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Die Wahrheit · 1906-11-16 · Heft 44 (16.11.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 44 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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AieZFahi'Hsit Rkdaktio» ». Sldministi atio»: Wien, D/, Nvvaragasse 27. SXfpbou Nr. k>rr Dinckerei 15302 3 Maate Die viermal gespaltene - Nonpareille-Zeile 85 Heller. Abonnementsn. Jnjertionsbelräge find in Wie» zahlbar und klagbar. Unabhängige Heitfchnft für jüöische Intere^en. Erscheint jeden Kreitng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Kür Cttltttsbeumle: '«„»zjävrig . CT. i K Rubel oder 16 Fes Ur. 44. Wien. 16. Aovemher 1906. Zuhalt: Aus der Woche. — Jüdische Protestanten. — Aus der Plenarsitzung des Kultusvorftandes. — Eine schreckliche Entdeckung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Rose von Saron. — Moriz Wallerstein. Ans der Woche. Bei den mährischen Landtagsmahlen, die eben im Zuge sind, zeigt es sich, in welcher Weise die Deutschen den Juden Dank abstatten für ihre langjährige, treue Gefolgschaft im Kampfe gegen die Czechisierung Mährens. In der allgemeinen Kurie wurden durchwegs Kandidaten von stramm nationaler, d. h. antisemitischer Couleur ausgestellt, und faktisch ist in Ostran, trotz a des heftigen Widerspruches der jüdischen Wählerkreise, der Freialldeutsche Dr. Freister gewählt worden. Das wird aber die mährischen Juden trotzdem nicht hindern, auch bei den Städtewahlen den über die Wahlzeit mit dem Mantel der Freiheit und konfessionellen Vorurteilslosigkeit drapierten sogenannten Deutschfreiheitlichen auf den Leim zu gehen, um nachher einzusehen, daß sie wieder die Gefoppten sind. Aber derartige Enttäuschungen werden sie insolange erleben, als ihr Streben nicht dahin gerichtet ist, mit ihrem Einflüsse auch die Wahl jüdischer Vertreter durchzusetzen und nur von diesem Gesichtspunkte aus den einzelnen Parteien im Wahlkampfe Unterstützung zu leihen. * * * Als ein eifriger Vertreter jüdischer Interessen hat sich, wie schon öfters, der Abgeordnete Dr. Straucher gezeigt, der in der Spezialdebatte über die Wahlreform über die ungerechte Behandlung der Juden Beschwerde führte. Besonders interessant war dabei die Beobachtung, aus welchen Elementen sich der Chorus der Zwischenrufer zusammensetzte, und man konnte da sehen, daß sämtliche Parteien im österreichischen Abgeordnetenhause — was ihre Judenfreundlichkeit betrifft — einander nichts vorzuwerfen haben. Deutsche und Czechen, Liberale und Antisemiten, überboten sich, die Ausführungen Dr. S rauch er s zu glossieren, aber dieser ließ sich nicht irre machen und gab in folgender Weise seiner Ueberzeugung mutvollen und prägnanten Ausdruck: „Auch jenes Volk, dessen Interessen ich hier pflichtgemäß zu vertreten habe, nämlich die Juden, erfährt durch die Wahlreform eine arge Zurücksetzung. In Oesterreich existieren 1V4 Millionen Juden, und die Regierung hat teilweise den berechtigten Anspruch dieses Volkes auf eine entsprechende Vertretung anerkannt, indem in Galizien Wahlbezirke mit jüdischer Majorität geschaffen wurden. Es ist nicht richtig, zu sagen, die Juden seien lediglich eine Konfession; sie assimilieren sich wohl hier und dort, allein dort, wo sie zu Hunderttausenden wohnen, müssen sie gewiß eine selbständige Vertretung haben. Abg. Stein: Ich bin ganz einverstanden damit! Abg. Dr. Straucher: Ich weiß. Sie begrüßen jedes Divoroon! Uebrigens frage ich nicht nach Ihren Motiven, und hoffe, daß Sie meine Anträge mit der Ihnen eigenen Schärfe und Gründlichkeit unterstützen werden. Die neun Millionen Deutschen in Oesterreich erhalten 233 Abgeordnete. Abg. Dr. Goetz: Da sind aber viele Juden dabei! Abg. Dr. Straucher: Gewiß, 450.000 Juden, die sich nach Ihrer Umgangssprache zur deutschen Nation bekennen. Abg. Dr. Götz: Die Juden können ja auch gewählt werden! Abg. Dr. Straucher: Sie können, aber sie werden nicht! Abg, Dr. Lecher: In Mähren sind ja jetzt bei den Landtagswahlen in der Stüdtekurie mehrere Juden als Kandidaten aufgestellt! Abg. Dr. Straucher: Zeigen Sie mir, ausgenommen den Abg. Ofner, einen einzigen jüdischen Abgeordneten aus Westösterreich. Abg. Dr. Götz: Mein Vorgänger war der Abg. Auspitz! Abg. Dr. Straucher: Das war vor Jahrzehnten, und was die deutschliberale Partei damals getan hat, ist mit dem nicht zu vergleichen, was jetzt geschieht. Wenn auf zirka 39.000 Deutsche je ein Mandat entfällt, dann müßten den Juden mindestens 11—12 Mandate zugewiesen werden. Allein sie erhalten nicht nur kein Mandat, sondern sie werden noch beschimpft, und ich erachte mich infolgedessen als der einzige, der sich in diesem Hause zu seinem Volke bekennt, für verpflichtet, für die Vertretung der Jaden, im Parlament einzutreten. Hätte der Abgeordnete Dr. Groß nicht im Wahlreformausschusie das Gerechtigkeitsgefühl besessen und verlangt, daß zum ersten Wahlkreis Czernowitz der Vorort Sadagora zugeschlagen werde, wodurch die dortigen Juden einigermaßen Aussicht haben, ihrem Kandidaten zum Siege zu verhelfen, dann stünde man heute vor der Tatsache, daß die Bukowina mit 96.000 Juden von insgesamt 736.000 Einwohnern überhaupt keinen jüdischen Vertreter im Reichsrate erhalte. Jeder ohne Unterschied der Parteistellung wird zugeben müssen, daß eine derartige Situation ein schweres Unrecht gegenüber der Judenschaft bedeuten würde, insbesondere wenn man bedenkt, daß die Juden in allen Lagen für das deutsche Volk eingetreten sind und die verpönte Judenpreffe den Grundpfeiler der Verteidigung und Wahrnehmung deutscher Interessen bildet. Wenn irgend jemand Ursache hätte, gegen die Judenpresse aufzutreten, so wäre es in erster Linie das Judentum selbst. In Galizien, wo sich über 900.000 Juden befinden. hat man diesem Volke sechs bis sieben Mandate konzediert, das

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