Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 44 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 44. würdiges Beispiel von Bescheidenheit, hat seine Familie und Gemeinde in | tiefer Trauer zurückgelassen. Die Beliebtheit und die. Wertschätzung, deren sich der Verblichene in allen Kreisen erfreute, zeigte sich in eklatanter Weise beim Leichenbegängnisse, an welchem sich eine unabsehbare Menge Leidtragender beteiligte. Im Trauerhause hatten sich außer der Familie, Verwandten und zahlreichen Verehrern eingefundeu: Die Vertretung unserer Kultusgemeinde mit dem Präses Herr Dr. König und Vizepräses Herr Emanuel G r ü n w a l d, ein Bruder des Verblichenen, die Vertretung der Chewra-Kadischa durch die Herren Max Neumann, Obmann, und G. Dukes, Obmannstellvertreter, und die Vertreter des Vereines Talmud- Thora; ferner die Herren: Dr. S. B l o ch, Dr. Lederer, Dr. Tauber, Dr. Ruß, Dr. W intern i tz, Börsenrat Beer- Wien u. v. A. Herr Bezirksrabbiner Dr. M. Rosenmann hielt eine tiesergreifende, formvollendete Trauerrede, in welcher er die Tugend und Bescheidenheit oes Verblichenen schilderte und ihn als Gelehrten und Menschen pries. Herr Dr. I. König dankte an der Bahre im Namen der -Kultusgemeinde für seine Tätigkeit. Die kantoralen Funktionen versah Herr I. Kantor Rose nb e r g in erhebender Weise. J. E. Lemberg. In der am 8. d. M. stattgehabten außerordentlichen Sitzung des Kultusrates wurde der bisherige Vizepräsident der Kultnsgemeinde. Herr Landesadvokar Dr. Simon Schaff, einstimuiig zum Präsidenten und ebenso Herr Landesadvokat und Bezirksschulrat Dr. Josef Czeszor zum Vizepräsidenten gewählt. Budapest. In der am letzten Samstag stattgehabten außerordentlichen Generalversammlung der „Pester Lloyd"-Gesellsckaft wurde an Stelle des vor Monaten zurückgetretenen höchst verdienstvollen Präsidenten Hofrat Sigmund K o h n e r der bisherige feit vielen Jahren höchst erfolgreich wirkende Vizepräsident Hofrat Berthold W e i s z mit großer und aufrichtiger Begeisterung in offener Sitzung zum Präsidenten gewählt. Zum Vizepräsidenten wurde Herr Alexander Deutsch v. H a l o m und in die Direktion der Vizepräsident der Pester isr. Religionsgemeinde, Magnatenhausmitglied imd Generaldirektor Sigmund Kornfeld gewählt. Dem Ausschuß gehört als Mitglied auch der Präsident der Pester isr. Religionsgemeindc kön. Notar Hofrat Dr. Philipp W e i n m a n u an. Budapest. Das Kuratorium der Freystädtler-Stifmng hat auf Antrag des Präsidenten der isr. Kultusgemeinde Hofrat Dr. Philipp W e i n m a n n den Beschluß gefaßt, die Freystädtler-Stiftung mit den zwei von der isr. Kultusgemeinde verwalteten, demselben Zwecke dienenden Stiftungen zu vereinigen und aus den drei Stiftungen ein jüdisches Gymnasium zu errichten. Diesem Beschlüße hat sich der Vorstand der Kultusgemeiude in seiner heutigen Sitzung angeschloffen und die Errichtung des jüdischen Gymnasiums im Prinzip ausgesprochen. Der Bau und die Einrichtung würden aus dem Freystädtler-Fonds bestritten werden, während die Erhaltung des Gymnasiums aus den Zinsen des vom Freystädtler- Fonds noch verbleibenden 300.000 K. und aus denen eine Million Kronen betragenden übrigen Fonds Deckung finden würde. Die Kultnsgemeinde hofft, daß das Unterrichtsministerium der