. Nach Ablauf dieser Zeit kam von dem Chef des Hauses, wo Bräuer angestellt war, eine erschütternde Künde. Bräuer hatte eines Abends mit zwei Freunden, Berufsgenossen, eine Kahnfahrt in der Adria unternommen, der Kahn sei umgekippt, die beiden anderen hätten sich durch Schwimmen gerettet, während der des Schwimmens unkundige Bräuer ertrunken sei. Trotz allen Suchens konnte der Leichnam des Verunglückten nicht ausgefunden werden. Die Strömung hatte ihn vermutlich in die offene See hinausgetrieben, welche schon unzählige Opfer verschlungen hatte. Hanna war nun frei, frei von einer Fessel, welche ihr je länger, desto drückender war — aber sie hatte in dem Gatten ihren und ihrer Kinder Ernährer verloren. Zu ihrer Ehre sei es gesagt, daß nicht dieser Umstand allein ihre Traner um den verlorenen Gatten zu jener liefen, aufrichtigen machte, wie er zu Beginn der Erzählung geschildert wurde, sondern ihre selbstquälerischen Vorwürfe, daß sie ihrem angetrauten Gatten, dem Vater ihrer Kinder nicht das gewesen ist, was sie ihm von Rechtswegen hätte sein sollen — eine liebende nachsichtige Gattin. Sie konnte sich den Vorwurf nicht ersparen, daß ihre Lieblosigkeit ihn hinausgestoßen hatte in die weite Ferne, wo er ein schauervolles Grab fand aus dem Grunde des Meeres. Die tränen umflorten Blicke ihrer Kinder schnitten ihr ins Herz; sie konnte deren stille, aber tiefe Trauer nicht ertragen. In jedem dieser Kindesblicke las sie die stumme Frage: „Warum hast Du uns so früh zu vaterlosen Waisen gemacht?" Aengstlich sah sie darauf, daß klein Karl dem Vater regelmäßig Kadisch nachsage. Hatte letzterer auch bei Lebzeiten nicht viel darauf gehalten, und den Jahrzeittagen nach seinen Eltern gar keine Beachtung geschenkt, s i e wenigstens wollte dem Toten gegenüber ihre Pflicht erfüllen, die sie dem Lebenden gegenüber vernachlässigt hatte. Noch ein anderer wurde durch den Tod Bräuers hart betroffen und aus seiner Seelenruhe aufgerüttelt — Dr. Laudesmann, jener Advokat, der seinerzeit Bräuer zu seiner Abreise von zuhause veranlaßte, und ihm den Posten in Triest verschafft hatte. Nicht wie Hanna in träumerischem Hinbrüten und heimlichen Tränen suchte der alte Advokat seinen Schmerz über das Geschehene zu nähren; nein, er wollte gut machen, was er verschuldet hatte. Den verlorenen Gatten und Vater konnte er den Verlassenen wohl nicht herbeischaffen, aber was in seinen Kräften stand, das wollte er tun, um die Hinterbliebenen wenigstens vor materieller Not zu schützen. Er hatte es zu seinem Lebenszwecke gemacht, ihnen ein Rater und Helfer in allen Lagen des Lebens zu sein. Seine Idee war es, daß Hanna ein Tapisseriegeschüfl, welches Familienverhältnisse wegen zu vermieten war, übernehmen sollte. Die unglückseligste Idee, die er haben konnte! Denn die ideal veranlagte, unpraktische Hanna, welche die ganze Welt nach ihrer Person beurteilte, war zu nichts weniger geeignet, als zur Leitung eines Geschäftes. Er war ganz schmuck und nett eingerichtet, dieser Tapisserieladen und die Firmatafel wies in großen Buchstaben den Namen Johanna Bräuer auf. Trotzdem konnte sie nicht reüssieren. Hanna konnte sich nicht entschließen, ihren weiblichen Kundschaften, welche anfangs scharenweise in das neue Geschäft strömten, irgend eine Schmeichelei zu sagen, welche sie nicht verdienten, oder nach Art anderer Geschäftsfrauen mit den einkaufenden Dienstboten über deren Herrschaft herzuziehen. Das würde sie gemein, von einer niederen Gesinnung zeugend, genannt haben. Aber einer abgefeimten Betrügerin, welche sich ihr als eine arme, von Handarbeiten lebende Beamtenswitwe vorstellte, einen verhältnismäßig hohen Kredit zu gewähren, nahm sie keinen Anstand, trotzdem sie vor dieser Person gewarnt wurde, und auch richtig um ihr Geld kam. (Fortsetzung folgt.)