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Die Wahrheit · 1906-11-16 · Heft 44 (16.11.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 44 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Moritz Wall er stein. Wir können den Gedanken nicht fassen, daß Oberkantor W a l l e r st e i n, die Zierde der Prager Kantoren, nicht mehr unter uns wandelt, nicht mehr unter der Schar von Künstlern und Kunstbeflissenen, nicht mehr im Zirkel guter Freunde und Berufsgenossen, und ach? nicht mehr im Keise seiner Familie! Aber Moritz Wallerstein ist nicht gestorben, denn sein Name wird noch lange leben, seine Töne und sein Lied werden in den Ohren seiner Zuhörer noch lange fortklingeu. Man brauchte nur zu sehen, wie Groß und Klein, Reich und Arm sich in das Gotteshaus drängte, wo in besonderer Ehrung des Dahingeschiedenen seitens des Vorstandes dessen irdische Reste an der Stätte seiner 36jährigen Wirksamkeit aufgebahrt waren. Mit wehmütigen Tönen eröffnete die Orgel die Trauerfeier, als wollte auch sie weinen um den Meister, der sie so liebevoll und mit Verständnis behandelte, und die ihm treu ergeben, zur Verherrlichung des Gottesdienstes half. Und aus der Tiefe der schmerzerfüllten Brust erklang des Chores: „Schwissi adonaj le’negdi tomid“ so hingebungsvoll, so weich, als wollte er sagen: „Immer wird dein Bild, o Meister, uns umschweben!" Nun bestieg Herr Rabbiner Dr. Kisch die Kanzel, um in einer Meisterrede ein treffliches Bild des großen Sängers zu entwerfen, und es gelang ihm dies vollkommen, besonders als er den Verblichenen mit der Lichtgestalt unseres Lehrers Moses verglich und die Bescheidenheit als seine Hauptzierde pries. Mit dieser Schilderung ging er auf eine Erläuterung von der Wichtigkeit des Schliach Zibbur über und sagte: „Als die Israeliten aus der egyptischen Knechtschaft kommend, zum erstenmal wahre Freiheit genossen, da wollten sie dem Ewigen für seine Wundertaten danken; aber sie fanden keinen Ausdruck dafür, sie rangen nach Worten und fanden keine. Da stimmte Moses ein Lied an, und sechsmalhunderttausend Mann fielen in diesen Gesang ein. Und dieses Lied es ist das alleinige Gut des Schliach Zibbur geworden, welches zu allen Zeiten von den Gemeinden geschätzt wurde." Nach Absingung des Mendelssohnschen Chorals: „Es ist bestimmt," rangierte sich der Trauerzug. Der Sarg, der von Palmen und Kränzen umgeben war, wurde gehoben und von den Kantoren aus dem Tempel zum bereitstehenden vierspännigen Galawagen getragen, worauf die vereinigten Chorsänger der Prager Synagogen des Meisters „Joschew b’sesser“ ergreifend anstimmten. Eine ungeheuere Menge folgte dem Sarge, darunter die bedeutendsten Vertreter der Kunst, der Wissenschaft, des Handels und sonstiger Vereine und Institute. Auf dem Friedhof angelangt, übernahm die Kollegenschaft wieder die teuere Hülle. Herr Kantor B r e u n i g rezitierte würdevoll die üblichen Gebete, und der Sarg rollte in die Tiefe. Am Grabe hielten Herr Vorsteher Worlik im Namen des Gemeindevorstandes und Herr Oberkantor Brod im Namen der Prager Kantoren tief zu Herzen gehende Nachrufe. Letzterer knüpfte an den Satz aus der Bibel an, wo es bei Abraham heißt: lasim nnK bv6k mm Als dritter Redner sprach noch Herr Dr. Stern einige Worte im Namen der Schüler, die in allen Landen den Ruf der Schule Wallerstein verbreiteten. ’b°T: Benedikt Singer, Jungbunzlau. * * * Das „Prager Tagblatt" vom 7. d. M. widmet dem Dahingeschiedenen folgenden Nachruf: Heute früh starb hier nach langem, schweren Leiden der Oberkantor und Chordirigent der Meiselsynagoge, Herr Moritz Waller st ein, der als Gesangsmeister und Leiter seiner Opernschule — er war insbesondere als Stimmbildner geschätzt — eine der bekanntesten