Verwirklichung des Planes keine Hindernisse in den Weg legen werde. Budapest. Die Budapester Universität und die ungarische Juristenwelt haben einen großen Verlust zu beklagen: eine ihrer Zierden, der Professor des Strafwesens Dr. Ladislaus Fayer ist im.64. Lebensjahre plötzlich gestorben. Fayer, dessen Ableben in weitesten Kreisen aufrichtigster Teilnahme begegnete, war einer der populärsten Profefforen der Universität, eiuer der fruchtbarstril Schriftsteller auf dem Gebiete des Strafrechts und ein Bahnbrecher der modernen Ideen der Kriminalistik. Seine unermüdliche wissenschaftliche Tätigkeit trug ihm die Verehrung und Wertschätzung der heimischen Juristenwelt und die Anerkennung der ausländischen Fachkreise ein. Fayer wirkte volle zwei Jahrzente hindurch an der Budapester Universirät, vorerst als außerordentlicher, dann als ordentlicher Profeffor. Am Tage nach seinem Ableben widmete der Dekan der juridischen Fakultät in einer Sitzung des Profefforenkollegiums dem dahingeschiedenen Gelehrten einen tiefempfundenen Nachruf. Das Leichenbegängnis fand unter außerordentlicher Teilnahme der vornehmsten Vertreter der Wissenschaft, zahlreicher Notabilitäten des politischen, gesellschaftlichen und kommerziellen Lebens, sowie der hervorragendsten Kreise der jüdischen Gemeinde statt. Nach dem vom Oberkantor Profeffor Adolf Lazarus exekutirten Trauergesange trat Rabbiner Dr. Simon H e v e s i an die Bahre und hielt eine tiefsinnige ergreifende Trauerrede, in welcher er die Lebensbestrebungen des dahingeschiedenen Gelehrten mit den Worten der Bibel charatterisirte: Das Recht kehre zur Billigkeit zurück. In ihm lebte die Idee, daß der Mensch sich im Dienste der Menschheit vervollkommnen müffe. Demzufolge gehört der Verblichene nicht nur seiner Familie, sondern auch dem ungarischen Vaterlande, der ganzen Menschheit an. An der Bahre sprachen weiters Universitätsprofessor Dr. Eugen B a l o g h namens der Universität und Akademie, Dr. Geza K e n e d i im Namen des ungar. Juristenvereines, deffen Vizepräsident der Verstorbene war, und die Juristen Tibor E r d ö d i und Bela Weiler namens der Universitätsjugend. Feuilleton. Die Aose von Saron. Novelle von Babette Fried-Prag. - I. Es ist ein schmerzlicher Anblick, die Gestalt einer trauernden Witwe, welche aus einem niederen Sitze, von ihren vaterlosen Waisen umgeben, den Tod ihres Lebensgefährten und Ernährers beweint. Der gebräuchliche Trostspruch, daß. alle Menschen, sterben müssen, scheint in diesem Falle so schal und banal zu sein, daß ihn verständige und fühlende Menschen gar nicht anwenden. Man betrauert tief und aufrichtig den Hintritt der Eltern, welche alt und lebenssatt dahin abgerufen wurden, wohin wir alle ohne Unterschied einst gehen müssen, — wenn aber ein Vater oder eine Mutter diese Welt verläßt, ohne' die Erziehung ihrer Kinder vollendet, oder eine Grundlage für deren Existenz, geschaffen zu haben, dann sträubt sich das menschliche Herz gegen Annahme jedes Trostgrundes, und bittere Klageworte entfahren den Lippen, Klagen, welche in den seltensten Fällen eine Ergebung, in den Willen des Unerforschlichen zulassen. Und da ist es dann ein Ort, wo dieser wilde Schmerz, sich in milde Wehmut auflöset, wo der Gram, der als schwere, schier unerträgliche