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Die Wahrheit · 1906-11-09 · Heft 43 (9.11.1906) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 43 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43. Die Wahrl»eit Lette 9. Victoria, 3. November 6 Uhr nachm, in Newyork. D. M o l t k e, von Newyork nach Genuas. November 3 Uhr nachm, in Neapel. D. Patricia, voti Newyork kommend, 2. November 7 Uhr abends auf der Elbe. D. Rapallo, 2. November 9 Uhr abends in Neworleans. Westindien. Mexiko, Südamerika: D. A b e s s i n i a, nach der Westküste Amerikas, 4. November 10 Uhr 50 Min. morgens Cuxhaven passiert. D. A l t e n b u r g, von Westindien kommend, 4. November 1 Uhr nachm, auf der Elbe. D. B o r ü s s i a, 3. November in Santos. D. C h e r u s k i a, nach Westindien, 3. November 2 Uhr nachm, in Antwerpen. D. E t r u r i a, 1. November in Buenos Aires. D. F ü r st Bismarck, 1. November in Havana. D. Kronprinzessin C e c i l i e. von Mexiko und Havana kommend, 4. November 11 Uhr morgens in Havre. D. La P lata, 4. November 10 Uhr morgens von Para. D. M a r k o m a n i a, nach Westindien, 4. November 1 Uhr 35 Min. morgens Cuxhaven passiert. D. Parthia, von Mittelbrasilien kommend, 4. November von St. Vincent. D. P a t a g o n i a, 1. November in St. Thomas. D. P i s a, nach dem La Plata, 4. November 4 Uhr nachm, in Cornna. D. R h a e t i a, von Santos kommend, 3. November von Bahia. D. R u g i a, nach Mittelbrasilien, 3. November 10 Uhr abends von Lissabon. D. S a r d i n i a, nach Westindien, 2. November 10 Uhr abends von Havre. D. S c o t i a, 4. November in St. Thomas. D. S t. T h o m a s, 3. November von Havana. D. T h e s s a l i a, von der Westküste Amerikas lammend, 2. November mittags Ouessant Creach passiert. D. T h u r i n g i a, von der Westküste Amerikas kommend, 1. November von Punta Arenas. Ö st a s i e n: D. A m b r i a, auf der Ausreise nach Ostasien, 3. November nachm., von Suez. D. A r a b i a, 2. November in Jokohama. D. B r i s g a v i a, 3. November 7 Uhr morgens von Moji. D. C. F e r d. Äaeisz, 1. November 8 Uhr abends von Manila. D. Christi an ia, auf der Ausreise nach Ostasien, 3. November Finisterre passiert. Dampfer Habs bürg, 2. November 12 Uhr mittags von Hongkong. D. H o h e n- 1t a u f e n, auf der Ausreise nach Ostasien, 4. November morgens in Port Said. D. Nico m ed i a, 2. November mittags von Astoria. D. S enetz a m b i a, auf der Heimreise von Ostasien, 3. November von Colombo. D. Spezia, auf der Ausreise nach Ostasien, 3. November 10 Uhr 15 Min. abends Cuxhaven passiert. D. Wandalin, 2. November 12 Uhr mittags von Hongkong. Diverse Fahrten: D. H u n g a r i a, nach Persien, 4. Novbr. in Marseille. Bergnügungsdampfer Meteor. 3. November 6 Uhr nachm, von Algier. D. Poseidon. 2. November 4 Uhr nachm, in Antwerpen. Aufruf! Geehrte Glaubensgenossen! Die Verarmung der jüdischen kleinen Leute nimmt furchtbar überhand. Tagtäglich gehen zahlreiche Existenzen zugrunde und aus Schaffenden werden Bettler. Oft sind nur minimale Summen nötig, um diese Leute zu retten, das Armenbudget zu entlasten. Die Erkrankung eines Familienmitgliedes, der kleinste Unfall bringt diese des Interesses Würdigsten zum Schiffbruch, ber zu verhindern ist, wenn rasche Hilfe zur Hand ist. In vielen Fällen kann ein kleines Darlehen die Verelendung hintanhalten, wenn es prompt gewährt wird. Dies zu ermöglichen, ist Zweck des projektierten Vereines „Prompte Hilfe '. Derselbe soll Darlehen von 20—100 Kronen in Äusnahmsfälleü bis 200 Kronen zinsenfrei geben; als wichtigste Bestimmung führen wir an, daß Darlehens- Gesuche innerhalb 3 Tagen erledigt werden müssen. Durch das rasche Eingreifen des Vereines sollen Existenzen erhalten, unsere Gemeinde gestärkt, unsere Armenpflege erleichtert und manchem Gelegenheit geboten werden, sich durch seine Tüchtigkeit durchzurinqen zum Wohlstand. Wer für die Leiden unserer Mitbrüder Sinn hat, wem das Wohl der Gemeinde am Herzen liegt, wird sich unserem Vereine anschließen. Beitrittserklärungen erbeten an Wien, November 1906. Rudolf Fuchs Produktenhändler II. Praterstraße 50. Aus dem russisch-türkischen Krieg (1877). (Schluß.) Nun befand sich in diesem Gefängnisse seit etwa zwei Jahren ein gefürchteter Mörder, auf den das Gericht — wahrscheinlich ans gewissen Gründen — vergessen zu haben schien. Er mußte sich außerordentlich wohl hier fühlen, da