Persönlichkeiten Prags gewesen ist. Seine zahlreichen und erfolgreichen Schüler haben seinen Ruf in ganz Oesterreich und Deutschland verbreitet. Er war seinem Beruf mit Leib und Seele ergeben und hat auch als Musiktheoretiker und musikpädagogischer Schriftsteller Beachtenswertes . geleistet. Er verfaßte eine theoretische Bearbeitung der Solfeggien, ein Gesangsrepertitorium und komponierte zahlreiche hebräische und deutsche synagogale Gesänge. Auch als Mensch war er eine sehr sympathische, in dem weiten Kreise seiner Freunde und und Bekannten hochgeschätzte Persönlichkeit, ein warmer Freund und Förderer künstlerischer Betätigung auf allen Gebieten. Viele Künstler und Künstlerinnen, die heute einen guten Namen besitzen, danken ihm die Entdeckung und Entwicklung ihres Talents. Die bekanntesten seiner Schüler sind Karl Burriarr von der Dresdner Hofoper, Karl Wildbrunn (Bayreuth), Siegfried Adler (Berlin), die Konzertsängerin Frau Therese Lederer-Schiestl in Prag, Herr F. Pollert am tschechischen Nationaltheater in Prag, das böhmische Gesangsquartett usw. Die Vortrefflichkeit seiner Lehrmethode bezeugten auch die Erfolge seiner Tochter Frl. Lotte Westen, die zu den Lieblingen des Stadltheaters in Graz gehört. Das deutsche Musikleben Prags verliert in ihm eine seiner kräftigsten Stützen. In der Meiselsynagoge wirkte er in den obengenannten Aemtern nicht weniger als 36 Jahre. Gesangsmeister Wallerstein, der u. a. auch Genosse der Prager „Concordia" und Besitzer der italienischen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft mar, litt seit Jahren an einem sehr schmerzhaften Leiden. Im vergangenen Jahre unterzog er sich bei Professor Israel in' Berlin einer Operation, die ihm eine zeitlang Erleichterung verschaffte. Die Krankheit hatte aber bereits seine Kraft gebrochen, und, da er von Schonung nichts wissen wollte und sich in seiner überausangestrengten Tätigkeit als Lehrer und Oberkantor keine Schranken auferlegen ließ, verfiel der arbeitseifrige Mann allzufrüh dem Tode. Die Leitung der'Gesangsschule des Verstorbenen wird einer seiner Söhne, Herr Kapellmeister Konrad Wallerstein, der seit längerer Zeit schon im Institute seines Vaters als Lehrkraft wirkte, übernehmen. Schirej Tefilloh. Die dritte Ausgabe des „Schirej Tefilloh“ mit ihrer grossen Beilage „Schirej Simroh“, von Kantor Gerowitsch, enthält 179 Synagogen-Gesänge undRezitativey für das ganze Jahr, auf 299 Druckseiten. Das Werk kostet, mit Postporto, 10 Rubel und ist beim Vorstande der Hauptsynagoge, in Rostow amDou, (Russland) zu bekommen. Ausländische Nachnahme wird in Russland nicht, angenommen. Oberrabbiner Fanny Güdemann-Stiftung für Kranke weiblichen Geschlechtes. Der Yorstand der israel. Kultusgemeinde in Wien bringt biemit zur Kenntnis, dass mit den Zinsen der obigen Stiftung per K 80 am Sterbetage der sei. Frau Fanny Güdemann d. i. am 6. Schebat (21. Jänner 1907) ein oder zwei israel. Kranke weiblichen Geschlechter beteilt werden. Die Bewerberinnen haben ihre diesfälligen Gesuche mit einem Armuts- und Krankheitszeugnisse versehen bis 30. November 1906 im Einreichungsprotokolle der israel. Kultusgemeinde Wienr I., Seitenstettengasse 4, I. Stock, woselbst auch Gesuchsblankette unentgeltlich behoben werden können, während der Amtsstunden zwischen 9 und 12 Uhr vormittags zu überreichen. Auszüge ausden Matriken der israel. Kultusgemeinde Wien sind als Gesuchsblankette nicht erforderlich; es genügt vielmehr die genaue Angabe der betreffenden Daten. Auf nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche wird keine Rücksicht genommen.' Wien, 1. November 1906. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien.

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