Last unser Herz zu Boden drückt, durch eine erlösende Tränenflut erleichtert wird. Es ist dies der Grabhügel, unter, welchem die sterblichen Ueberreste unserer Teueren ruhen bis zu jenem Tage, an welchem der Engel Gottes in die Posaunestößt und alle Toten zu neuem Leben erwecket. Da, wenn uns der Schmerz zu übermannen droht, ziehen, wir hinaus zu dem geheiligten Orte und legen ein Steinchen auf das Grab, um anzudeuten, daß unsere Liebe unverwüstlich ist, wie dieser graue Stein, und nicht dahinwelket gleich den Blumen, die des Morgens prangen und Abends farblos und verdorret sind. Und wenn wir entfernt von dieser Grabstätte weilen, dann werden wir von uugezähmler Sehnsucht ergriffen, wenigstens von Zeit zu Zeit diese Stätte aufzusuchen und daselbst ein Gebet zu verrichten. Selbst diesen armseligen Trost sollte die junge- Witwe, welche, um den Gatten trauernd, auf einem niederen Schemel saß,, für immer entbehren müssen. Denn ihr Manu fand sein Grab auf dem Grunde des Meeres. In diesem Sinne äußerte sie sich auch zu ihrem Besucher, der ihr mit eindringlichen Worten das Nutzlose ihrer Verzweiflung vorhielt und ihr ans Herz legte, sich anfzuraffen, ihren Schmerz mit Energie abzuschütteln, um ihren neuen, auf sie einstürmenden Pflichten gerecht werden zu können. Traurig antwortete sie ihm: „Ich habe zwar immer Ihre Worte gleich denen eines begeisterten Propheten betrachtet und darnach gelebt, aber darin kann ich mich nicht fügen. Die Zeit tut Wunder, sagen Sie, und der Mensch müsse das vergessen, was von der Erde bedeckt wird. Die Leiche meines armen Mannes ruht aber nicht im Schoße der Erde, und folglich wird mein Schmerz und meine Trauer endlos sein wie das Weltmeer, in dessen Wellen der arme Vertriebene ein schauerliches Grab gefunden." Der alte Rechtsanwalt, ein treuer Freund und Studiengenosse ihres Vaters, mit dem die junge Witwe sprach, knüpfte an diese Worte eine Bemerkung, welche eine leise Hoffnung, involvierte. „Liebe Frau Brauer!" sagte er, „es wird von unseren alten Weisen die Frage aufgeworfen, wieso der vielgeprüfte Patriarch Jakob alle ihn von Jugend auf verfolgenden Schicksalsschläge mit ruhiger Ergebenheit ertragen hätte, und nur bei dev Nachricht vom vermeintlichen Tode seines Sohnes Josef so übermäßig trauerte? Die Antwort darauf ist eine verblüffend einfache. Der Mensch verschmerzt einem Naturgesetze zufolge jeden seiner Teueren, der im Schoße der Erde ruhet. Josef aber war nicht tot, also nicht begraben, darum konnte sich Jakob übev seinen Verlnst nicht beruhigen. Ich mag keine falschen Hoffnungen in Ihnen erwecken, liebe Frau Bräuer, Hoffnungen, die ich selber nicht teile, aber läßt Ihre, keinem Trostworte zugängliche Trauer, sowie der Umstand, daß die Leiche Ihres Gatten nicht aufgefunden wurde, nicht so manche Vermutungen aufkommen?" Traurig schüttelte Frau Bräuer ihr mit einem schwarzen Schleiertuche bedecktes Haupt. „Meine Trauer ist nur zu natürlich, doch wird sie noch erhöht durch Reue und Vorwürfe, die ich mir mache. Wäre ich meinem Gatten ein selbstlos ergebenes Weib, das mit seinen Schwächen Nachsicht hatte, gewesen, niemals hätte er die Heimat verlassen und einen frühen Tod gefunden. Ich selbst bin die Ursache seines Verderbens gewesen, und niemals kann ich meinen