er, obwohl er schon öfters Gelegenheit hatte, jeden Fluchtversuch unterließ. Von diesem hatte ich nun schon in der ersten Stunde erfahrenein wie gefürchtetes und großes Ansehen er bei allen Gefängnisbeamten habe. Ihm klagte ich also mein Leid, daß ich nach so vielen Wochen nicht einmal meine Frau sehen dürfe, da es der Gefängnisaufseher nicht gestatte. Er rief nun diesen herbei und befahl ihm, die Frau sofort zu mir zu lassen. Der Aufseher erwiderte kein Wort, und nach wenigen Minuten lag meine Frau in meinen Armen. Nach einer halben Stunde aber mußte ich mich leider schon von ihr trennen. Sie hatte sich vor Aufregung gar nicht fassen können. Am nächsten Tag benachrichtigte man mich, daß wir vier Deserteure in eine Festung bei Petersburg gebracht und dort erschossen werden. Trotzdem mir ein solches Los bevorstand, verlor ich meine Fassung nicht. Ich ließ jetzt meiner Frau telegraphieren, sie solle sofort wieder kommen, da Wichtiges vorgefallen sei. Ich hatte dem Gefängnisaufseher außer der Taxe für das Telegramm als Botenlohn zwei Rubel gegeben. Dadurch bewogen, zeigte er sich sehr dienstfertig- und forderte mich auf, es ihm nur zu sagen, wenn ich etwas wünsche. Da ich nun die ganze Zeit keine Unterwäsche gewechselt hatte, machte ich sofort von der Erlaubnis Gebrauch, indem ich ihn bat, mit mir am Abend in die Stadt zu gehen, ich wolle mir nur neue Unterwüsche kaufen. Ich will jetzt gleich bemerken, daß ich d.ibei keinen Nebengedanken hatte und an eine Flucht nicht dachte. Anfangs weigerte er sich, als ich ihm aber drei Rubel in die Hand drückte, gab er meiner Bitte nach.' Es schien mir, als ob er bloß auf das Geld gewartet habe. Vor dem Gefängnis lag ein Garten, der sich bis zum Bahnhof zog. Als ich nun mein Einkäufe besorgt hatte, gingen wir durch diesen Garten zurück. Wir waren fast beim Ausgange angekommeu, als mein Begleiter einen Bekannten traf, mit dem er sich in ein Gespräch einließ. Bald fetzten sie sich nieder. Es schien, als ob er auf mich überhaupt vergessen hatte. Ich entfernte mich etwas, kam wieder zurück; dann weiter, immer weiter, bis ich zu den beim Bahnhofe gelegenen Ausgang kam. Als ich sah, daß er sich um mich überhaupt nicht kümmerte, lief ich in den Bahnhof hinaus. Es war neun Uhr. Der Zug nach Warschau ging erst um neun Uhr zehn Minuten. Ich löste mir eine Karte, setzte mich in eine Ecke und wartete mein Schicksal ab. Diese zehn Minuten waren die ärgste Zeit meines Lebens gewesen. Meine Füße begannen zu zittern, mein Kopf schmerzte mich und wüste Bilder zogen vor meinen Augen vorbei. Als der Zug einfuhr, bemerkte ich es gar nicht und erst die dröhnende Stimme des Kondukteurs brachte mich zum Bewußtsein. Ich stieg eilends ein. Da sah ich durch das Coupsfenster einen Mann gerade auf mein Coups zulaufen. Ich blieb regungslos sitzen; doch ich hatte mich getäuscht — es war ein Passagier, der sich zu verspäten fürchtete. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung, und um zwei Uhr nachts kam ich in Warschau an. Die letzte Furcht war beseitigt, ich konnte ungehindert den Bahnhof passieren. Rasch eilte ich zu meinem Schwager, der mich wegen meines verwilderten Aussehens fast gar nicht erkannte. Jetzt erst, als ich mich halbwegs in Sicherheit sah, begann ich, wie ein Stück Eis im warmen Zimmer, aufzutauen. Obwohl ich mich die ganze Zeit beherrscht harte, fing ich jetzt wie ein Kind zu weinen an. Am Morgen wollte ich meine Frau holen lassen, doch sie war schon auf das Telegramm hin zu mir abgereist und erst Nachmittag kam sie in Warschau an, da man sie zu mir nicht mehr hatte vorlassen wollen. Daraus mußte ich auch schließen, daß man um acht Uhr noch nichts von meiner Flucht wußte. Zwei Tage blieb ich noch bei meinem Schwager, und als ich sah, daß man mich in Warschau nicht suche, fuhr ich mit meiner Frau nach Krakau. Sieben Monate arbeitete ich hier in einer Metallfabrik, siedelte dann nach B. über, wo ich mir mit erspartem Gelde eine kleine Metallgießerei anlegte. Doch scheint es, daß Gott mich bloß ans die Probe stellen wollte, ob ich ausharren werde. Denn nach einigen Jahren konnte ich mir eine große Fabrik anlegen und meine armen Verwandten reichlich unterstützen. In Stunden, in welchen ich über die Vergangenheit nächdenke, kommt mir unwillkürlich Rabbi Akibas „Gamsu letobu“ in den SinN.

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